Montag, 17. September 2012

Von Flüsterton bis Paukenschlag: Leise und laute Panels.

 
 
 Auch wenn fette, bombastische kleinster-gemeinsamer Nenner-Blockbusterfilme, an denen Hunderte von Leuten beteiligt waren, durchaus ihre Reize haben: einer der Stärken von Comics ist, dass sie meistens von einer, vielleicht zwei Personen geschrieben und gezeichnet werden. So kann in der Story eine sehr persönliche Stimme durchscheinen, mit einem besonderen, einmaligen Ton, der sich in der Themenwahl ebenso niederschlägt wie in den Figuren und der Handlung, und nicht zuletzt im Puls der Geschichte: im Seitenlayout. Die Intensität oder "Lautstärke" im Seitenlayout, kann leise und zurückhaltend sein kann wie bei Seth, aber auch laut und polternd, wie in SIN CITY. Jeder Erzähler hat einen Grundton, in der eine Geschichte verläuft, aber so wie ein Musikstück seine Energie aus dem Zusammenspiel von Laut und Leise zieht, schöpft auch eine Geschichte ihre Energie aus der Dynamik von Laut und Leise. In diesem Beitrag geht es um "laute" und "leise" Panels und Seitenlayouts, und welche Wirkung man damit erzielen kann.
Der leise Seth, der polternde Miller: Gegensätzlicher können Erzähler kaum sein. 
 

Das Panel: die Zeiteinheit.

Seiten komplett ohne Panelstruktur, ob mit oder ohne Rahmen, sieht man vor allem bei zwei Arten von Zeichnern: solchen, die sehr routiniert sind, und solchen, die nicht die geringste Ahnung haben was sie tun. Ich weiss, dass ich in meinen ersten Comics versuchte, komplett ohne Panels auszukommen. Ich hatte sie nicht nötig.  Ich fing irgendwo ben links an, und kam irgendwie irgendwann unten rechts an. Meine Bilder und Texte tapsten ohne Zusammenhalt und Rhythmus über die Seite wie ein Ferkel durch die Kacke, die Seiten waren grauenhaft anzusehen und unlesbar. Ich behauptete trotzig, das sein „mein Stil“, WIE LEUTE DAS IMMER TUN, WENN SIE NICHT WISSEN DASS SIE KEINE AHNUNG HABEN, und es würde noch Jahre dauern, bis meine Seiten Rhythmus und Zusammenhang bekamen.

Viele, speziell  junge Zeichner, die das Medium stürmen wollen wie die Bastille, arbeiten ohne Panels, weil sie sie langweilig und steif finden.  Aber Panels geben den Seiten Ryhthmus und Einheitlichkeit, und vor allem: sie zwingen uns, unsere Inhalte in eine interessante, dynmasche Form zu bringen. Der Zeichner Jaime Hernandez begann mit sehr experimentellen Seitenlayouts, und landete irgendwann bei festen Grids, Panelrastern, die mit wenigen Ausnahmen auf allen Seiten gleich waren. Er wollte, dass die Gestaltung dem Inhalt so wenig wie möglich im Weg steht. Was ich bei Jaime Hernandez besonders bewundere, sind seine extrem aufgeräumten, harmonischen und dynamischen Panelkompositionen. Jedes Panel von Jaime Hernandez  ist komponiert wie die Bilder eines guten Fotografen.
Jaime Hernandez: Exttrem aufgeräumte Panels.

Laut und Leise

Im Comic ist Raum gleich Zeit, und Zeit ist gleich Bedeutung. Etwas Wichtiges bekommt mehr Raum, und wirkt dadurch intensiver und „lauter“.

  • In Seitenlayouts mit festen Raster erreicht man diesen Effekt durch Heranzoomen.  
  • in dynamischeren Seitenlayouts bekommen wichtigere Momente größere Panels, am Ende einer Szene, oder wenn es besonders gewaltig poltern soll, auch man eine ganze Seite, ein Splash Page.
  • Eine weitere Möglichkeit, auf einer Seite einen Akzent zu setzen, ist, nach dem bam-bam-bam normaler Panels das BAM eines offenen Panels oder Bleed Panels zu setzen.
Aus Seven Soldier: Denis ist in Geldnot und bittet seine Freundin Sally ein paar VÖLLIG HARMLOSE erotische Fotoaufnahmen machen zu lassen. Wie begéistert sie davon ist, kann man an der Körpersprache bereits lesen, aber er lässt nicht locker.
 
