Sonntag, 2. September 2012

Kann Spuren von Leben enthalten: Coole Stil, die vierte.


Das beste an visuellen Geschichten ist für die mich die Verbindung, die ich zu den Menschen in der Geschichte herstelle. Darum geht es doch irgendwie, oder? Um eine Art menschlicher Erfahrung. Man steigt in die Schuhe eines anderen Menschens oder Wesens, und sieht die Welt für eine gewisse Zeit mit anderen Augen. Wenn ich das Leben in den Gesichtern und Körpern der Figuren sehen kann, fällt mir das leichter.

 Ein Stück weit ist das eine Entscheidung im Stil. Wird man abstrakter und  reduzierter, hat man oft auch einen geringerne Wortschatz an Ausdrucksmöglichkeiten. Die Stile von Ralf Ruthe und Joscha Sauer sind perfekt für das, was diese Zeichner machen. Eine nuanciertere Gräffik Nowwl wäre damit eher nicht machbar, und dafür ist der Stil ja auch nicht gedacht.

Ich habe im Internet eine Tabelle gefunden, die für mich illustriert, worum es mir geht. Der Autor spricht von „primären“, „sekundären“ und „tertiären" Emotionen.
 
 
Kategorien sind immer heikel, aber im Grundprinzip haut die Logik für mich hin. Das Grundgefühl Freude hat dutzende Abstufungen und „Gesichter“. Begeisterung sieht anders aus als Stolz, Erleichterung oder Zufriedenheit. Mit einem reduziertem Strich schrumpft das Vokabular, das man für seine Figuren hat. Man hat vielleicht ein Gesicht für Freude, aber es fehlen die Nuancen. Der „Wortschatz“ der Gesichter ist zu klein, und ein und dasselbe Gesicht muss für Stolz, Erleichterung und Zufriedenheit herhalten. Das muss eine Geschichte nicht schlechter machen, und wenn man einen eindringlichen Text hat, der dem Leser deutlich genug vermittelt, was die Figur gerade fühlt, sieht ein Leser auch in einem drei Punkte-Gesicht das Gefühl, das er sehen soll; Charles Schulz und Ralf König sind Meister darun, ihren Figuren auch in einem sehr reduzierten Stil eine Menge Leben einzuhauchen. Aber nicht jeder – bei weitem nicht jeder – ist ein Charles Schulz oder Ralf König.

Aber ich sehe die Gesichter von Kyle Baker oder Sam Kieth, und ich sehe das gewisse bisschen mehr an Lebendigkeit in den Figuren.

Leben darstellen versus Leben kopieren

 
Ich begegne immer häufiger Comics, die deutlich nach Fotoreferenzen gezeichnet wurden, und absurderweise wirken diese auf mich immer lebloser als die, die frei aus dem Kopf eines fähigen Zeichners entstanden sind. Vielleicht ist es der Tick an Übertreibung, den viele Zeichner aus der Animation übernehmen.  Aber ich habe das Gefühl, wenn ein Zeichner eine Geste oder Mimik kopiert, ist die Kopie, wie im echten Leben, immer ein Stück blasser als das Original.  

Während meiner Arbeit an DER COMIC IM KOPF habe ich auch viele Klassiker neu gelesen, unter anderem ROAD TO PERDITION. Es geht um einen Auftragskiller, der so schön ist, dass ihn alle nur „Angel“ nennen. (Ich möchte gerne mal dem Typ begegnen, der Tom Hanks für diese Rolle gecastet hat. DA HÄTTE ICH EINIGE FRAGEN. Aber egal.) Bei aller Stärke arbeitet der Zeichner sehr viel mit Fotoreferenz, und das Ergebnis sind nicht lebendige, unmittelbare Figuren. Das Ergebnis sind Zeichnungen, die aussehen, als wären sie von Fotos abgezeichnet.

Und alle diese Figuren beherrschen offensichtlich die Kunst, mit geschlossenem Mund zu reden.

