Montag, 27. August 2012

Weekend Challenge: Ergebnisse


ORR, wie meine liebe Freundin Katrin zu sagen pflegt. Die erste Zeichensession seht zwei Monaten (Tennisarm nach Buchschreibmarathon), und das direkt unter dem GLEISSENDEN SCHEINWERFERLICHT meines Blogs und seinen 38 Followern!

 
ANYWAY, die Weekend Challenge. Ihr erinnert euch vielleicht. Drei Bandmitglieder zu designen, Charakter ist vorgegeben, ihre Fressen sollen entsprechend gestaltet werden.

Der Sänger wird beschrieben als
         
Ein intelligenter, humorvoller, spritziger, lebendiger Typ. Sehr selbstbewusst und energisch, und, natrlich, eine leicht exibitionistische Rampensau. Sieht gut aus und weiss es. Lange Haare. Laut, unverschämt und witzig, ca. Mitte bis Ende zwanzig.

Intelligent heisst für mich hohe, oder zumindest nicht niedrige, Stirn. Kinn breit und groß als Zeichen von Selbstbewusstsein. Eine kleine Nase lässt ihn etwas CUTER aussehen als eine große und wirkt jünger, ähem, Achtung Kotzwort, spitzbübiger und humorvoller. Und dazu den großen Mund eines Steve Tyler oder Gary Cherone (Snger = Rampensau = große Klappe). Dazu eine dicke, störrische VIRILE Haarmähne wie die Löwen-Alphatiere aus MADAGASCAR.

 
So, here we go:
 
 

SEBASTIAN, Bassist, ebenfalls ca. Ende zwanzig. Ein ruhiger, zufriedener, genügsamer Mensch, der sich gerne im Hintergrund hält und damit zufrieden ist, im Hintergrund die Bude zusammenzuhalten, während der Sänger vorne sein Theater macht. Ein guter Ehemann und Familienvater, der viel Wert auf seine Freundschaften legt und der beste, hilfsbereite Kumpel ist, den man sich wünschen kann. Vielleicht einen Tick zu ruhig und gemütlich, deswegen auch das eine oder andere Kilochen zuviel auffen Rippen, aber eine treue Seele und ein guter Freund.

Sebastian kriegt eine gemütliche, dicke Nase, brave, relaxte Augen, die innen etwas hher liegen, alles Attribute, die ihn gemütlich, freundlich, herzlich und vielleicht ein bisschen träge wirken lassen.

 


Der Schlagzeuger hatte natrlich den größten Spaßfaktor. So wie es Schauspielern Spaß macht, Bösewichter zu spielen.
 
MANFRED "MAMBA" KEULKAHLER ist ein Typ, den die Band in einer Kneipe aufgelesen haben. Er ist bereits über fünfzig, war ein paar mal wegen Diebstahl und Körperverletzung im Knast ("die hatten es aber alle verdient!!") , trinkt gerne und viel, ist sehr dumm und primitiv, unangenehm triebhaft, jähzornig, aufbrausend und laut.
 
Tiefe Stirn mit tiefem Haaransatz - kennt ihr diese Leute, wo die Haare eher wie Borsten aussehen? So. Tiiiiefe Stirnhöhlen für Starrsinn und Kopf-durch-die-Wand-Faktor. Wulstiger, breiter Mund für einen leichten Affenappeal.
 
 
 
Das wars erstmal für heute, möchte nicht unerwähnt lassen, dass eine Mail von Markus "kleiner Zeichendrache" reinkam, in der SEIN Ergebnis des Challenge anhing. Natürlich tausendmal akkurater und sauberer gezeichnet als meine Visagen. Und komplett anderes Ergebnis, und die Charaktere hauen ebenso gut hin. An irgendwen erinnert mich der Sänger, aber ich komm nicht drauf. Nee watte. OK GO. Damian. Vielen Dank, Markus!
 
Ich hoffe ihr hattet einen smoothen Wochenstart, viele Grüße und bis die Tage, Spong
 
 
 

Samstag, 25. August 2012

Stil ohne Grenzen: Ein Liebesbrief an Sam Kieth

 
Sam Kieth hat mehr innere Konflikte als Amerika dicke Kinder hat. Er ist der Topanwärter auf den Tormented Soul Award, den Preis für Künstler mit besonders gepeinigten Künstlerseelen. Seine Posts und Gespräche sind durchtränkt von Selbstzweifeln und eigenen Abwertungen. Eine seiner letzten Ausstellungen endete damit, dass er die ausgestellten Bilder im Hinterhof der Galerie auf einen Haufen warf und verbrannte. Verbrannte, for christ’s sake.
Aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass genau diese Sensibilität die Kraft ausmacht, die seine Arbeit hat. Sein Comic ZERO GIRL handelt von einem Teenagermädchen, die ein körperliches Verhältnis zu Formen hat. Kreisformen geben ihr Kraft, rechteckige Formen sind bedrohlich und gefährlich für sie. Und ich habe das Gefühl, dass Sam Kieth eine ähnliche Sensibilität hat. Er sammelt und experiementiert wie ein Wilder, und manchmal scheint es mir, dass er tatsächlich Farben und Formen wahrnimmt wie lebendige Wesen. Normale rechteckige Panelformen sind in seinen Comics die Ausnahme. Die Panels haben die Form von Knochen, Rissen, Splittern, Keilen und Scherben. Und die Figuren und ihren Handlungen sind immer expressiver, körperlicher, intensiver als bei allen anderen Zeichnern, die ich kenne. Er ist immer auf der Suche, eine Person oder eine Situation fühlbar zu machen, und überschreitet dabei ständig Grenzen von Logik, Technik und Anatomie. Und das ist das inspirierendste für mich bei Sam Kieth: Mein Kopf ist voller Grenzen, Beschränkungen und Prinzipien. So und so funnktioniert eine Comicseite. So und so geht der menschliche Körper. Sam Kieth zeigt mir die unendlichen Möglichkeiten jenseits dieser Grenzen. Dann besteht eine Comicseite eben nur aus Scherben und Fetzen. Dann sieht eine Figur eben aus wie eine haarige Kartoffel mit Brille. Wir haben unsere Grenzen und Beschränkungen im Kopf, weil wir Angst haben, die Kontrolle zu verlieren. Und Sam Kieth, als einer der ganz wenigen, hat den Mut, diese Grenzen zu überschreiten.
 

So sieht bei Sam Kieth ein alter Mann aus,
 
 
... eine Lehrerin ...
 
 
 .... ein nerdiger Teenager ...
 
 
und man könnte argumentieren, dass ein psychopatischer Redneck mit winzigen Ohren, Augen und Nase, aber dafür 80 krummen Zähnen im Mund sein Wesen besser zum Ausdruck bringt als eine realistische Darstellung.
 