"Wenn du ehrlich alle unsere finanziellen Probleme lösen könntest, indem du ein paar sehr geschmackvolle Aufnahmen machen lässt ... sagst du wirklich, du würdest es nicht tun?
 
Ich dachte du liebst mich, Sal."
 
Wer weiss, was dabei durch ihren Kopf geht. Aber irgendwas macht der Satz mit ihr.

Watchmen, die sixtinische Kapelle der Graphic Novel, arbeitet fast ausschließlich mit einem festen Seitenraster von drei Panelreihen. Wenn Dave Gibbons die Intensität steigern will, benutzt er Zooms oder größere Panels.

 Bei einem Zoom wird das Gesagte intensiver, vielleicht weil ein Zoom uns das Gefühl gibt, die Person stünde direkt ganz nah vor unserem Gesicht. Was im Fall von Rorschach eine ECHT unangenehme Vorstellung ist.
 
In einer Szene aus Watchmen besucht Rorschach Ozymandias, einen ehemaligen Watchmen, der seine Heldentätigkeit zu einem riesigen Merchandise-Imperium ausgebaut hat. Es gibt Videos, Shows, Lerhbücher und Actionfiguren. Rohrschach indes ist zwar ein kranker, häßlicher Psychopath, aber ein kranker häßlicher Psychopath mit Ehrgefühl und Integrität, und er verachtet Ozymandias zutiefst für seinen Ausverkauf. Er sei gekommen, um ihn vor dem Mörder zu warnen, sagt Rohrschach, aber offensichtlich kann man ein schlimmeres Ende finden als den Tod. Und mit diesem Satz lässt er Ozymandias allein. TAM.
 
  

 Promethea

 „Das einzige, was ich in meinen Leben bereue“, sagte Woody Allen einmal, „ist, dass ich nicht jemand anderes bin.“ Und bei der Serie "Promethea" der beiden Schwergewichte Alan Moore und J.H. Williams III, geht mir das ähnlich: Das einzige, was ich bei Promethea bemängeln kann, ist, dass es nicht ein anderer Comic ist. Bei all seinen Qualitäten ist Promethea der Wachturm unter der Comics: die Story ist nur ein phantasievoller Vorwand, um den Lesern die Theorie und Lehre der KABBALA  nahezubringen, ein philosophisches und religiöses Konzept, das die Welt und die Wahrnehmung erklärt. Aber der Comic ist dennoch voller großartiger Momente, und für meine Begriffe erlebt man hier den Zeichner und Maestro des Seitenlayouts, J.H. Williams, in Höchstform. Auf einer meiner Lieblingsseiten steht Sophie, die später Promethea wird, aus unerfindlichen Gründen auf der Treppe eines düsteren Hinterhofs. Und immer wenn das Tempo der Handlung wechselt, wechselt Williams zu einer offenen Panelform.
 
Den Ort legt Williams in einem Bleed Panel an, das über den Seitenrand hinüberschwappt, und so die düstere Atmosphäre des Ortes allgegewärtig macht.

 

Ich stelle mir vor, welchen Soundtrack die Seite hätte, und beim Betreten dieser Treppe hört man vielleicht einen leisen, leicht angegruselten Streicherteppich.

Die folgenden drei Panels sind wie kleine, vorsichtige Schritte. Tap? Tap? Tap? Irgendwas ist faul. Williams zoomt ran. „Hello?“ fragt Sophie?

 
Und HELLO anwortet schließlich der SMEE, der den Auftrag hat, sie umzubringen, und ihr zu diesem Zweck die Hand auf die Schulter legt, wie in einem alten Jack Arnold-Film. Aber Sophie schlüpft aus der Jacke und rennt weg. Jetzt wechselt der Rhythmus der Seite, und die Flucht von Sophie aufs Dach des Gebäudes, mit dem Smee hinterher, setzt Williams wieder in einem offenen Bleed Panel um, um mit dem Verlauf des Gebäudes visuell sehr elegant auf die nächste Seite überzuleiten.



