Dienstag, 24. Juli 2012

Das Gesicht des Feindes, oder Ein Medium in den Wechseljahren


Wer auch immer seinerzeit schrieb, niemand sei eine Insel, hat definitiv keine Comics gemacht. Die Comicszene ist wie Japan, überall kleine, zerklüftete Inseln. Und die jeweiligen Bewohner dieser Inseln übereinander in einer Tour zetern und motzen, und das mit einer Hingabe, die man sonst nur von Kleingärtnervereinen kennt. 

Die Top Five der Stereotypen:

  • Superhelden: dümmliche, humorlose, pubertäre Actiongeschichten in Muskelprotz-Ästhetik für ungefickte Nerds über Vierzig.
  • Manga: pubertäre alberne und / oder sentimentale, zuckrige Geschichten, die alle gleich aussehen.
  • Indie: Krakelstil in schwarz/weiss und es geht immer um Drogen oder Ficken.
  • Graphic Novel:  depressive, pseudointellektuelle, schlecht gezeichnete Comicromane, in denen Leute traurig aus der Wäsche gucken und ansonsten nichts passiert. Die kriegen immer die Preise. Menno.
  • Kunstcomics: Unkenntliche Krakelei in idiotischen Sonderformaten auf handgeschöpftem Büttenpapier,  gefördert von der Uni sonundso, Auflage 20 Stück, 8 Seiten für 40 Euro.
Und alle diese Lager haben natürlich keinerlei Grauzonen oder Schnittmengen. Ausser dass sie sich einmal im Jahr unversehens zusammen in einer großen Halle wiederfinden. 
Bei allem coolen und guten, was in Erlangen 2012 passiert ist, das erste was mir blöderweise in den Sinn kommt, ist Maikel Das - no offense Maikel - , der den ICOM-Preis für PERRY entgegennimmt und mit trotzigem Stolz verkündet, dass es „auch in Zukunft bei Perry keine Kunstkacke“ geben wird. Ich bin sicher, irgendwo weint sich Anke Feuchtenberger in den Schlaf, weil sie bei der nächsten Ausgabe von „Perry“ wieder nicht dabei sein darf.  Und Geier (den ich nebenbei für einen der besten Zeichner in Deutschland halte) äussert über den ICOM-Preis wohlwollend, „dass sich die Jury des  ICOM-Preises diesmal deutlich von dem Feuilleton-Mainstream abgewandt hat [..]und Comics wieder als das anerkannte, was sie eigentlich sind: Unterhaltung die Spaß machen soll.

(Wäre interessant, mal zu erfahren, was dann Romane, Filme und Serien *eigentlich* sind, aber das ist eine andere Dose Fischfutter.)

 Nebenan beim Max-und Moritz-Preis ging es weit weniger harmonisch zu, als Daniela Winklers „Grablicht“ den Publikumspreis gewann und sowohl die Art der Preisvergabe als auch die Story selbst bekrittelt wurde.  Und „RoterKater“ schrieb in seiner Antwort auf Animexx: „Inhaltsschwangere Graphic Novels, die eher mit angenommener "Wichtigkeit" als mit Lesevergnügen glänzen, sind zweifelsohne immer die Jury-Favouriten gewesen. Nun hat das M&M-Publikum ein Statement gegen den konservativen, bildungsbürgerlichen Gestus des Preises gesetzt.

Never mind, dass Ralf König den Max-und Moritz-Preis dreimal bekommen hat. Die bösen Graphic Novels wieder.

Wie gesagt, in der Szene herrsscht ein Gemotze und ein Genöhle, das jedem Kleingärtnerverein gut stehen würde.  Letzten Endes sind Comicleute wohl einfach genauso wie, naja, Leute halt. Wir hegen und pflegen unsere Feindbilder, nehmen nur das wahr, was in unsere Kategorien passt, und wenn wir älter sind, verachten und verspotten wir alles, was neu und anders ist. 

Ich habe „Grablicht“ nicht gelesen. Ich habe einmal mit Daniela Winkler gesprochen, und ich glaube, sie ist nett, humorvoll und talentiert. Ich glaube ausserdem, dass sie mit Grablicht schlicht komplett andere Leute anspricht als mich. Es ist, als würde mir jemand ein knallrosa T-Shirt bis glinzernden gelben Sternchen reichen.  Nichts gegen knallrosa T-Shirts bis glinzernden gelben Sternchen, aber wie gesagt … damit sind andere Leute gemeint als ich. Auf dieselbe Weise wird Daniela Winkler wahrscheinlich nichts mit Mark Kalesniko oder Alex Robinson anfangen können, weil es nichts mit ihr zu tun hat und sich auf eine andere Lebenswirklichkeit bezieht.

Werbung und Industrie arbeitet mit verschiedenen  Farbcodes für verschiedene Zielgruppen. Bei Kindern gibt es die knalligen Primärfarben, Rot, Gelb, Grün, Blau, alles so satt und fett wie es nur geht. Je älter die Zielgruppe wird, desto gedeckter werden die Farben. Erdtöne, Weinrot vielleicht, dunkles Blau, Anthrazit. Die Jüngeren nennen es farblos, die Älteren nennen es subtil. Und ob Satt.org mit „Grablicht“ wenig anfangen kann, oder die Animexx-Community mit Isabel Kreitz – im Grunde werfen wir den Comics, die wir dissen, nur vor, dass sie nicht so sind, wie wir sie gerne hätten.

Leonardo daVinci schrieb seinerzeit von dem schönen Prinzip der Dimostriazione, der Bereitschaft, das eigene Wissen – oder das, was man denkt zu wissen – immer wieder zu prüfen und infrage zu stellen. Und während etwas mehr von diesem Prinzip uns allen gut täte, finde ich es auf eine seltsame Weise tröstlich, dass man auch mit Anfang zwanzig dieselben bornierten Feindbilder haben kann wie mit Vierzig. Willkommen in der Comicszene, liebe Twens. Hier ist eure Mappe mit den Feindbildern.

Wo sich doch eigentlich alle einig waren, das Comics Spass machen sollen ...

Aber WIE DEM AUCH SEI. Vor knapp fünf Jahren interviewte ich den amerikanischen Autor Alex Robinson, und auf die Frage, in welche Richtung sich das Medium entwickeln wird, antwortete er unter anderem

Ich denke, ein großer Trumpf, den die Comicszene zu ignorieren scheint, ist Manga. Mangas sind in den USA in den letzten Jahren unglaublich populär geworden, besonders unter Mädchen, eine Zielgruppe, die die Comics schon vor Jahren abgeschrieben haben. Irgendwann wird auch diese Generation erwachsen und ihrerseits Redakteure und Autoren stellen.

Und diese Generation, Zeichner und Zeichnerinnen, die in der Mangaszene begonnen haben, stehen jetzt beim ICOM und bei Ehapa auf der Bühne, und die traditionelle Comicszene guckt dabei aus der Wäsche, als hätte sie der Blitz beim Scheissen getroffen. Aber davon mehr beim nächsten Mal, wenn ich großspurig über die ZUKUNFT DES COMICS sinniere.

Bis dahin seid wohl und gutster Dinge, und drückt mir die Daumen, dass ich meinen Tennisarm bald los bin, take care, Spong

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