Sonntag, 9. September 2012

The Art of the word. Wörter visuell.









Ein Detail aus LOVE SONG FORTISSIMO von Will Eisner

Obwohl Comic von der Kombination von Bild und WORT lebt, wird das Textelement in vielen Comics immer immer noch sehr stiefmütterlich behandelt. Und dabei ist Typographie einer der abenteuerlichsten Bereiche im Design. Überall um uns herum erleben wir visuelle Umsetzungen von Text, aber die wenigsten Comiczeichner kommen auf die Idee, mit ihren Texten und Worten visueller umzugehen. Dabei wäre das doch das naheliegendste, speziell im Comic. Ein Mensch in einem Labyrinth aus dem Wort NEIN? Ein Mensch, der in seinen eigenen Ausreden versinkt wie in den Wellen einer Flut?
Das erfreuliche an diesem Blog ist, dass ich viele Themen, die ich in DCIK nur anreissen konnte, hier in epischer Länge ausbreiten kann.  Heute geht es also um den spielerischen und kreativen Umgang mit Worten und Buchstaben, mit vielen Beispielen von Künstlern, die mich inspiriert haben, in dieser Richtung mehr zu experimentieren und visueller mit Worten umzugehen.

Forderung: angemessener Lebensraum für die Sprechblase

Ein wertvoller Tip von Dave Sim, einem extrem kreativen Letterer, ist es,   beim Zeichnen der Panels den Raum für die Sprechblasen GROSSZÜGIG mitzubedenken. Viele beginnende Zeicher, die am Computer lettern, vergessen, dass ihre Panels auch noch Text kriegen, und hängen dann später mit Sprechblasen, die Gesichter oder wichtige Teile des Bildes bedecken, weil sie sonst nicht wissen, wohin mit den Dingern. Und ich persönlich habe auf die harte Tour gelernt, dass es dem Gesamteindruck und der Lesbarkeit sehr schadet, wenn man nicht dafür sorgt, dass ausreichend Raum um die Schrift in der Sprechblase liegt. Die sogenannte STAUBLASE ist eine von vielen Merkmalen, die einen Comic schnell sehr unaufgeräumt und unprofessionell wirken lassen. Das weiss ich unter anderem deshalb, weil ich lange ein großer Anwender der Staublase war.

Welche Farbe hat deine Stimme? Der Klang gesprochener Sprache

Jeder Comiczeichner wird irgendwann einmal bedauern, dass ihm kein Klang zu Verfügung steht. Die Form der Soundwords, eine große Kunst des Comicmediums, können viele Geräusche visuell wiedergeben, dazu kommen wir noch. Aber was ist mit dem Klang von Stimmen?  Hier haben Zeichner immer wieder Experimente versucht, die mit Computerlettering tatsächlich sehr viel bequemer zu bewerkstelligen sind. In Arkham Asylum gibt Dave McKean dem Joker eine Schrift, die knallrot ist und wirkt wie wild hingeworfene Farbspritzer. Auf mich bekommt die Stimme des Jokers dadurch einen hohen, kreischenden Klang. Im SANDMAN gibt es die Figur der Delirium, die einen Gedanken kaum länger als zwei Sekunden verfolgen kann und mal wie ein Kind, mal wie eine Alkoholikerin klingt. Ihre Sprechblase wechselt ständig die Farbe, und die Schrift wandelt sich von größer zu kleiner. So entsteht der Eindruck einer Stimme, die sich ständig ändert, so wie Deliriums Gedanken wild durch die Gegend fliegen  wie ein Schwarm von Vögeln. Ihr geradezu absurd humorloser Bruder DREAM hat dabei konstant schwarze Sprechblasen, die wohl den Eindruck einer düsteren Grabesstimme erwecken sollen.



Sprache in allen Farben und Schwingungen:  Ein Schwips  aus SLEEPER von Ed Brubaker und Sean Philips; Der Joker aus Arkham Asylum; Delirium und Dream aus dem SANDMAN.

