Samstag, 25. August 2012

Stil ohne Grenzen: Ein Liebesbrief an Sam Kieth

 
Sam Kieth hat mehr innere Konflikte als Amerika dicke Kinder hat. Er ist der Topanwärter auf den Tormented Soul Award, den Preis für Künstler mit besonders gepeinigten Künstlerseelen. Seine Posts und Gespräche sind durchtränkt von Selbstzweifeln und eigenen Abwertungen. Eine seiner letzten Ausstellungen endete damit, dass er die ausgestellten Bilder im Hinterhof der Galerie auf einen Haufen warf und verbrannte. Verbrannte, for christ’s sake.
Aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass genau diese Sensibilität die Kraft ausmacht, die seine Arbeit hat. Sein Comic ZERO GIRL handelt von einem Teenagermädchen, die ein körperliches Verhältnis zu Formen hat. Kreisformen geben ihr Kraft, rechteckige Formen sind bedrohlich und gefährlich für sie. Und ich habe das Gefühl, dass Sam Kieth eine ähnliche Sensibilität hat. Er sammelt und experiementiert wie ein Wilder, und manchmal scheint es mir, dass er tatsächlich Farben und Formen wahrnimmt wie lebendige Wesen. Normale rechteckige Panelformen sind in seinen Comics die Ausnahme. Die Panels haben die Form von Knochen, Rissen, Splittern, Keilen und Scherben. Und die Figuren und ihren Handlungen sind immer expressiver, körperlicher, intensiver als bei allen anderen Zeichnern, die ich kenne. Er ist immer auf der Suche, eine Person oder eine Situation fühlbar zu machen, und überschreitet dabei ständig Grenzen von Logik, Technik und Anatomie. Und das ist das inspirierendste für mich bei Sam Kieth: Mein Kopf ist voller Grenzen, Beschränkungen und Prinzipien. So und so funnktioniert eine Comicseite. So und so geht der menschliche Körper. Sam Kieth zeigt mir die unendlichen Möglichkeiten jenseits dieser Grenzen. Dann besteht eine Comicseite eben nur aus Scherben und Fetzen. Dann sieht eine Figur eben aus wie eine haarige Kartoffel mit Brille. Wir haben unsere Grenzen und Beschränkungen im Kopf, weil wir Angst haben, die Kontrolle zu verlieren. Und Sam Kieth, als einer der ganz wenigen, hat den Mut, diese Grenzen zu überschreiten.
 

So sieht bei Sam Kieth ein alter Mann aus,
 
 
... eine Lehrerin ...
 
 
 .... ein nerdiger Teenager ...
 
 
und man könnte argumentieren, dass ein psychopatischer Redneck mit winzigen Ohren, Augen und Nase, aber dafür 80 krummen Zähnen im Mund sein Wesen besser zum Ausdruck bringt als eine realistische Darstellung.
 
 
 
So sieht ein Wutausbruch bei Sam Kieth aus:
 
 
... und so eine Umarmung:
 
 
 
Und das Ergebnis ist der ausdrucksvollste, fühlbarste, körperlichste, greifbarste, persönlichste Stil den ich kenne. Wohl auch deshalb, weil Sam Kieth in seinen Stories sehr viel von sich preisgibt und in die tiefsten Ängste und Abgründe absteigt. Ich erinnere mich an eine Szene aus THE MAXX, die einen Missbrauch an einem kleinen Jungen beschreibt. Und um mit seinen Gedanken so weit weg wie möglich zu sein, konzentriert sich dieser Junge auf das Muster der Tapete an der Decke. Und Sam Kieth, der virtuose, mutige, kraftvolle Tuscher Sam Kieth wählt dafür den fragilsten, krakeligsten, ängstlichsten Strich, zu dem er fähig ist.
 
 Ich werde diese Szene niemals vergessen, solange ich lebe. 
 
Sam Kieth ist auch einer der Zeichner, die mich daran erinnern, dass man erst (bis zu einem gewissen Grad) das Tal der Technik durchschreiten muss, um zum Land der Magie zu gelangen. Sam Kieth kann eine Seite aus Farbspritzern und Scherbenformen gestalten, weil er weiss , wie eine Comicseite funktioniert. Er kann die menschliche Anatomie in die bizarrsten Formen führen, weil er weiss, wie Anatomie funktioniert. Es gibt Handstudien auf seinem Blog, die nahelegen, dass er jede einzelne Sehne in der Hand kennt. Und das gibt ihm dieses schier unendliche Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten für seine Figuren.  
Superhelden mutieren bei Sam Kieth zu riesigen Bergen aus Knorpeln und Muskelfasern. 

Ein extrem cooles Feature seines Stils sind die Abstraktionsgrade, die er erhöhen und reduzieren kann, je nachdem, wie nah oder weit weg eine Figur ist. Oft sind seine Gesichter nur Pünktchen – Komma – Strich,  und dann wieder voller Nuancen und Details. Wenn ich groß bin, will ich das auch können.
 
IRA aus Broadminded in drei von Hunderten von Abstraktionsstufen, einmal im Close-Up, einmal normal, einmal winzig im Hintergrund.
 
Also, warum gibt es nichts auf Deutsch von dem Typ? Weil seine Geschichten die wirrsten auf der Welt sind. Welche Geschichte wäre wohl ein Erfolg? Die mit dem Penner, der einen LAMPENSCHIRM als Superheldenmaske trägt und keine besonderen Kräfte hat, ausser in dieser Parallelwelt, wo er die Dschungelkönigin beschützen muss, die in der realen Welt von einer gigantischen BANANENSCHNECKE verfolgt wird?  Oder die Geschichte von dem Mädchen, das aus seinen Füßen grüne ZAUBERFLÜSSIGKEIT absondert, wenn sie sich schämt, und deren Leben von eckige Formen bedroht wird bevor ihr BIERDECKEL zu Hilfe kommen?  Der Versuch, eine Sam Kieth-Geschichte zu verstehen, beansprucht  sehr stark die Gesichtsmuskulatur.
 
Eine Seite aus Zero Girl.
Es ist nicht einfach, ein Sam Kieth-Fan zu sein. Seit 2003 ist THE ART OF SAM KIETH angekündigt, und wird immer wieder von ihm zurückgepiffen, weil ihm jetzt dies oder jenes nicht mehr gefällt, und wäre es nicht besser, statt diesem jenes, und ach, die Originale habe ich ja verbrannt. Aber dieser Schübe von selbstzerstörerischem Zweifel werden immer wieder durchbrochen durch Arbeitswutanfälle, und immer wieder gibt es neue Bücher von einem der ehrlichsten, persönlichsten und mutigsten Stimmen der Comicszene. Und THE MAXX alleine enthält schon genug Ideen für ein komplettes Menschenleben.
 


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