 
 
So sieht ein Wutausbruch bei Sam Kieth aus:
 
 
... und so eine Umarmung:
 
 
 
Und das Ergebnis ist der ausdrucksvollste, fühlbarste, körperlichste, greifbarste, persönlichste Stil den ich kenne. Wohl auch deshalb, weil Sam Kieth in seinen Stories sehr viel von sich preisgibt und in die tiefsten Ängste und Abgründe absteigt. Ich erinnere mich an eine Szene aus THE MAXX, die einen Missbrauch an einem kleinen Jungen beschreibt. Und um mit seinen Gedanken so weit weg wie möglich zu sein, konzentriert sich dieser Junge auf das Muster der Tapete an der Decke. Und Sam Kieth, der virtuose, mutige, kraftvolle Tuscher Sam Kieth wählt dafür den fragilsten, krakeligsten, ängstlichsten Strich, zu dem er fähig ist.
 
 Ich werde diese Szene niemals vergessen, solange ich lebe. 
 
Sam Kieth ist auch einer der Zeichner, die mich daran erinnern, dass man erst (bis zu einem gewissen Grad) das Tal der Technik durchschreiten muss, um zum Land der Magie zu gelangen. Sam Kieth kann eine Seite aus Farbspritzern und Scherbenformen gestalten, weil er weiss , wie eine Comicseite funktioniert. Er kann die menschliche Anatomie in die bizarrsten Formen führen, weil er weiss, wie Anatomie funktioniert. Es gibt Handstudien auf seinem Blog, die nahelegen, dass er jede einzelne Sehne in der Hand kennt. Und das gibt ihm dieses schier unendliche Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten für seine Figuren.  
Superhelden mutieren bei Sam Kieth zu riesigen Bergen aus Knorpeln und Muskelfasern. 

Ein extrem cooles Feature seines Stils sind die Abstraktionsgrade, die er erhöhen und reduzieren kann, je nachdem, wie nah oder weit weg eine Figur ist. Oft sind seine Gesichter nur Pünktchen – Komma – Strich,  und dann wieder voller Nuancen und Details. Wenn ich groß bin, will ich das auch können.
 
IRA aus Broadminded in drei von Hunderten von Abstraktionsstufen, einmal im Close-Up, einmal normal, einmal winzig im Hintergrund.
 
Also, warum gibt es nichts auf Deutsch von dem Typ? Weil seine Geschichten die wirrsten auf der Welt sind. Welche Geschichte wäre wohl ein Erfolg? Die mit dem Penner, der einen LAMPENSCHIRM als Superheldenmaske trägt und keine besonderen Kräfte hat, ausser in dieser Parallelwelt, wo er die Dschungelkönigin beschützen muss, die in der realen Welt von einer gigantischen BANANENSCHNECKE verfolgt wird?  Oder die Geschichte von dem Mädchen, das aus seinen Füßen grüne ZAUBERFLÜSSIGKEIT absondert, wenn sie sich schämt, und deren Leben von eckige Formen bedroht wird bevor ihr BIERDECKEL zu Hilfe kommen?  Der Versuch, eine Sam Kieth-Geschichte zu verstehen, beansprucht  sehr stark die Gesichtsmuskulatur.
 
Eine Seite aus Zero Girl.
Es ist nicht einfach, ein Sam Kieth-Fan zu sein. Seit 2003 ist THE ART OF SAM KIETH angekündigt, und wird immer wieder von ihm zurückgepiffen, weil ihm jetzt dies oder jenes nicht mehr gefällt, und wäre es nicht besser, statt diesem jenes, und ach, die Originale habe ich ja verbrannt. Aber dieser Schübe von selbstzerstörerischem Zweifel werden immer wieder durchbrochen durch Arbeitswutanfälle, und immer wieder gibt es neue Bücher von einem der ehrlichsten, persönlichsten und mutigsten Stimmen der Comicszene. Und THE MAXX alleine enthält schon genug Ideen für ein komplettes Menschenleben.
 


Freitag, 24. August 2012

Weekend Challenge: Character Design

 
Ei aber ihr lieben,
 
Während ich meinen dritten Stil-Liebesbrief verfasse, der an Sam Kieth geht, sehr ausführlich wird und vor allem sehr viel Scanarbeit erfordert, übernbrücke ich die Pause mit einer kleinen Challenge, die mitmachen möge, wer kann und Zeit hat.
 
In meinem Interview mit dem ICOM im Vorfeld des Buches kündigte ich großspurig an, das Buch werde auch Übungen enthalten. Dafür hat die Zeit dann letzten Endes nicht gereicht. Aber wie ich kürzlich las, lernen wir nur 10% von dem, was wir lesen, aber 80% von dem, was wir selbst erfahren. Und grade beim Zeichnen ist das Machen die einzige Art, sich zu entwickeln.  Und darauf werde ich hier im Blog auch mehr Schwerpunkt legen.
 
Eine Aufgabe zum Character Design, die es nicht ins Buch geschafft hat, und die ihren Ursprung in einem konkreten Job hatte: Stellt euch vor, ihr müsst eine Drei-Mann-Band portraitieren. Drei Figuren, drei Charaktere. Stellt euch anhand der Charakterbeschreibung vor, wie die Jungs aussehen könnten, und zeichnet sie.
 
MIKE, der Sänger und Gitarrist: Ein intelligenter, humorvoller, spritziger, lebendiger Typ. Sehr selbstbewusst und energisch, und, natürlich, eine leicht exibitionistische Rampensau. Sieht gut aus und weiss es. Lange Haare. Laut, unverschämt und witzig, ca. Mitte bis Ende zwanzig.
 
SEBASTIAN, Bassist, ebenfalls ca. Ende zwanzig. Ein ruhiger, zufriedener, genügsamer Mensch, der sich gerne im Hintergrund hält und damit zufrieden ist, im Hintergrund die Bude zusammenzuhalten, während der Sänger vorne sein Theater macht. Ein guter Ehemann und Familienvater, der viel Wert auf seine Freundschaften legt und der beste, hilfsbereite Kumpel ist, den man sich wünschen kann. Vielleicht einen Tick zu ruhig und gemütlich, deswegen auch das  eine oder andere  Kilochen zuviel auffen Rippen, aber eine treue Seele und ein guter Freund.

MANFRED "MAMBA" KEULKAHLER ist ein Typ, den die Band in einer Kneipe aufgelesen haben. Er ist bereits über fünfzig, war ein paar mal wegen Diebstahl und Körperverletzung im Knast ("die hatten es aber alle verdient!!") , trinkt gerne und viel, ist sehr dumm und primitiv, unangenehm triebhaft, jähzornig, aufbrausend und laut.  

Diese drei Portraits hatte ich letztes Jahr die Ehre, in einem Jugendbuch umsetzen zu dürfen. Manfred macht selbstverständlich am meisten Spaß.

 Dieser ältere Eintrag über die Attribute eines Gesichts und ihre Bedeutung gibt eventuell schonmal ein paar Anhaltspunkte. Einen ausführlicheren Text über die Prinzipien des Character Designs findet sich in diesem Buch, von dem ich einfach nicht aufhöre zu reden.
In other news, HIER liegt eine neue, sehr positive Rezension von DER COMIC IM KOPF. Je me tres gefreut habe!

