Sonntag, 5. August 2012

There'll be some changes made: Comics in den kommenden Zeiten


Diese heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, böse, gottlos und faul.
Es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten.
Babylonier, ca. 6000 v. Chr.

Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.
Aristoteles


Ich liebe diese beiden Zitate, weil sie aufzeigen, in welcher Endlosschleife sich das Ältere über das Jüngere aufregt. Selbst der gute, alte, geniale Aristoteles. Die Jugend ist entsetzlich anzusehen? Der Typ war offensichtlich noch nie auf einer Comicbörse. Ich muss neidlos anderkennen, dass die "Jugend" der Comicszene weitaus geduschter und besser gekleidet ist als alles, was vor ihnen kam.

Aber die beiden Zitate sind für mich auch symptomatisch für die komplette Ablehnung jeder Art von Veränderung, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht.
Die Leute haben gegen den Buchdruck gewettert, gegen das Kino und gegen den Computer. Und das einzige Argument, das man tatsächlich stehen lassen konnte, war Es wird nie wieder so sein, wie es mal war. Manches geht verloren, manches wird besser. Aber die einzige hundertprozentig wahre Vorhersage stammt von Heraklitur, 500 vor Christus: Das einzige, was konstant ist, ist die Veränderung.

Ich hatte ja
letzte Woche schon die Liste "Ten things to know about the future of comics" erwähnt, die für mein Empfinden viele Entwicklungen auf den Punkt bringt. Vielleicht nochmal grade ein paar Worte zu einigen dieser Entwicklungen.

Heft geht, Buch kommt


Was verloren geht:
Man kann als Verleger / Künstler eine Story erstmal in kleinen Happen (und mit überschaubaren Kosten und Aufwand) ausprobieren,  anstatt ein Jahr lang dran zu sitzen, ein Vermögen für die Veröffentlichung auszugeben und DANN erst festzustellen, dass das Buch niemanden interessiert. Und man hat gewungenermaßen mehr Zeit für die Story. Ich hänge gerade in der neunten "Graphic Novel" der Sandman-Serie, und plötzlich wird da frecherweise Bezug auf etwas genommen, was vor hunderten von Seiten passiert ist. Ähnlich wie schon bei SEVEN SOLDIERS und den INVISIBLES muss man beim Sandman eigentlich jede Story dreimal lesen, bevor man alles aufgeschnappt hat.  Hätte ich jeden Monat nur 28 Seiten gehabt, hätte ich sie wohl öfter gelesen, und die Zusammenhänge wären besser hängen geblieben.

Was besser wird:
Die lange Erzählform ermöglicht tausende von Dingen, die die Heftform nicht fertig bringt. Ich liebe lange Serien, oder lange Graphic Novels wie BOX OFFICE POISON, besonders dafür, dass die lange Form ihnen erlauben, aus dem eigentlichen Plot auszusteigen und ohne Druck und Stress ihre Figuren einfach mal machen lassen. Sie zeigen, wie sie Weihnachten feiern, wie sie von ihren Beziehungen erzählen, oder wie sie ihre Abende verbringen. Kein Zwang, alle dreissig Seiten eine Handlung abzuschliessen, oder einen Cliffhänger zu bringen. Man hat alle Zeit der Welt, um eine Figur oder ein Beziehung und ihre Entwicklung darzustellen. Das erste Beispiel, das mir in den Kopf kommt: THE WEST WING stellt den Alltag der Mannschaft dar, die für den Präsidenten der USA die Tagesgeschäfte erledigt. Direkt von Anbeginn bedient sich die Serie des ältesten und genialsten Serientricks aller Zeiten: ZWEI LEUTE LIEBEN SICH, ES KNISTERT WIE DOOF, ABER SIE UNTERNEHMEN NICHTS. Klappt jedesmal. Das hat mich schon zu Zeiten von TKKG in die Bücher beissen lassen vor Anspannung. In THE WEST WING funkt es kollossal zwischen Josh Lyman und seiner Assistentin Donna Moss, aber keiner der beiden macht einen ersten Schritt, fünf Staffeln und 110 Folgen lang merkt man die Spannung zwischen den beiden, während niemand etwas sagt und nichts passiert. Aber auch NICHTS. Alle paar Jahre mal eine Umarmung. Ab und zu hat einer der beiden ein Date und eine Affäre, um kriegt vom anderen kleine Bemerkungen und Sticheleien zu hören, und das wars.

