Sonntag, 23. September 2012

Where you take things to. Planlose Worte zur Kreativität


It’s not where you take things from. It’s where you take things to.
Jim Jarmusch

In meinen Buch, von dem ich nicht aufhöre zu reden, gibt es ein langes Kapitel über die Widerstände, die wir bei unseren Projekten erfahren und das Funktionieren und Umgehen mit Kreativität allgemein. Es ist das theoretischste, aber vielleicht auch das wichtigste Kapitel des Buches, denn der Knackpunkt ist eigentlich nicht, ob wir unglaublich talentiert sind oder nicht. Der Knackpunkt ist, was wir aus dem machen, was wir haben. Während wir in unsere Designer-Kräuterlimo weinen, weil wir IMMER NOCH NICHT von unseren Comics leben können, lernt nebenan jemand, Gitarre zu spielen. Mit einem Arm. Oder komponieren, mit den Augenlidern.
 
Hier nochmal ein paar Gedanken, die ich in DCIK nicht ausführen konnte. Ideen und Prinzipien, die mein Leben verändert haben, und die uns helfen können, uns selbst und unsere Kreativität besser zu verstehen.

 
 

Kreativität entsteht nicht aus dem leeren Raum.

Das ist besonders stilistisch ein großes Problem für junge Zeichner, denn spätestens wenn sie die 20 überschritten haben, zieht der Mitbewohner EGO in ihre WG ein. Und während ein junger Teenager oder ein Kind kein Problem damit hat, seitenweise einen bewunderten Zeichner zu kopieren, würden viele Zeichner im späteren Alter lieber sterben als in dem Verdacht zu stehen, zu kopieren. ICH MACH MEIN EIGENES DING. ICH HABE MEINEN EIGENEN STIL. ICH WILL NIEMANDEN KOPIEREN. Aber sehr viele angehende Zeichner haben nicht genug Erfahrung im Interpretieren und Abbilden von Menschen und Umgebungen, um sich selbst einen Stil zu finden, und hunderte crashen an genau dieser Klippe: bei dem Versuch, auf Biegen und Brechen, und zwar SO SCHNELL WIE MÖGLICH, einen eigenen Stil herbeizubiegen.
Was wir lernen, wenn wir einen Zeichner kopieren, ist eine Technik, eine Lösung für die Interpretation und Abstraktion des menschlichen Körpers. Einer meiner Lieblingssätze stammt von Jim Jarmusch, der wiederum behauptet, Jean-Luc  Godard hätte es gesagt: It’s not where you take things from. It’s where you take things to.
Kreativität, wie ich sie begreife, kann eine neue Kombination von Einflüssen sein, die zusammen etwas neues ergeben. Im Stil von Ralf König verschmelzen Claire Bretecher, Binet und Vaughn Bodé zu etwas neuem, unverkennbaren; Und es war nicht Claire Bretecher, die in diesem Stil Geschichten von Romanlänge verfasste, die Themen wie Liebe, Treue, Krankheit und Tod aufgriffen. Brechts „Dreigroschenoper“ begann als deutsche Kopie der englischen Beggar’s Opera und wurde im Verlauf zu etwas völlig Eigenständigem; Jimi Hendrix lernte die Stile unzähliger Vorbilder und schuf  daraus einen eigenen, innovativen Stil. Selbst das WikiHow, das häufig sehr stark an der Oberfläche bleibt, schlägt als ersten Schritt zum eigenen Stil vor, sich einen Künstler zu suchen, der als eine Art „Pate“ fungiert. Flix, Walter Moers, Jim Borgman, Adrian Tomine und unzählige andere haben diesen Weg beschritten und aus einem bestehenden Stil einen unverkennbaren, neuen Stil mit neuen Formen und Inhalten geschaffen.
Die Vorstellung, eine komplette neue, bahnbrechende Ästhetik zu schaffen, ist allzu oft nur eine romantische Vorstellung junger Zeichner mit sehr ungeübtem Auge, die nicht etwas tolles machen wollen, sondern etwas tolles SEIN wollen. Es ist fast immer hilfreich, sich des eigenen Egos bewusst zu sein, und es vor die Tür zu setzen, wenn es einem zu sehr im Weg steht.
„Ich finde, du solltest viel mehr klauen.“ – Ralf König
 