Mehr Info zu DER COMIC IM KOPF.

Die Auflösung des Challenges gibts dann Anfang näxter Woche, bevor der Liebesbrief an Sam Kieth online geht. Erstmal allen ein prächtiges sonniges Wochenende. Must bei summer.

Take care, Frank
 
 
 


Montag, 20. August 2012

Stil, cooler, der (m. -s, -e): Ein paar Liebeserklärungen (2)

The Human Experience: Kyle Baker - Jack Davis – Will Eisner.


Es geschah etwas seltsames während meiner Arbeit an DER COMIC IM KOPF. Als die Pläne für das Buch konkreter wurden und ich begann, das Buch zu schreiben, war ich ein absoluter Underground / Alternative-Snob. Meine Comics kamen fast ausschliesslich von Verlagen wie Fantagraphics, Top Shelf oder Drawn & Quarterly. Mainstreamcomics sahen für mich alle gleich aus.

Aber ich dachte, um eine Wissenslücke auszugleichen und nicht ignorant dazustehen, sollte ich doch mal in die eine oder andere Maistreamserie reinschnuppern. Ich besorge mir eine Ausgabe von SCALPED.

Tja, und ich war begeistert. Großartiges Script, großartiger Zeichner, großartige Umsetzung.

Danach kam 100 BULLETS, SEVEN SOLDIERS, SANDMANN, und und, und am Ende eines Jahres hatte ich eine komplette Regalwand mit DC/ Vertigo-Comics.

Zu meinem letzten Geburtstag schenkte mir eine Freundin eine Anthologie von alternativen Comics. Ich blätterte darin, und sie sahen für mich alle gleich aus.

Die Vertigocomics werden von Leuten gemacht, die das visuelle Erzählen auf dem höchsten Niveau beherrschen. Jede Seite 100 BULLETS ist eine Lehrstunde in Seitenlayout. Aber was ich vor allem aus diesen Stories mitnahm, war, dass es okay ist, wenn man möchte, dass die Zeichnungen in einem Comic auch Spaß machen. Und wenn man diese Erfahrung oft genug gemacht hat, kommt einem der spröde, stark reduzierte Stil vieler alternativer Comics sehr genusslos vor, wie eine alte, trockene Scheibe Brot. Und ich sehe viele steife, ausdrucklose Gesichter und Körper, wenig Mimik, wenig Gestik. Die Figuren wirken leblos, hölzern und haben das Ausdrucksspektrum eines Nussknackers. Ich habe nicht das Gefühl, dass es den Zeichnern Spaß gemacht hat, ihre Figuren abzubilden. Und ich habe nicht das Gefühl, dass diese Zeichner Menschen mögen. Sonst hätten sie mehr Zeit damit verbracht, ihre Gesichter, ihre Mimik und die Bewegungen ihrer Körper zu studieren.

Und das ist für mich das wunderbare an den Stilen von Kyle Baker, Jack Davis und Will Eisner. Ihre Zeichnungen sind leidenschaftliche Liebeserklärungen an die Menschen, ihr Verhalten und ihren Körper. Ihre Figuren sind lebendig, fühlbar, und tanzen auf den Seiten. Alle dieser Zeichner haben offensichtliche Jahre damit verbracht, Menschen zu betrachten, und ihre Abbildung ist überzeichnet und humorvoll, aber sehr dynamisch und lebendig. Bei Kyle Baker ist es die Körpersprache, aber besonders die unglaublich facettenreiche Mimik der Figuren, die sie auf der Seite lebendig werden lässt. Ich finde es immer wieder unbeschreiblich, wie treffend und lebendig seine Gesichter sind. Leider, leider hat es bislang noch keines seiner Bücher in die Übersetzung geschafft.

Sprechende Körper und Gesichter: ein Paar Momente aus YOU ARE HERE.

Jack Davis ist, kurz gesagt, ein Genie. Der Witz ist, dass die Person Jack Davis atemberaubend unspektakulär aussieht. Der Mann könnte Busfahrer sein, Eisverkäufer oder Vertreter für Sanitärbedarf. Stattdessen ist er einer der innovativsten, ausdrucksvollsten und einflussreichsten Zeichner der letzten hundert Jahre, der Begründer einer eigenen Stilschule, die tausende von Zeichnern geprägt hat.

Expressive Anatomie: eine Elvis-Studie aus dem Fünfziger Jahren.

Der Autor David Sedaris erzählte einmal, wie er nach der Lektüre von Lorrie Moore's BIRDS OF AMERICA so inspiriert war, dass er sich an die Schreibmaschine setzte und in einem Stück eine komplette Geschichte runterschrieb. Etwas ähnliches erlebe ich beim Betrachen einer Jack Davis-Zeichnung. Ich könnte stundenlang darüber schreiben, was dieser Typ mit der Anatomie macht. Die Gelenke lässt er anschwellen, dass jeder Gichtpatient neidisch wird, und Kopf, Hände und Füße sind alle stimmig in der Proportion, aber eben grade einen Tick zu groß (okay, die Füße sind mehrere Ticks zu groß). Die große Lektion, die Jack Davis erteilt, ist, dass er die Anatomie des Körpers so gut kennt, dass er darüber hinausgehen kann, sie abzubilden – das kann er längst. Er interpretiert sie, er spielt mit ihr. Er staucht, zerrt, zieht und quetscht, wie es ihm gefällt. Und ganz egal, welche Verschwurbelungen er seine Figuren machen lässt, es sich immer „richtig“ aus. Und es ist diese ganz eigene Anatomie, die ihn unverkennbar macht, egal ob es ein reduzierterer, cartoonhafter Stil ist, oder ein detailliertes, gemaltes Portrait für das TIME Magazine. Strich oder Fläche, schwarz-weiss oder Farbe, Jack Davis' Stil, wie jeder echte Stil, ist immer unverkennbar, quer durch alle Abstraktionsgrade und Medien.


All Davis: Skizze, Cartoonstil, Karikatur für ein TV-Magazin. Starker Wind. Der Stil sitzt.

Will Eisner ist eine weitere Legende, über die man wenig Worte verlieren muss. 2017 wäre Will Eisner 100 Jahre alt geworden, und seine Geschichten sind die Geschichten eines Mannes, der seine „formativen Jahre“ in den Zwanzigern und Dreissigern verbracht hat. Dementsprechend wirkt die Körpersprache seiner Comics für heutige Augen oft etwas theatralisch, als sähe man eine Stummfilm. Wenn man Eisner liest, muss man immer damit rechnen, dass gleich jemand auf die Knie fällt und zum Himmel fleht. Er war ein Kind seiner Zeit, wie wir alle.