Und dann, am Anfang der sechsten Staffel, wird Donna bei einer Reise in den Gaza-Streifen lebensgefährlich verletzt. Josh Lyman erfährt davon, und während das Weisse Haus tobt und bebt wegen einer bevorstehenden Nahost-Eskalation, reist Josh in das deutsche Militärkrankenhaus, um an Donnas Bett zu wachen. Wie gesagt, all das nach 110 Folgen ohne das etwas zwischen den beiden passiert wäre. Er  begleitet sie in den OP, und wartet an ihrem Bett, tagelang, bis sie aufwacht. Und dann macht sie die Augen auf und sagt seinen Namen. "Du bist immer noch da", sagt sie. Und Josh sagt
Yeah (6:40 ff).  Und ich wette bei allem, was mir heilig ist, dass sich bei dieser Szene Millionen von Amerikanern die AUGEN aus dem Kopf geheult haben. Ich habe jedenfalls literweise Flüssigkeit verloren. Und es sind ja nicht die Sätze, die diese Emotionen auslösen, sondern die Energie, die in ihnen liegt. Eine Energie, die sich über Hunderte von Stunden angesammelt hat.  Sowas gelingt einem nicht innerhalb von 30 Minuten oder 28 Seiten. Obwohl Pixar in den ersten fünf Minuten von UP der Sache schon sehr nahe kommt.

Und: Comics wandern (zurück) in die Buchläden. Das kann man gut finden oder nicht. Auf jeden Fall verzehnfacht es die Leserschaft, und die Comicläden, von denen 90% "den Charme eines schmuddeligen Sexshops" versprühen, wie Daniel Clowes mal schrieb, sind nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung. Ich fand
diesen Artikel in der österreichnischen "Profil" sehr auffschlussreich, in dem dargestellt wird, in welcher Auflagenhöhe Graphic Novels wie "Baby's in Black" inzwischen unterwegs sind. Gestandene Verlage wie Suhrkamp, Kiepenheuer und Witsch und und und suchen nach Zweitverwertungen in Graphic Novels. Wer weiss, was in den nächsten Jahren alles möglich sein wird. Ich habe ein bisschen die Befürchtung, dass viele gestandene Comiczeichner wegen ihrer Vorurteile gegenüber dem Begriff Graphic Novel an dieser Entwicklung nicht teilhaben werden, während alle möglichen Figuren aus dem "ernsthaften" Kunstbetrieb eine Graphic Novel zurechtkrakeln, die dann durch die Feuilletons gereicht und gefeiert wird. Nur echt mit Sprechblasen in der Form von Libellenflügeln. Ich hatte letztes Jahr Perspektiveunterricht bei einer Künstlerin, die traditionell Skulpturen und abstrakte Acrylbilder malte. Sie lächelte über meine Umsetzung der Einpunktperspektive im Comicstil. JETZT GIBT SIE KURSE IM COMICZEICHNEN. Keine Ahnung, ob sie das gut oder schlecht macht. Ich weiss nur, dass sie vorher nie das geringste mit dem Medium zu tun hatte.

Ich möchte damit nur sagen: Es passiert eine Menge gutes Zeug für den Comic. Und ich kann nur sehr hoffen, dass dieses gute Zeug an den ganzen "gestandenen" Comiczeichnern nicht vorbeigeht, nur weil irgendwas jetzt anders aussieht, oder anders heisst, wie vor dreissig Jahren. Es gibt ein Wort für dieses Verhalten. Es heisst Ignoranz.

(Eine Suche bei Amazon nach "Graphic Novel" zeigt einem, wieviel Material bereits jetzt auf den Markt stürzt.Von Kafka und Proust über "Game of thrones" bis zu "Drachenläufer" und Jane Eyre. Man kann wirklich nur hoffen, dass der Boom - und der immer darauffolgende kommerzielle Jammerblues - der Graphic Novel erspart bleibt. Ich finde nämlich die lange Erzählform bei Comics großartig.)

Der Switch von Heft zu Buch ist Teil einer anderen Entwicklung, nämlich ...


Der Comic im tausend Gestalten: Wandelbarkeit von Format und Medium


Mein lieber Nachbar Vincent ist Niederländer, und berichtete mir seinerzeit von einem Zeichner und Autoren namens Marten Toonder, der in den Siebzigern sehr erfolgreiche "Graphic Novels" gezeichnet habe.

"Graphic Novels? In dem Siebzigern?"
"Das bedeutete damals etwas anderes. Heute heissen normale Comics Graphic Novels, damals waren es Romane mit Comicillustrationen."

Und er zeigte mir ein Buch von Toonder, ein Roman mit einem normalen Fließtext. Aber auf der oberen Hälfte der Seiten liefen jeweils gezeichnete Sequenzen, die in Comicbildern abbildeten, was im Text zu lesen war.


Wie sinnvoll ausgerechnet diese Mischform ist, kann ich nicht beurteilen, aber ich glaubem, der Sprung ins Buch/Literaturformat könnte die Möglichkeiten, Bilder und Text zu kombinieren, endlos erweitern. Es ist alles möglich, von der reinen Erzählung in Bildern, wie sie das großartige "Ein neues Land" von Shaun Tan liefert,





über die klassische Comicform, bis hin zu allen erdenklichen Kominationen von Fließtext und Illustration. Was auch immer für die Geschichte funktioniert. Viele Passagen in einem Klassiker wie SIN CITY fühlen sich an wie ein Fließtextroman, dem durch Illustrationen zusätzliche Stimmung verliehen wird. Und auf ihre eigene Weise liefern Watchmen oder Cerebus auch jeweils das komplette Spektrum, vom schweigenden Bilderverlauf zur klassischen Bild über die comictypipische Sprechblase bis zum illustrtierten Fließtext. Es wird spannend, zu sehen, welchen Einfluss die längere Erzählform auf das Erzählen mit Bildern hat.