In einem Film wäre jetzt hektisches TAM TAM TAM TAM-Getrommel zu hören. Auf der nächsten Seite wird die Struktur der vorigen Seite gespiegelt, und Sophie hat gerade drei Panels Zeit, bis der Smee sie erwischt hat und das Tempo zum Stillstand kommt. "Was habe ich denn getan?" fragte Sophie, "ich habe doch nur ein paar Bücher gelesen!" Der Smee ergreift sie und hält sie sich vor die Nase. Kurzes dramaturgisches Atempäuschen. Ein kurzer Stillstand auf der Seite. Die falschen Bücher, sagt der Smee lapidar -


Und dann schleudert er Sophie vom Dach, wieder in den offenen Raum eines Bleed Panels hinein. Und natürlich ist das Panel gleichzeitig auch ein netter Page Turner.


( keine Sorge, die gute Sophie wird eine Seite weiter wieder gerettet. Sie ist schliesslich die Hauptfigur.)

100 Bullets


Der Star der Serie sind die Seitenlayouts von Eduardo Risso. In vielen Geschichten der Serie erfahren wir vom Schicksal verschiedenster Menschen, denen etwas genommen, oder deren Leben zerstört wurde. Eines Tages taucht ein „Agent Graves“ bei ihnen auf, verrät ihnen, wer ihr Leben zerstört hat, und überreicht ihnen einen Koffer mit 100 Kugeln, die nicht zurückverfolgt werden. Findet die Polizei eine dieser Kugeln in einer Leiche, werden alle Untersuchungen sofort eingestellt. In der Geschichte „Heartbreak, Sunnyside up“, erfährt eine Mutter, weshalb ihre Tochter weglief, welches tragische Schicksal sie ereilt hat, und wer daran Schuld hat.

Auf dieser Seite macht sich die Mutter auf den Weg zur Arbeit, und wirft einen letzten Blick auf das Kinderzimmer ihrer Tochter, dass sie weiter pflegt und erhält, genauso wie es hinterlassen wurde.

 
In dem Café, in dem sie arbeitet, erscheint dieser komische Typ mit seinem Koffer, der ihren Namen kennt, und über ihre Tochter reden möchte. Er gibt ihr einen Koffer mit Beweisen, und hundert Kugeln für einen perfekten Mord an dem Menschen, der das Schicksal ihrer Tochter auf dem Gewissen hat.  

Das hier

 
ist der Moment, in dem die Mutter den Namen des Täters liest. Nach einer ziemlich gleichmäßigen Abfolgen von Panels wirkt das große, offene Panel am Schluss wie ein Paukenschlag.

[SPOILER ALERT] Es ist ihr eigener Ehemann, dessen Missbrauch und Quälereien die Tochter nicht mehr ertragen konnte.  Auf der letzten Seite der Geschichte sehen wir das Haus, mit der zu erwartenden Geräuschkulisse BAMBAMBAMBAM.

 
Graves steht vor dem Haus.

Er senkt den Kopf.


Und geht seiner Wege. Mission erfüllt. Risso benutzt häufig große Bleed Panels, um eine Szene oder eine Geschichte mit einem Paukenschlag zu beenden.

 In DER COMIC IM KOPF:
  • Ein ausführlicher Abschnitt über Bedeutung und Anwendung von Pacing  in Dialog und in Handlungen.
     
     
     
  • Ein ausführliches Kapitel über die verschiedenen Herangehensweisen an Seitenlayout.
     
     
     
  • Eine Strategie, um von festen Panelrastern zu flexibleren Layouts zu kommen.
     
     
     
  • Bedeutung und Anwendung von vertikalen und horizontalen Panels und von verschiedenen Panelformen wie Bleed Panels, Insert Panels und offenen Panels.
     
     
     
  • Ein zweiseitiges Comicscript, umgesetzt und Panel für Panel diskutiert von dem Hamburger Zeichner Till Felix.

Links:



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