Und trotzdem haben seine Zeichnungen heute immer noch eine Eindringlichkeit und eine Menschlichkeit, der man sich schwer entziehen kann. Und die Liste der Dinge, die man von Eisner lernen kann, ist immer noch lang genug. Bei aller Qualität im Seitenlayout und im visuellen Erzählen haben viele Mainstreamzeichner beim Character Design ihrer Figuren ein Spektrum, das gerade mal von Ken bis Barbie reicht, mit jeweils verschiedenen Perücken und Frisuren. Will Eisners Menschen sind immer einzigartig, real und greifbar, und ihre Erscheinung und Körperhaltung sagt uns bereits eine Menge über ihren Charakter. Er benutzte den einfachen, aber genialen Trick, sich bei der Gestaltung von Figuren an Tieren zu orientieren, deren Attribute er in den Menschen subtil unterbrachte.

Sehr menschliches Character design: Eine Figur von Will Eisner. Wir ahnen bereits, dass "Pincus" nicht gerade der Gewinnertyp ist.
 
Seine zweite große Stärke sind sein atmosphärischen und eindringlichen Kulissen. Seine Straßen und Häuser haben ebensoviel Persönlichkeit wie seine Figuren. Die meisten von uns hassen Background, Kulissen und Perspektiven. Will Eisner liebte sie. Er hat ganze Bücher einzelnen Gebäuden und Straßen gewidmet. Alle Gegestände und Hintergründe, die Häuser, Bäume und Straßen sind ebenso„Eisner“ wie seine Figuren. Er sah und fand Charakter und Persönlichkeit in Autos, Wohnungen, Häusern und Straßen.


Die "Sad street" ist nur ein Beispiel einer ganzen Reihe von Straßen mit Persönlichkeit. Niemand kann Häuser und Straßen mehr zum Leben erwecken als Will Eisner.

Will Eisner hat auch einige Bücher über Zeichnen und Storytelling geschrieben. Sie enthalten viele wertvolle Tips, aber oft habe ich das Gefühl, er bringt einem in erster Linie bei, wie er es macht und sieht. Zum Thema Comicautor und Scriptschreiben sagt er lapidar, Zeichner sollten ihr eigenes Script schreiben. Eisners Antwort auf die meisten Fragen zum Storytelling lautet Ei, mach es halt so wie ich.

Aber seine Zeichnungen, sein Strich, seine ausdrucksvolle Anatomie, seine Figuren und seine Straßen und Häuser sind endlos inspirierend und auch heute noch voller frischer Ideen und Innovationen. So wie gefühlvolles Musikstück niemals seine Energie verliert.

Take care & keep the faith, Spong







Donnerstag, 16. August 2012

Stil, cooler, der (m. -s, -e): Ein paar Liebeserklärungen (1)




The Power of Visage: Ralf König

Einflüsse: Claire Bretecher, Vaughn Bodé

Vor einigen Tagen entdeckte ich die "Influence Map" und konnte nicht abwarten, selber eine zu erstellen. Am Schluss sah sie so aus ...


Größere Version des Bildes HIER.

Ich möchte diese Influence Map gerne zum Anlass nehmen, die Einträge und Gedanken über Stil und Stilentwicklung konkret mit meinen Einflüssen zu verbinden, mit dem, was ich an verschiedenen Zeichnern bewundere, und was ich von ihnen gelernt habe. Meine erste Liebeserklärung geht an meinen Lehrer und Gottvater Ralf König, und die wichtigste Lektion, die ich aus seinem Stil zog, war, wie wichtig Gesichter und Mimik in jedem Comic sind, aber umsomehr bei Humor (Ausnahmen bestätigen hier nur die Regel). 


Wie viele, lernte ich die Sachen von Ralf König über seine Comics in der Titanic und der "Kowalski" kennen. Und ich war von Anfang an schwerst verliebt in die Gesichter, die er zeichnete. Seine Gesichtsausdrücke sind grenzenlos lebendig, ausdrucksvoll, und sehr, sehr lustig. Und während die allermeisten Zeichner ein sehr eingeschränktes Mimikrepertoire haben (entschlossen - wütend - sehr wütend bei Actioncomics, normal, apathisch - traurig bei Autorencomics) schafft es Ralf, in ein paar wenigen, inspirierten Strichen hunderte von Nuancen zu liefern. Ich erinnnere mich an ein Streitgespräch zwischen Konrad und Paul in Super Paradise, sie überwerfen sich, und am Schluss sieht man das Gesicht Konrads. Und in diesem drei, vier Strichen sehe ich Wut und Enttäuschung, aber auch einen Konrad, der kurz davor ist, loszuheulen. Ein sehr viel fröhlicheres Beispiel liefert die "Flucht nach Ägypten" einer meiner liebsten Klassiker aus den wilden Jahren des Kings. Ich finde die Geschichte immer noch zum Schreien komisch, und der ganze Humor läuft nur über die Worte und die Gesichter, die alles von kompletter Hysterie bis zu Langeweile und Resignation aufbieten. Ralf König zeichnet vielleicht die lebendigsten Comicaugen der Welt.

Viele junge Zeichner legen sich einen rudimentären Strich mit einfachen Pünktchen- Komma- Strich-Gesichtern zu, weil man damit so schnell produzieren kann (eine der drei beliebtesten Abkürzungen für den eigenen Stil, davon später mehr). Und Scott McCloud postuliert, sehr theoretisch gedacht, dass man sich mit einem abstrakten Pünktchen-Komma-Strich besser identifizieren kann. Ich denke, er hat damit furchtbar unrecht. Das Problem ist, das in abstrakten Pünktchen-Komma-Gesichtern absolut nichts los ist, nichts, woran man die Emotionen der Figuren sehen könnte, nichts was sie lebendig macht. Kyle Baker, selbst ein genialer Zeicher, hat ein Buch über "Lustiges Zeichnen" gemacht ("How to draw stupid"), und vielleicht seine wichtigste Empfehlung daraus ist: Lebendige, variationsreiche Gesichter. Alles andere, sagt er, kann eigentlich aussehen wie Kraut und Rüben, aber jeder Leser schaut genau in die Gesichter. Und Ralfs Gesichter, ebenso wie die der meisten andere Zeichner auf dieser Liste, erinnern mich immer wieder daran, wie wichtig Mimik für das Storytelling ist.

Eine Seite von Kyle Baker.

Die Tage entdeckte ich noch einmal ein altes Interview mit einem weiteren Maestro der Mimik und der Gesichter, dem großen Will Eisner. Und alles, was er hier sagt, kann ich nur dreimal dick unterstreichen.

AV Club: Ihre Hintergründe werden immer minimalistischer, aber Ihre Figuren sind immer noch sehr detailliert. Warum erweitern Sie [den Minimalismus] nicht auf Ihre Figuren und benutzen ikonischere Figuren, mit denen sich der Leser identifizieren kann?

Will Eisner: Der Grund hierfür ist, dass Menschen recht präzise (abgebildet) sein müssen. Wenn du eine Person anschaust, suchst du nach kleinen Details, in denen ihr Charakter zum Vorschein kommt. Vielleicht sagen buschige Augenbrauen etwas über die Person aus, oder ihre scharfkantige Nase, oder ihre schmale Lippen bringen die Persönlichkeit zum Vorschein. Diese Details müssen zum Ausdruck gebracht werden, denn man kann Leute, Menschen, nicht abstrahieren. Wenn man das tut, wenn man abstrakte Menschen schafft, verliert man die Verbindung zwischen Figur und Leser.