 

 
 

 Visuelle Worte: Dave Sim und Will Eisner


 

Der pochende Schädel von Cerebus und eine Applausszene: Dave Sim geht mit Worten ebenso kreativ und visuell um wie mit seinen Personen, Panels und Seitenlayouts.
Dave Sim ist einer der wenigen, die die Grenzen und Schnittmengen von Wort und Bild bis in die letzten Ritzen ausgelotet haben. Watchmen von Alan Moore war eine Studie in Bild und Wort, in der Kombination aus Bild und Sprechblase, als illustrierter Fließtext, oder nur wortlose, sprechende Bilder. Dave Sim hatte den Vorteil, nicht nur Autor, sondern auch Zeichner zu sein, und sein CEREBUS liefert ein gleichermaßen riesigen Spektrum, von der Sprechblase bis zum reinen Fließtext, mit grenzenlos vielen Experimenten, Klang, Emotionen und Atmosphären in gemalten Worten wiederzugeben. Nach drei, vier Bänden CEREBUS hat man genug Inspiration für ein ganzes Menschenleben, wie der Autor Alex Robinson immer wieder demonstriert.
Cerebus entdeckt Jaka, die sich erhängt hat: einer der bewegendsten Szenen aus CEREBUS.
Ach, und Will Eisner. The MAESTRO.  Seth sagte seinerzeit, ein Aspirinfläschchen aus den Fünfzigern habe mehr Poesie und Stil als jedes Auto heute. Ich ahne, was er meinte: man nahm sich mehr Zeit für liebevolle Details, und Will Eisner ist der Zeichner, dessen Liebe zum Detail in jedem Element seiner Comics spürbar ist. Die Menschen, das variable, sehr visuelle Layout der Seiten, die atmosphärischen Hintergründe, und definitiv nicht zuletzt sein geniales Lettering.  Unter dem Namen STREET MUSIC fasst er einen kleinen Zyklus von One-Pagern und Kurzcomics zusammen, in denen die Klänge der Großstadtstraßen die Hauptrolle spielen. Die Soundworte laufen als Textur im Hintergrund oder schlängeln sich um die Sprecher herum. Eine  wunderbare, sehr effektive und visuelle Spielerei mit Klängen als Wort.  

Sam Kieth, zuguterletzt, ist ein weiterer Zeichner, dessen Buchstaben, speziell bei den Soundwörtern ebenso „Kieth“ sind wie seine Bilder. Auch wenn das Lettering aus dem Computer kommt, ist es immer ein integrierter Bestandteil des Bildes, und seine Soundwords zeigen eine Phantasie, die ihresgleichen sucht. Eine weitere Kunst, die vom Aussterben bedroht ist …
 
 
In einer Szene aus THE MAXX verlässt Julie Maxx. Er sitzt auf einem Dach, sie kommt, um sich zu verabschieden. Und die Luft um Maxx herum ist erfüllt mit einem Satz: PLEASE DON’T LEAVE. Es hätte noch nicht einmal der Gedankenblase bedurft, um zu verstehen, was damit zum Ausdruck gebracht werden soll. Ich finde es eine wunderbare Methode, um einen Gedanken zum Ausdruck zu bringen, der „in der Luft liegt“, der die Atmosphäre in dem Moment erfüllt, und ich war sehr froh, diese Idee für DAS KURZE HALLO klauen zu können, wenn Regina Steffen fragt, was denn nun los sei, und während er abwiegelt, ist das Panel voll mit dem Satz ICH BIN NICHT VERLIEBT.
 

 

Das sind nur ein paar Schlaglichter auf die endlosen visuellen Möglichkeiten, die uns Text in unseren Comics bietet. Für eine WEEKEND CHALLENGE bin ich recht spät dran. Wer trotzdem mag:
 
Bei wenig Zeit: ein überraschtes Gesicht mit einem WAS?!, dessen Buchstaben genauso überrascht aussehen wie das Gesicht.

 Bei viel Zeit: Ein Junge liest einen Zettel, auf dem steht DU BIST SCHULD. Auf dem nächsten Bild sieht man nur das Gesicht. Und das Wort SCHULD in einer kreativen Form?

Viele Grüße, take care, Spong


1 Kommentar:

  1. Sehr schöne Beispiel! Ich finds immer sehr cool das du Beispiele von 'the Maxx' nimmst! Schade das MTV den nicht mehr zeigt. Achja DAS waren noch Zeiten ;)

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