Mouth wide shut: Gesichter aus Road to perdition und Ex Machina, zwei Zeichner, die sehr viel mit Fotoreferenz arbeiten.

Eine frei gezeichnete Figur wirkt, wenn man brav war und seine Hausaufgaben gemacht hat, immer tausendmal lebendiger in ihren Gesten und Mimiken lebendiger als eine abfotografierte Körpersprache. 

Ab und zu lese ich, dass man erst realistisch zeichnen können muss, bevor man sich einen Comicstil aneignet. Diese wird meistens von Leuten vertreten, die selbst nicht zeichnen. Ich glaube nicht, dass man realistisch zeichnen können muss. Aber man muss wissen und verstehen, was man zeichnet. Zeichner wie Will Eisner, Sam Kieth oder Kyle Baker wissen, wie Körper und Gesichter funktionieren, und spielen die Körpersprache wie ein Instrument, das sie virtuos beherrschen. Ich denke nicht, dass ich jemals das können werde, was diese Leute können. Aber es lehrt mich, immer wieder zur Anatomie zurückzukehren, von daVinci bis Bridgeman. Ich finde es absolut okay, wenn man einen Song schreiben will, obwohl man erst drei Akkorde kann. Aber ich finde es dumm und ignorant, zu denken, man bräuchte niemals mehr als drei Akkorde.
 

Die Welt im Kopf: Old school-Comiczeichnen ohne Referenzen


Die Tendenz, sich auf Referenzen zu stürzen statt auf das eigene Wissen ist eine Tendenz unserer Zeit. Ich habe Probleme mit perspektivischem Zeichnen und fragte andere Zeichner, wie sie das Problem für sich lösen.

Eine jüngere Freundin riet mir, das interaktive Raumgestaltungsprogramm von IKEA zu benutzen.

 Eine jüngere Mangazeichnerin riet mir, das SKETCHUP-Programm von Google zu benutzen.
 
Flix riet mir, rauszugehen und Straßen abzuzeichnen.

 Immer mehr Zeichner verlassen sich auf Tools und Fotoreferenzen, und ich will auch gar nicht anfangen, das zu bewerten. Aber viele meiner Freunde sind Comiczeichner der alten Schule, die mit dem Stabilo in der letzten Bank saßen und hunderte von Comicseiten abzeichneten, und sie tragen ihre Referenzen mit sich herum, wie ein Tätowierer, der sein komplettes Handwerkszeug in einem Rucksack mit sich herumtragen kann. Old School Comiczeichner brauchen vielleicht ein Foto, um die 52nd Street in New York zu zeichnen. Aber sie brauchen kein Foto, um eine Straßensszene oder Gebäude zu zeichnen. Für DER COMIC IM KOPF brauchte ich eine große Straßenszene aus der Vogelperspektive, und Markus zeichnete mir eine komplette Straßenszene mit dutzenden von Details, Cafés, Passanten, Auto, Geschäften, innerhalb von zwanzig Minuten ohne irgendein Foto. Und ich saß daneben und hatte das Gefühl, ich wohne einer Marienerscheinung bei.

 Mit diesem Eintrag schliesse ich diese Runde über Stil. Was also lerne ich von meinen Vorbildern?


·         Ralf König zeigt mir, wie wichtig lebendige Gesichter sind.

·         Jack Davis zeigt mir, dass ein echter Stil in allen Medien  funktioniert, gezeichnet oder gemalt, skizziert oder ausgearbeitet.

·         Sam Kieth zeigt mir, wie man Gesichtern und Geschichten mehr Leben geben kann, wenn man mit seinem Stil alle Abstraktionsgrade abbilden kann, von Pünktchen-Komma-Strich bis hin zur detailliertesten Schraffur.  

·         Will Eisner zeigt mir, dass Kulissen, Häuser und Gebäude ebenso Persönlichkeit haben können wie Menschen
 

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