(Kleiner Stiltest: Pick dir drei Gesichtsausdrücke aus dem Ägypten-Comic raus und versuch sie nachzuzeichnen.)

Idee und Ausführung


Neben dem Stil ist die Hauptlehre aus Ralf Königs Comics, wieviel wichtiger Ideen gegenüber ihrer Gestaltung sind. Ich hatte seinerzeit den Auftrag, ein halbes Dutzend lauwarmer Cartoons für eine Werbekampagne der Saarbrücker Zeitung umzusetzen. Ich bekam ein paar hundert Mark, die Agentur, die die lahmen Witze produziert hatte, hatte einen Tagessatz von 7000 Mark. Selbst die lahmsten Witzeschreiber beim Fernsehen, die nichts machen als klauen, verdienen 10.000 Euro im Monat. Zeichnen wird bezahlt wie Handwerk, Ideen werden mit Gold aufgewogen. Ich erwähnte die Wichtigkeit eigener Ideen bereits mal. Ralf beste Geschichten sind sehr persönlich und leidenschaftlich, unglaublich komisch und traurig zugleich. Das besten Beispiel dafür, welchen Wert eine authentische, eigene, persönliche Stimme hat.

Die Tatsache, dass dieser Stil zumindest Ralf extremst flott von der Hand geht, war sicher auch ganz hilfreich bei Comicromanen, die Ralf schrieb, Jahrzehnte bevor die "Graphic Novel" die Runde machte. Charles Burns berichtete kürzlich in einem Interview, dass er, wenn er fleissig ist, eine Seite in zwei Wochen schafft. Chris Ware spricht von acht bis neun Tagen. Ralf König schaffte seinerzeit die kompletten 128 LYSISTRATA in 30 Tagen. Besonders seine frühen Sachen haben einen sehr wilden, krakeligen einfach-machen-Punk-Spirit, der sehr inspirierend ist.

In diesem älteren Beitrag über die äußere Gestalt von Figuren gehe ich auf die einzelnen Attribute des Gesichtes ein, und was sie über den Charakter aussagen. Dieselbe Info findet sich in etwas strukturierterer und saubererer Form auch in diesem schicken Buch über Storytelling, in dem ein komplettes Kapitel von Figuren, Charakter und ihrer Entwicklung handelt.

Take care, Spong


 

Freitag, 10. August 2012

Lernen und Stil: ein paar Ansätze

Einen wunderschönen guten Tag, ich hoffe, bei euch ist alles wohl und gutster Dinge. Ich hatte storytellingtechnisch eine ausgesprochen kräfteraubende und aufwühlende Woche. Erst kriegt Leo McGarry In THE WEST WING einen Herzinfarkt, dann zerstören die Furien im SANDMAN Morpheus‘ Existenz, und nach zwei Doppelfolgen der sehr intensiven Serie LUTHER bin ich jetzt engültig reif für die Herz-Lungenmaschine. Ansonsten ist alles okay soweit. Ich wünschte, wünschte wünschte, ich wäre endlich den Tennisarm los und könnte mit dem Zeichnen loslegen. Ich hatte ja angekündigt, dass es jetzt vermehrt um Stil und Technik gehen soll. Es wird erstmal ein bisschen um Theorie gehen, denn frei nach Steve Vai, dass einzige was uns zurückhält, ist unsere Art zu denken.
Lernen: Besonders die Grundlagen sind enorm wichtig.

Ich habe im Netz ein bisschen nach Lerntheorien gestöbert, und bin dabei auf das ein Modell gestoßen, dass sich etwas sperrig "Kompetenzstufenentwicklung". Auf englisch heissen die Dinger, weitaus griffiger, die "vier Stufen der Kompetenz". Wie alle Modelle ist es auch dieses nur eine von tausend möglichen Annäherungen, aber diese vier Stufen machen extrem viel Sinn für mich, und kombiniert mit den Prinzipien des Shuhari lassen sie sich fantastisch auf die Entwicklung zum Beispiel eines Zeichenstils anwenden. Ich hatte es ja schon ein paar Mal von den Wundern der Selbsterkenntnis. Alan Moore sagte mal, dass das Selbsterkenntnis das wichtigste Wissen ist, das wir erlangen können. Und wenn wir kreativ rummurksen, ist es ebenso wichtig, sehen zu können, wo man steht, wo man hinwill, und welchen Weg man vor sich hat. Ich schätze mal vorsichtig, dass 99% aller Talente und kreativen Potentiale verpuffen und versiegen, weil die Menschen, die diese Talente besitzen, eben diese Fragen für sich nicht beantworten können. Ich habe alle Fehler gemacht, die ich machen konnte. Ich dachte am Anfang, ich könne mir alles selbst beibringen. Ich wollte das Rad neu erfinden und "meinen" eigenen Stil erschaffen, der dann nach der Frankenstein-Methode entstand und aussah wie ein riesiger Haufen Kacke. Ich habe sehr viel Zeit in der Endlosschleife "Theorie" verbracht, und sehr viel Zeit in der Endlosschleife "Suche nach dem perfekten Material". Im Nachhinein hatte ich einfach schlicht keine Ahnung, was ich tat. Und ich kann nur hoffen, dass das, was ich hier schreibe, Leuten in einer ähnlichen Situation mehr Klarheit darüber gibt, wo sie stehen, und wie sie ihren Weg weiter gehen können.

Hier also die vier Stufen:

1. Ich kann etwas nicht und ich weiss nicht, dass ich es nicht kann (die "unbewusste Inkompetenz")

Ein Kind malt drei Striche aufs Blatt und sagt „das ist unser Haus“. Es kann nicht sehen, dass seine Zeichnung nicht aussieht wie das Haus. Dieser Zustand der totalen, spielerischen Unwissenheit ist für Kinder großartig und richtig. Wenn Kinder zeichnen, sind sie in bester Zen-Manier „im Moment“ sie wollen nicht erreichen und niemanden beeindrucken. Sie wollen nur malen. Wie gesagt, bei Kindern ist dieser Zustand großartig und richtig. Bei Teenagern ist er leicht irritierend, und bei allen Leuten über zwanzig, dreissig, vierzig ist dieser Zustand zunehmend verstörend. Ich begegne immer wieder Zeichner jensseits der Dreissig, die einfach schlicht nicht sehen, dass ihre Kugelschreiberkritzelei des mächtigen Thor anders aussieht als die Version von John Buscema. Es ist meine Erfahrung, dass man in solchen Momenten am besten einen Blinddarmdurchbruch vortäuscht und wegläuft oder umfällt, denn verbal ist die Situation in keiner Weise zu retten.

