Samstag, 1. Juni 2013

Das K-Wort. Der eigene Strich, Teil 1


Reinhard Kleist schrieb seinerzeit in seinem Artikel über DCIK, dass sich das Buch teilweise wie eine Anleitung zur Selbsterkenntnis lese; und gleichzeitig erklärte er das Kapitel über  "Schöpfungskraft und Schweinhunde", über den eigenen kreativen Prozeß und den Weg zur eigenen Story zur Pflichtlektüre und zum wichtigsten Kapitel des Buches.

Tatsache ist, alle Anleitungen der Welt können noch so gut sein – ob wir etwas daraus machen, ob wir Erfolg haben in dem was wir tun, ob wir die Ziele erreichen, die uns vorschweben – all das hat herzlich wenig mit Talenten, Veranlagungen und Lebensumständen zu tun. Erfolg, und damit meine ich nicht Kohle und Ruhm, sondern ein autonomes Leben, in dem wir genau das tun können, was wir wollen – Erfolg passiert zu 100 Prozent in der Birne. Ich kenne absolute Ausnahmetalente in mehr als prekären Lebensumständen; gleichzeitig kenne ich Zeichner, Musiker mit eher begrenzten Fähigkeiten, die an sich glauben und an sich arbeiten, und die sehr gute Lebensumstände für  sich geschaffen haben.

Eiiiiiiigentlich ist Leben oder „Karriere“ nämlich lächerlich einfach. Man muss nur wissen, wo man steht, wissen, wo man hinwill, und dann in aller Ruhe den Weg von A nach Z ablaufen. Natürlich gibt es eine Menge Beispiele, in denen Menschen in eine Karriere “reingestolpert“ sind. Aber für jedes dieser Beispiele gibt es 1000 Beispiele für Menschen, die durch unüberlegte Entscheidungen, oder durch gar keine Entscheidungen, in Lebensumstände geraten sind, in denen sie unglücklich sind. Ich weiß nicht, wie oft ich das Wort „gestrandet“ im Zusammenhang mit Berufswegen gehört habe. Ich würde fast sagen, dass die Mehrzahl der Menschen, die ich kenne, so lebt. In unserer Zeit, und hier in Deutschland, kann man auch mit einem schlechten Job ein sehr anständiges, bequemes Leben führen. Aber Glück ist halt etwas anderes.

Glück also, huh? Ein großer Begriff, den jeder anders definiert. Aber wir alle kennen eine bestimmte Art des Glücklichen Zustandes, wenn wir in einem Spiel oder in einer Tätigkeit versunken sind, und jedes Gefühl für Zeit und Raum verlieren. Das, was wir sind, und das, was wir tun, ist ein und dasselbe in diesem Momenten. Der ungarische Psychologe mit dem unaussprechlichen Namen Mihály Csíkszentmihályi (Tschick- SentMi-HaJi) hat diesen Zustand unter dem Namen FLOW beschrieben. Es ist die Euphorie eines Sportlers, der ein Rennen bestreitet, eines Tänzers, der einen Tanz aufführt, eines Musikers, der ein Stück interpretiert, eines Zeichners, der eine Zeichnung ausarbeitet.

Und auch wenn das nicht immer gilt – ein wichtiger Bestandteil dieses FLOW-Zustandes ist, dass man einen festen Weg abschreitet, und weiß, wo man dabei steht. Ein Bergsteiger weiss, wie viel er hinter sich hat, und wie viel er vor sich hat. Ein Musiker weiß, in welchem Takt des Stückes er sich befindet (außer er spielt bei Motörhead), und auch ein routinierter Zeichner schreitet auf dem Weg von der ersten Skizze bis zum fertigen Bild feste Schritte ab.

Csíkszentmihályi hat zumindest zwei Bücher geschrieben, die für mich echte Augenöffner waren – FLOW und LEBE GUT. Die schlechte Nachricht für mich als Oberchaoten war, dass Glück eben auch sehr viel mit Struktur und Ordnung zu tun hat. Tage, die in uns ein Gefühl der Unbefriedigung zurücklassen, Tage die wir vielleicht als „verschwendet“ bezeichnen, und davon hatte ich immer reichlich, sind die Tage, die ohne Richtung vor sich hinplätschern, wo man mal dies, mal jenes macht, ohne Ziel und Richtung, man fängt tausend Sachen an, und bringt nichts zuende.