Papier 2.0





Schwerer zu verdauen für die ältere Generation wird dagegen der Switch von Papier zu digital sein, als Leser ebenso wie als Macher.  Ich hatte zu diesem Thema eine ziemlich kategorische Einstellung: Papier super, digital doof. Aber ich musste kürzlich an ein Zitat von Davis Sedaris denken, den ich sehr bewundere, und der meinte, e-mails seien das Äquivalent zu Zettelchen, die man sich früher im Unterricht zugesteckt hätte. Und ich las das und musste schon sehr die Stirn runzeln. Ich habe jahrelang sehr intensiv E-Mails mit Ralf König ausgetauscht. Es waren richtige lange, ausformulierte, intensive Briefe in digitaler Form. Und der einzige Unterschied zum Brief auf Papier war, dass mein Computer irgendwann zusammenbrach und alle diese Mails weg waren. Geniale Zeichner wie Geier (zu sehen in

diesem superinteressanten Tutorial zur Entstehung seiner Jazam-Story) oder Karsten Schreurs arbeiten sehr viel bis ausschliesslich digital.

Tja, und was ist mit dem digitalen Lesen? Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass vor langer Zeit Leute murrten, eine Geschichte in einem  Buch zu lesen könne NIEMALS so toll sein, wie eine persönliche Erzählung. Mag ja auch sein. Und? Und viele Leute bezweifelten, daß sich das Kino durchsetzen würde, denn "wer schaut sich denn abgefilmte Leute auf der Leinwand an, wenn er sie im Theater leibhaftig erleben kann?"  Und jetzt kommt erstmal der eReader, der aller Wahrscheinlichkeit nach in den nächsten Jahren ein kolossaler Renner wird. In welcher Form Comic da passieren soll, ist noch nicht ganz klar. Aber Projekte wie Wormworld Saga haben schon sehr viel Bewegung in die Szene gebracht. Beim Crossfunding für die Entwicklung einer App wurden 12,000 Euro benötigt, und
zusammengekommen ist schliesslich fast das Doppelte dieser Summe. In den Neunzigern schrieb Daniel Clowes ein Essay über Entwicklung und Zukunft der Comics, in der er Bewegungs- und Soundeffekte vorhersagte ("Can't you just hear the irritating sound effects?"), und während für mich Motion Comics immer noch etwas sehr albernes und unfertiges haben, wie in diesem Motion Comic über die X-Men, wer weiss wohin die Reise da in Zukunft noch gehen wird. So wie die Graphic Novel die Brücke zur Literatur schlägt, schlägt der Motion Comic die Brücke zur Animation. Ich bin sicher, es gibt Stories, die in diesen Formaten funktionieren.




Bei den Geräten herrscht noch reichlich viel Wirrwarr, und das wird wohl auch noch eine Weile so bleiben. Ob BLACK HOLE auf einem iPad genauso seine Wirkung entfalten kann wie in Buchformat, will ich auch nicht beurteilen können. Am wahrscheinlichsten scheint mir, dass Comics entstehen, die speziell auf einen Bildschirm abgestimmt sind, so wie es bereits bei Wormworld der Fall ist. Also bedeutet das alles nur, dass es noch ein Format mehr gibt, in dem Comics erscheinen.

Und ob etwas nun Motion sonstwie betitelt wird, Manga oder Graphic Novel, frei nach Billy Joel: It's still comic to me.










Dieses Bild hat übrigens überhaupt nichts mit dem heutigen Thema zu tun. Ich fands nur witzig. Kleine Bastelei am Rande.
In eigener Sache: Es fällt nichts schwer, in der Zugriffstabelle hier eine Rock-n-Roll-Hand zu erkennen  (oder ein Batdiagramm)- seems like we're back. Danke an alle die mitlesen.

In eigener Sache II: Ich habe mir beim Schreiben von DCIK leider einen hartnäckigen Tennisarm gefangen, aber getreu dem Satz von Terry Moore : you do best what you do most, möchte ich so bald wie möglich wieder zum Comicmachen zurückkehren. Ich schreibe gerade an einer längeren Story namens JUNGFERNBALLADE, deren Entwicklung ich hier dokumentieren möchte, von Script zu den Scribbles und alles drumrum. Wenn alles rundläuft, geht sie Anfang nächsten Jahres als wöchentlicher Webcomic an den Start und liegt zu Erlangen auf Papier vor. Viele Grüße und eine triumphale Woche, Spong

Kommentare:

  1. du schreibst einfach zu gut, frank. warum bieteste das zeug nich z.b. "comix" als monatliche kolumne an ? wert wärs auf jeden fall, breiter gestreut zu werden. du weißt ja, "nein hast du schon, ja ja kannste noch kriegen..." ;)

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  2. Ei aber danke, Broedre ... ich frage mal bei Martin an. Wer weiss ...

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