2. Ich kann etwas nicht und weiss, dass ich es nicht kann.

Mit der Erkenntnis ist man bereits auf dem richtigen Weg. Im Sport ist dies die Station, in der man die Klappe hält und vorbehaltlos alles tut, was der Lehrer einem sagt, die Zeit des SHU. Das Äquavalent dazu beim Zeichnen ist vielleicht, die Zeichnungen und Comicseiten eines bewunderten Zeichners zu kopieren, in einem Alter, in dem einem das Ego und der Anspruch, alles selbst erfinden und entdecken zu wollen, noch nicht im Weg ist. Fast alle Zeichner die ich kenne, haben damit begonnen, ihre Helden zu imitieren, und sind auf diesem Weg, mit dem einen oder anderen Schlenker hier und da, zu einem eigenen Stil gelangt, dem man seine Vorbilder und Traditionen ansieht, der aber trotzdem absolut eigenständig ist. Aber für Späteinsteiger ist die Stilfindung ein Riesenproblem.  Wir sind zu eitel, um zu imitieren. Wir sind kompentent, selbständig und autonom in allen anderen Lebensbereichen, und wir halten uns für talentiert. Es fällt uns sehr schwer, uns von anderen sagen zu lassen, was wir tun sollen. Wir sind davon besessen, unseren Stil selbst zu finden. Und das, glaube ich heute, ist unmöglich. Als unerfahrener Zeichner hat man schlicht kein Auge dafür, was zusammenpasst und was nicht. Man vermischt Stile, Abstraktionsgrade, vergeigt die Anatomie. Man braucht Monate, um zu Erkenntnissen zu gelangen, die einem ein guter Lehrer in einer halben Stunde vermitteln kann. Ich habe diesen Fehler seinerzeit gemacht. Mein Stil sah aus wie Kraut und Rüben, eine krude, unansehnliche Mischung aus Stilen die ich mochte, alles sehr krakelig und sehr reduziert. Und auch das ist eine beliebte Abkürzung, die Zeichner nehmen, um sich jahrelanges Üben zu ersparen. Wie Daniel Clowes es seinerzeit formulierte:
Auch der hingebungsvollste angehende Comiczeichner sollte seine Methoden regelmäßig hinterfragen. Zeichnet er, beispielsweise, in einem „freien, skizzenhaften“ Stil, weil er denkt, es habe Energie? Oder zeichnet er so, weil es weniger Zeit und Mühe erfordert, und er, ganz ehrlich, nicht zeichnen kann? 
Ralf König sah seinerzeit die Zeichnungen, mochte die Witze, aber nicht die Zeichnungen. Und sein erster Rat war „ich finde, du solltest viel mehr klauen“.  Ich klaute, und es sah aus wie Ralf König, und das war dann auch wieder nicht recht. Wirklich auf richtige Gleis kam ich erst, als sich Ralf bereit erklärte, mir bei Entwickeln eines Stils zu helfen. Er hat ein routiniertes Auge: Er sieht was passt, und was nicht (die ganze, lange Geschichte, wie das zustande kam, steht hier, für die, die es interessiert). Ich sah es damals nicht. Und ich kann heute nur jedem raten, der seinen Stil ausbilden will, entweder soviel abzuzeichnen wie er kann – der eigene Stil entsteht irgendwann sowieso von selbst – oder sich einen Lehrer zu suchen und / oder soviel Austausch und Hilfe zu finden, wie er kann.

3.  Ich habe einen Weg, einen Stil gelernt, wende mein Können bewusst an, und entdecke andere, eigene Wege.
Die Zeit des HA, und die Zeit, in der ein Zeichner einen Stil beherrscht, und merkt, dass dieser Stil auch Grenzen und und Beschränkungen hat. Ein Gitarrist kann jetzt vielleicht den kompletten Clapton hoch und runter spielen, und merkt, dass er viele Stimmungen in diesem Stil nicht wiedergeben kann. Zeichner schauen sich andere Stile an, analysieren sie, entwickeln eigene Charaktere und Stories, und verschiedene Einflüsse und eigene Ideen fließen langsam zu einem eigenen Stil zusammen, der in der Lage ist, alles abzubilden und zu erzählen, was wir erzählen wollen. Unser Auge ist nun geübt genug, um zu verstehen, was zusammengeht und was nicht.
Es gibt nicht den *einen* Tag, an dem der eigene Stil passiert, aber irgendwann schaut man aufs Blatt, und alle Einflüsse und Vorlieben sind zu einem Stil zusammengeflossen. Und dieser Moment, in dem wir unseren eigenen Stil gefunden haben, ist für viele von uns einer der glücklichsten Momente in unseren Leben. Like coming home.

4. Jenseits der Technik
Im (Kampf)sport ist das RI eine Periode, in der man sein fundiertes Wissen automatisch anwendet, ohne darüber nachzudenken. In gewisser Weise erlebt man dasselbe als routinierter Zeichner, der intuitiv die Linien dynamischer gestaltet und die Anatomie anwendet. Aber die allermeinsten Zeichner, die ich kenne, entwickeln sich stetig weiter. Sie werden realisischer, perfekter, probieren andere Materialien oder Medien oder gehen digital. Die Veränderungen sind oft nur noch in Nuancen, aber für die meisten von uns ist es eine Reise, die nie zuende ist. 

Noch eine Einsicht, die für mich Sinn machte, von William Glasser:

Wir lernen...
10% von dem, was wir LESEN
20% von dem, was wir HÖREN
30% von dem, was wir SEHEN
50% von dem, was wir SEHEN und HÖREN
70% von dem, was wir mit anderen DISKUTIEREN
80% von dem, was wir PERSÖNLICH ERFAHREN
95% von dem, was wir ANDEREN BEIBRINGEN

Dementsprechend werde ich die nächsten Wochen mal dafür sorgen, dass hier viel Praxiskram passiert. Wenn nur der §$%& Tennisarm mal weg wäre. Wie dem auch sei, ein schönes Wochenende, seid wohl und gutster Dinge, Spong


Mittwoch, 8. August 2012

Der König spricht.


Kleine Erfreulichkeit ausser der Reihe: DCIK wurde heute von Ralf König auf Facebook empfohlen. Ich freue mich sehr über sein Lob, und Gott allein weiss, was ich wäre ohne seinen Zuspruch, sein Lob, und seine Freundschaft. Alles, alles liebe zum Geburtstag, Ralf König.

Sonntag, 5. August 2012

There'll be some changes made: Comics in den kommenden Zeiten


Diese heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, böse, gottlos und faul.
Es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten.
Babylonier, ca. 6000 v. Chr.

Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.
Aristoteles


Ich liebe diese beiden Zitate, weil sie aufzeigen, in welcher Endlosschleife sich das Ältere über das Jüngere aufregt. Selbst der gute, alte, geniale Aristoteles. Die Jugend ist entsetzlich anzusehen? Der Typ war offensichtlich noch nie auf einer Comicbörse. Ich muss neidlos anderkennen, dass die "Jugend" der Comicszene weitaus geduschter und besser gekleidet ist als alles, was vor ihnen kam.