Vielleicht kennst du solche Tage. Vielleicht weißt du, welches blöde Gefühl solche Tage in uns auslösen.

Und es gibt unzählige Menschen, deren komplettes Leben so aussieht.

Okay, was hatte das ganze nochmal mit Zeichnen zu tun? Alles. Bei jeder anderen praktischen Tätigkeit geht es uns darum, Beherrschung zu erlangen, kompetent zu werden in dem, was wir tun. Wir hören unserem Fahrlehrer zu, machen brav unsere Übungen wenn wir Sprachen lernen oder ein Computerprogramm. Aber sobald es um Kreativität geht, um KUNST, identifizieren wir uns als Person mit dem, was wir tun. Wir hören auf, das was wir tun sachlich und objektiv zu betrachten. WIR sind toll, deswegen muss das, was wir tun, auch toll sein. Wir hantieren mit Begriffen wie Talent, Begabung, Inspiration und Muße, wir vergewissern uns immer wieder, dass wir ganz toll sind und eine Begabung haben, die uns zu etwas besonderem macht. Und all diese Egogedöns schafft eine Menge Dampf in unseren Köpfen, der uns daran hindert,  uns selbst und den Weg vor uns mit einem klaren Blick zu sehen.

Und ganz egal, ob es darum geht, ein Instrument zu lernen einen eigenen Stil für die Comics zu entwickeln, oder ob es darum geht, ein komplettes LEBEN zu gestalten – alles fängt damit an, dass wir sehen können, wo wir stehen, und wo wir hinwollen.

Das K-Wort

Ich habe in den vergangen Monaten sehr viel über den Prozess des Lernens gelesen, und zwei Herangehensweisen machten für mich den meisten Sinn, die eine westlich, die andere östlich.

Der erste Ansatz wurde in den 70er Jahren in den USA entwickelt und unterscheidet vier Stufen von „Kompetenz“. Und die erste, unterste Stufe ist die schmerzlichste von allen, und ich sehe die Welt mit anderen Augen, seit ich von ihrer Existenz weiß. Die unterste Stufe der Kompetenz wird bezeichnet als „unbewusste Inkompetenz“.

Im Klartext: Man hat keine Ahnung, und WEISS NICHT, dass man keine Ahnung hat.

Und diese „unbewusste Inkompetenz“ haben wir in fast allen Dingen. Wir urteilen über Religionen, Länder, Völker, Personen. Und haben in den allermeisten Fällen nicht die geringste Ahnung, wovon wir reden. *Wissen* wir wirklich, ob Angelina Jolie eine schlechte Mutter ist, oder wie „die Chinesen“ drauf sind? Natürlich nicht. Aber das ist uns erstmal egal. Wir können urteilen und uns überlegen fühlen, und das ist genau das, was unser Ego will und braucht.

Natürlich hat mich diese Erkenntnis nicht zu einem weisen Mann gemacht. Ich urteile noch immer jeden Tag, was das Zeug hält. Aber in einigen hellen Momenten halte ich inne und frage mich, ob ich wirklich kompetent bin, über einen Sachverhalt oder eine Person zu urteilen. Und in den meisten Fällen ist die Antwort: Nein.

Und speziell beim Zeichnen hat es mir sehr geholfen, nicht mehr in Richtung ungreifbarer Kategorien wie „Kunst“ zu denken, sondern in Kategorien von Kompetenz. Es hat mir zum ersten Mal ermöglicht, für mich selbst zu ordnen, was ich noch lernen will, und was ich noch lernen muss. Dieses Bewusstsein war für mich der wichtigste erste Schritt zu einem eigenen Stil und zu einer besseren Zeichentechnik. Denn wie gesagt: alles beginnt und endet in unserer Birne.  

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