2. Kunst kommt von Machen

Ich war kürzlich erstaunt zu erfahren, dass das von mir so heiss und innig geliebte Buch THE WAR OF ART über den Kampf kreativer Menschen mit ihren inneren Barrikaden tatsächlich bereits auf Deutsch existiert;  Keine Ahnung, weshalb das Buch mit dem Titel „Morgen fange ich an... warum nicht heute? Überwinden Sie Ihre inneren Widerstände“ kein Hit wurde. Ich hätte es tatsächlich KUNST KOMMT VON MACHEN genannt, denn durch nichts anderes werden wir kreativ, und durch nichts anderes entwickelt sich unsere eigene Stimme und unser eigner Stil. Neil Gaiman schreibt im Nachwort zum ersten SANDMAN-Sammelband, dass er am Ende des fünften Heftes das Gefühl hatte, seine Stimme gefunden zu haben. Dave Sim schreibt, dass es für ihn drei Jahre dauerte, bis er Ton, Stimme und Inhalt für CEREBUS gefunden hatt, also nachdem er bereits circa 1000 Comicseiten gezeichnet hatte. Und ich hatte das Beispiel der BEGGAR’S OPERA bereits erwähnt: Brecht begann mit der groben Grundidee, und unter seinen Händen entstand etwas völlig neues und eigenständiges.
 Ich erlebe immer wieder Leute, die mir erzählen, sie WÜRDEN ja  so gerne ihren Roman oder ihre Graphic Novel schreiben, aber nur für einen großen Verlag oder viel Geld. Das heisst, erst soll die Kohle oder der Erfolg garantiert sein, und DANN wird das Projekt angegangen.
Und immer wenn ich mit solchen Leuten rede, unterdrücke ich den einzigen Satz, den ich ihnen sagen möchte:  DU WIRST DEIN BUCH NIEMALS MACHEN.
 

MACHEN UND HANDWERK

Sowohl Terry Moore als auch Sam Kieth berichten, dass sie viele, viele Jahre damit verbrachten, Mainstream-Zeichner zu studieren und zu kopieren, bevor sie, jeder auf seine Weise, ihren eigenen Weg gingen. Allerdings hatte ihnen das Kopieren ein enormes handwerkliches Fundament gegeben, ein riesiges Spektrum an Techniken, die es ihnen ermöglichte, buchstäblich alles zu zeichnen, was ihnen in den Kopf kam. Hier liegt ein bisschen die Gefahr des K-Wortes: in dem Moment, in dem wir uns „Künstler“ nennen, adeln wir uns als besondere Wesen. Und wenn man eh schon toll ist, braucht man doch eigentlich nichts tolles mehr zu machen, oder?  Ich bin überzeugt davon, dass es viele großartige Künstler gibt, aber zu meinen Fanzine-Zeiten waren die Leute, die das K-Wort am häufigsten im Mund führten, eben auch die, die am meisten redeten und am wenigsten machten.
 

Machen, Glück und Wunderwerk

Das Englische kennt den Begriff der SERENDIPITY. Hinter diesem Geheimnisvollen und etwas dämlich klingenden Wort verbirgt sich das Phänomen, daß man auf der Suche nach A etwas anderes Großartiges, B entdeckt.  Das Anginamedikament Sidenalfil verschaffte zwar keine Erleichterung mit der Angina, aber die Testpersonen berichteten nicht gänzlich unerfreut über spontane Ständer als Nebeneffekt, und kurze Zeit später eroberte das Medikament unter dem Namen VIAGRA den Globus. Der autodidaktische Ingenieur Percy Spencer experimentierte mit Mikrowellenstrahlen für Radarstationen, als er merkte, wie die Schokolade in seiner Hose schmolz. Und dem Chemiker Albert Hoffmann wurde ganz blümerant, als er im Selbstversuch 250 mg seines für Kreislaufstimulanz hergestellten Präparates Lysergsäurediethylamid einschmiss, was ungefähr das Zehnfache der heute üblichen Dosis für „LSD“ ist.
 
Jeder Zeichner kennt das Phänomen: Man zeichnet 100 Arme, um Anatomie zu lernen, und kann danach Faltenwurf. Man übt A und kann danach B. Man macht endlos viele Entdeckungen beim „Machen“, beabsichtigt oder nicht. Und Gary Player, einer der erfolgreichsten Golfspieler aller Zeiten, wurde bekannt mit dem Zitat „The harder I work, the luckier I get“. Das Universum belohnt unsere Taten, unsere Versuche und Initiativen.

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