Aber die beiden Zitate sind für mich auch symptomatisch für die komplette Ablehnung jeder Art von Veränderung, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht.
Die Leute haben gegen den Buchdruck gewettert, gegen das Kino und gegen den Computer. Und das einzige Argument, das man tatsächlich stehen lassen konnte, war Es wird nie wieder so sein, wie es mal war. Manches geht verloren, manches wird besser. Aber die einzige hundertprozentig wahre Vorhersage stammt von Heraklitur, 500 vor Christus: Das einzige, was konstant ist, ist die Veränderung.

Ich hatte ja
letzte Woche schon die Liste "Ten things to know about the future of comics" erwähnt, die für mein Empfinden viele Entwicklungen auf den Punkt bringt. Vielleicht nochmal grade ein paar Worte zu einigen dieser Entwicklungen.

Heft geht, Buch kommt


Was verloren geht:
Man kann als Verleger / Künstler eine Story erstmal in kleinen Happen (und mit überschaubaren Kosten und Aufwand) ausprobieren,  anstatt ein Jahr lang dran zu sitzen, ein Vermögen für die Veröffentlichung auszugeben und DANN erst festzustellen, dass das Buch niemanden interessiert. Und man hat gewungenermaßen mehr Zeit für die Story. Ich hänge gerade in der neunten "Graphic Novel" der Sandman-Serie, und plötzlich wird da frecherweise Bezug auf etwas genommen, was vor hunderten von Seiten passiert ist. Ähnlich wie schon bei SEVEN SOLDIERS und den INVISIBLES muss man beim Sandman eigentlich jede Story dreimal lesen, bevor man alles aufgeschnappt hat.  Hätte ich jeden Monat nur 28 Seiten gehabt, hätte ich sie wohl öfter gelesen, und die Zusammenhänge wären besser hängen geblieben.

Was besser wird:
Die lange Erzählform ermöglicht tausende von Dingen, die die Heftform nicht fertig bringt. Ich liebe lange Serien, oder lange Graphic Novels wie BOX OFFICE POISON, besonders dafür, dass die lange Form ihnen erlauben, aus dem eigentlichen Plot auszusteigen und ohne Druck und Stress ihre Figuren einfach mal machen lassen. Sie zeigen, wie sie Weihnachten feiern, wie sie von ihren Beziehungen erzählen, oder wie sie ihre Abende verbringen. Kein Zwang, alle dreissig Seiten eine Handlung abzuschliessen, oder einen Cliffhänger zu bringen. Man hat alle Zeit der Welt, um eine Figur oder ein Beziehung und ihre Entwicklung darzustellen. Das erste Beispiel, das mir in den Kopf kommt: THE WEST WING stellt den Alltag der Mannschaft dar, die für den Präsidenten der USA die Tagesgeschäfte erledigt. Direkt von Anbeginn bedient sich die Serie des ältesten und genialsten Serientricks aller Zeiten: ZWEI LEUTE LIEBEN SICH, ES KNISTERT WIE DOOF, ABER SIE UNTERNEHMEN NICHTS. Klappt jedesmal. Das hat mich schon zu Zeiten von TKKG in die Bücher beissen lassen vor Anspannung. In THE WEST WING funkt es kollossal zwischen Josh Lyman und seiner Assistentin Donna Moss, aber keiner der beiden macht einen ersten Schritt, fünf Staffeln und 110 Folgen lang merkt man die Spannung zwischen den beiden, während niemand etwas sagt und nichts passiert. Aber auch NICHTS. Alle paar Jahre mal eine Umarmung. Ab und zu hat einer der beiden ein Date und eine Affäre, um kriegt vom anderen kleine Bemerkungen und Sticheleien zu hören, und das wars.

Und dann, am Anfang der sechsten Staffel, wird Donna bei einer Reise in den Gaza-Streifen lebensgefährlich verletzt. Josh Lyman erfährt davon, und während das Weisse Haus tobt und bebt wegen einer bevorstehenden Nahost-Eskalation, reist Josh in das deutsche Militärkrankenhaus, um an Donnas Bett zu wachen. Wie gesagt, all das nach 110 Folgen ohne das etwas zwischen den beiden passiert wäre. Er  begleitet sie in den OP, und wartet an ihrem Bett, tagelang, bis sie aufwacht. Und dann macht sie die Augen auf und sagt seinen Namen. "Du bist immer noch da", sagt sie. Und Josh sagt
Yeah (6:40 ff).  Und ich wette bei allem, was mir heilig ist, dass sich bei dieser Szene Millionen von Amerikanern die AUGEN aus dem Kopf geheult haben. Ich habe jedenfalls literweise Flüssigkeit verloren. Und es sind ja nicht die Sätze, die diese Emotionen auslösen, sondern die Energie, die in ihnen liegt. Eine Energie, die sich über Hunderte von Stunden angesammelt hat.  Sowas gelingt einem nicht innerhalb von 30 Minuten oder 28 Seiten. Obwohl Pixar in den ersten fünf Minuten von UP der Sache schon sehr nahe kommt.

Und: Comics wandern (zurück) in die Buchläden. Das kann man gut finden oder nicht. Auf jeden Fall verzehnfacht es die Leserschaft, und die Comicläden, von denen 90% "den Charme eines schmuddeligen Sexshops" versprühen, wie Daniel Clowes mal schrieb, sind nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung. Ich fand
diesen Artikel in der österreichnischen "Profil" sehr auffschlussreich, in dem dargestellt wird, in welcher Auflagenhöhe Graphic Novels wie "Baby's in Black" inzwischen unterwegs sind. Gestandene Verlage wie Suhrkamp, Kiepenheuer und Witsch und und und suchen nach Zweitverwertungen in Graphic Novels. Wer weiss, was in den nächsten Jahren alles möglich sein wird. Ich habe ein bisschen die Befürchtung, dass viele gestandene Comiczeichner wegen ihrer Vorurteile gegenüber dem Begriff Graphic Novel an dieser Entwicklung nicht teilhaben werden, während alle möglichen Figuren aus dem "ernsthaften" Kunstbetrieb eine Graphic Novel zurechtkrakeln, die dann durch die Feuilletons gereicht und gefeiert wird. Nur echt mit Sprechblasen in der Form von Libellenflügeln. Ich hatte letztes Jahr Perspektiveunterricht bei einer Künstlerin, die traditionell Skulpturen und abstrakte Acrylbilder malte. Sie lächelte über meine Umsetzung der Einpunktperspektive im Comicstil. JETZT GIBT SIE KURSE IM COMICZEICHNEN. Keine Ahnung, ob sie das gut oder schlecht macht. Ich weiss nur, dass sie vorher nie das geringste mit dem Medium zu tun hatte.

Ich möchte damit nur sagen: Es passiert eine Menge gutes Zeug für den Comic. Und ich kann nur sehr hoffen, dass dieses gute Zeug an den ganzen "gestandenen" Comiczeichnern nicht vorbeigeht, nur weil irgendwas jetzt anders aussieht, oder anders heisst, wie vor dreissig Jahren. Es gibt ein Wort für dieses Verhalten. Es heisst Ignoranz.

