Donnerstag, 16. August 2012

Stil, cooler, der (m. -s, -e): Ein paar Liebeserklärungen (1)




The Power of Visage: Ralf König

Einflüsse: Claire Bretecher, Vaughn Bodé

Vor einigen Tagen entdeckte ich die "Influence Map" und konnte nicht abwarten, selber eine zu erstellen. Am Schluss sah sie so aus ...


Größere Version des Bildes HIER.

Ich möchte diese Influence Map gerne zum Anlass nehmen, die Einträge und Gedanken über Stil und Stilentwicklung konkret mit meinen Einflüssen zu verbinden, mit dem, was ich an verschiedenen Zeichnern bewundere, und was ich von ihnen gelernt habe. Meine erste Liebeserklärung geht an meinen Lehrer und Gottvater Ralf König, und die wichtigste Lektion, die ich aus seinem Stil zog, war, wie wichtig Gesichter und Mimik in jedem Comic sind, aber umsomehr bei Humor (Ausnahmen bestätigen hier nur die Regel). 


Wie viele, lernte ich die Sachen von Ralf König über seine Comics in der Titanic und der "Kowalski" kennen. Und ich war von Anfang an schwerst verliebt in die Gesichter, die er zeichnete. Seine Gesichtsausdrücke sind grenzenlos lebendig, ausdrucksvoll, und sehr, sehr lustig. Und während die allermeisten Zeichner ein sehr eingeschränktes Mimikrepertoire haben (entschlossen - wütend - sehr wütend bei Actioncomics, normal, apathisch - traurig bei Autorencomics) schafft es Ralf, in ein paar wenigen, inspirierten Strichen hunderte von Nuancen zu liefern. Ich erinnnere mich an ein Streitgespräch zwischen Konrad und Paul in Super Paradise, sie überwerfen sich, und am Schluss sieht man das Gesicht Konrads. Und in diesem drei, vier Strichen sehe ich Wut und Enttäuschung, aber auch einen Konrad, der kurz davor ist, loszuheulen. Ein sehr viel fröhlicheres Beispiel liefert die "Flucht nach Ägypten" einer meiner liebsten Klassiker aus den wilden Jahren des Kings. Ich finde die Geschichte immer noch zum Schreien komisch, und der ganze Humor läuft nur über die Worte und die Gesichter, die alles von kompletter Hysterie bis zu Langeweile und Resignation aufbieten. Ralf König zeichnet vielleicht die lebendigsten Comicaugen der Welt.

Viele junge Zeichner legen sich einen rudimentären Strich mit einfachen Pünktchen- Komma- Strich-Gesichtern zu, weil man damit so schnell produzieren kann (eine der drei beliebtesten Abkürzungen für den eigenen Stil, davon später mehr). Und Scott McCloud postuliert, sehr theoretisch gedacht, dass man sich mit einem abstrakten Pünktchen-Komma-Strich besser identifizieren kann. Ich denke, er hat damit furchtbar unrecht. Das Problem ist, das in abstrakten Pünktchen-Komma-Gesichtern absolut nichts los ist, nichts, woran man die Emotionen der Figuren sehen könnte, nichts was sie lebendig macht. Kyle Baker, selbst ein genialer Zeicher, hat ein Buch über "Lustiges Zeichnen" gemacht ("How to draw stupid"), und vielleicht seine wichtigste Empfehlung daraus ist: Lebendige, variationsreiche Gesichter. Alles andere, sagt er, kann eigentlich aussehen wie Kraut und Rüben, aber jeder Leser schaut genau in die Gesichter. Und Ralfs Gesichter, ebenso wie die der meisten andere Zeichner auf dieser Liste, erinnern mich immer wieder daran, wie wichtig Mimik für das Storytelling ist.

Eine Seite von Kyle Baker.

Die Tage entdeckte ich noch einmal ein altes Interview mit einem weiteren Maestro der Mimik und der Gesichter, dem großen Will Eisner. Und alles, was er hier sagt, kann ich nur dreimal dick unterstreichen.

AV Club: Ihre Hintergründe werden immer minimalistischer, aber Ihre Figuren sind immer noch sehr detailliert. Warum erweitern Sie [den Minimalismus] nicht auf Ihre Figuren und benutzen ikonischere Figuren, mit denen sich der Leser identifizieren kann?

Will Eisner: Der Grund hierfür ist, dass Menschen recht präzise (abgebildet) sein müssen. Wenn du eine Person anschaust, suchst du nach kleinen Details, in denen ihr Charakter zum Vorschein kommt. Vielleicht sagen buschige Augenbrauen etwas über die Person aus, oder ihre scharfkantige Nase, oder ihre schmale Lippen bringen die Persönlichkeit zum Vorschein. Diese Details müssen zum Ausdruck gebracht werden, denn man kann Leute, Menschen, nicht abstrahieren. Wenn man das tut, wenn man abstrakte Menschen schafft, verliert man die Verbindung zwischen Figur und Leser.


(Kleiner Stiltest: Pick dir drei Gesichtsausdrücke aus dem Ägypten-Comic raus und versuch sie nachzuzeichnen.)

Idee und Ausführung


Neben dem Stil ist die Hauptlehre aus Ralf Königs Comics, wieviel wichtiger Ideen gegenüber ihrer Gestaltung sind. Ich hatte seinerzeit den Auftrag, ein halbes Dutzend lauwarmer Cartoons für eine Werbekampagne der Saarbrücker Zeitung umzusetzen. Ich bekam ein paar hundert Mark, die Agentur, die die lahmen Witze produziert hatte, hatte einen Tagessatz von 7000 Mark. Selbst die lahmsten Witzeschreiber beim Fernsehen, die nichts machen als klauen, verdienen 10.000 Euro im Monat. Zeichnen wird bezahlt wie Handwerk, Ideen werden mit Gold aufgewogen. Ich erwähnte die Wichtigkeit eigener Ideen bereits mal. Ralf beste Geschichten sind sehr persönlich und leidenschaftlich, unglaublich komisch und traurig zugleich. Das besten Beispiel dafür, welchen Wert eine authentische, eigene, persönliche Stimme hat.

Die Tatsache, dass dieser Stil zumindest Ralf extremst flott von der Hand geht, war sicher auch ganz hilfreich bei Comicromanen, die Ralf schrieb, Jahrzehnte bevor die "Graphic Novel" die Runde machte. Charles Burns berichtete kürzlich in einem Interview, dass er, wenn er fleissig ist, eine Seite in zwei Wochen schafft. Chris Ware spricht von acht bis neun Tagen. Ralf König schaffte seinerzeit die kompletten 128 LYSISTRATA in 30 Tagen. Besonders seine frühen Sachen haben einen sehr wilden, krakeligen einfach-machen-Punk-Spirit, der sehr inspirierend ist.

In diesem älteren Beitrag über die äußere Gestalt von Figuren gehe ich auf die einzelnen Attribute des Gesichtes ein, und was sie über den Charakter aussagen. Dieselbe Info findet sich in etwas strukturierterer und saubererer Form auch in diesem schicken Buch über Storytelling, in dem ein komplettes Kapitel von Figuren, Charakter und ihrer Entwicklung handelt.

Take care, Spong


 

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