(Eine Suche bei Amazon nach "Graphic Novel" zeigt einem, wieviel Material bereits jetzt auf den Markt stürzt.Von Kafka und Proust über "Game of thrones" bis zu "Drachenläufer" und Jane Eyre. Man kann wirklich nur hoffen, dass der Boom - und der immer darauffolgende kommerzielle Jammerblues - der Graphic Novel erspart bleibt. Ich finde nämlich die lange Erzählform bei Comics großartig.)

Der Switch von Heft zu Buch ist Teil einer anderen Entwicklung, nämlich ...


Der Comic im tausend Gestalten: Wandelbarkeit von Format und Medium


Mein lieber Nachbar Vincent ist Niederländer, und berichtete mir seinerzeit von einem Zeichner und Autoren namens Marten Toonder, der in den Siebzigern sehr erfolgreiche "Graphic Novels" gezeichnet habe.

"Graphic Novels? In dem Siebzigern?"
"Das bedeutete damals etwas anderes. Heute heissen normale Comics Graphic Novels, damals waren es Romane mit Comicillustrationen."

Und er zeigte mir ein Buch von Toonder, ein Roman mit einem normalen Fließtext. Aber auf der oberen Hälfte der Seiten liefen jeweils gezeichnete Sequenzen, die in Comicbildern abbildeten, was im Text zu lesen war.


Wie sinnvoll ausgerechnet diese Mischform ist, kann ich nicht beurteilen, aber ich glaubem, der Sprung ins Buch/Literaturformat könnte die Möglichkeiten, Bilder und Text zu kombinieren, endlos erweitern. Es ist alles möglich, von der reinen Erzählung in Bildern, wie sie das großartige "Ein neues Land" von Shaun Tan liefert,





über die klassische Comicform, bis hin zu allen erdenklichen Kominationen von Fließtext und Illustration. Was auch immer für die Geschichte funktioniert. Viele Passagen in einem Klassiker wie SIN CITY fühlen sich an wie ein Fließtextroman, dem durch Illustrationen zusätzliche Stimmung verliehen wird. Und auf ihre eigene Weise liefern Watchmen oder Cerebus auch jeweils das komplette Spektrum, vom schweigenden Bilderverlauf zur klassischen Bild über die comictypipische Sprechblase bis zum illustrtierten Fließtext. Es wird spannend, zu sehen, welchen Einfluss die längere Erzählform auf das Erzählen mit Bildern hat.

Papier 2.0





Schwerer zu verdauen für die ältere Generation wird dagegen der Switch von Papier zu digital sein, als Leser ebenso wie als Macher.  Ich hatte zu diesem Thema eine ziemlich kategorische Einstellung: Papier super, digital doof. Aber ich musste kürzlich an ein Zitat von Davis Sedaris denken, den ich sehr bewundere, und der meinte, e-mails seien das Äquivalent zu Zettelchen, die man sich früher im Unterricht zugesteckt hätte. Und ich las das und musste schon sehr die Stirn runzeln. Ich habe jahrelang sehr intensiv E-Mails mit Ralf König ausgetauscht. Es waren richtige lange, ausformulierte, intensive Briefe in digitaler Form. Und der einzige Unterschied zum Brief auf Papier war, dass mein Computer irgendwann zusammenbrach und alle diese Mails weg waren. Geniale Zeichner wie Geier (zu sehen in

diesem superinteressanten Tutorial zur Entstehung seiner Jazam-Story) oder Karsten Schreurs arbeiten sehr viel bis ausschliesslich digital.

Tja, und was ist mit dem digitalen Lesen? Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass vor langer Zeit Leute murrten, eine Geschichte in einem  Buch zu lesen könne NIEMALS so toll sein, wie eine persönliche Erzählung. Mag ja auch sein. Und? Und viele Leute bezweifelten, daß sich das Kino durchsetzen würde, denn "wer schaut sich denn abgefilmte Leute auf der Leinwand an, wenn er sie im Theater leibhaftig erleben kann?"  Und jetzt kommt erstmal der eReader, der aller Wahrscheinlichkeit nach in den nächsten Jahren ein kolossaler Renner wird. In welcher Form Comic da passieren soll, ist noch nicht ganz klar. Aber Projekte wie Wormworld Saga haben schon sehr viel Bewegung in die Szene gebracht. Beim Crossfunding für die Entwicklung einer App wurden 12,000 Euro benötigt, und
zusammengekommen ist schliesslich fast das Doppelte dieser Summe. In den Neunzigern schrieb Daniel Clowes ein Essay über Entwicklung und Zukunft der Comics, in der er Bewegungs- und Soundeffekte vorhersagte ("Can't you just hear the irritating sound effects?"), und während für mich Motion Comics immer noch etwas sehr albernes und unfertiges haben, wie in diesem Motion Comic über die X-Men, wer weiss wohin die Reise da in Zukunft noch gehen wird. So wie die Graphic Novel die Brücke zur Literatur schlägt, schlägt der Motion Comic die Brücke zur Animation. Ich bin sicher, es gibt Stories, die in diesen Formaten funktionieren.




Bei den Geräten herrscht noch reichlich viel Wirrwarr, und das wird wohl auch noch eine Weile so bleiben. Ob BLACK HOLE auf einem iPad genauso seine Wirkung entfalten kann wie in Buchformat, will ich auch nicht beurteilen können. Am wahrscheinlichsten scheint mir, dass Comics entstehen, die speziell auf einen Bildschirm abgestimmt sind, so wie es bereits bei Wormworld der Fall ist. Also bedeutet das alles nur, dass es noch ein Format mehr gibt, in dem Comics erscheinen.

Und ob etwas nun Motion sonstwie betitelt wird, Manga oder Graphic Novel, frei nach Billy Joel: It's still comic to me.










Dieses Bild hat übrigens überhaupt nichts mit dem heutigen Thema zu tun. Ich fands nur witzig. Kleine Bastelei am Rande.
In eigener Sache: Es fällt nichts schwer, in der Zugriffstabelle hier eine Rock-n-Roll-Hand zu erkennen  (oder ein Batdiagramm)- seems like we're back. Danke an alle die mitlesen.

In eigener Sache II: Ich habe mir beim Schreiben von DCIK leider einen hartnäckigen Tennisarm gefangen, aber getreu dem Satz von Terry Moore : you do best what you do most, möchte ich so bald wie möglich wieder zum Comicmachen zurückkehren. Ich schreibe gerade an einer längeren Story namens JUNGFERNBALLADE, deren Entwicklung ich hier dokumentieren möchte, von Script zu den Scribbles und alles drumrum. Wenn alles rundläuft, geht sie Anfang nächsten Jahres als wöchentlicher Webcomic an den Start und liegt zu Erlangen auf Papier vor. Viele Grüße und eine triumphale Woche, Spong