Donnerstag, 6. Oktober 2011

Fallen by the wayside: Best of Holzwege


In eigener Sache: Im Rahmen meiner Vorbereitung für den Storytelling-Tag der Comicademy habe ich ein bisschen nach Comicskripts gestöbert, und hatte bei http://www.comicbookscriptarchive.com die Gelegenheit, die Scripte zwei genialer Autoren zu vergleichen, nämlich Grant Morrisons "Invisibles" (hier das as PDF der ersten Ausgabe:) sowie die ersten zwölf Seiten zu Alan Moores "Killing Joke". Beide Scripte geben sehr schöne Einblicke in die Arbeitsweisen dieser zwei Ausnahmeautoren. Besonders charmant finde ich Alan Moores Art, seine Panelbeschreibung wie einen Brief an einen Freund zu formulieren - "wo ich doch weiss, wie sehr du schwarze Flächen magst". Für die Leute, die sich noch erinnern können, wie sehr ich von "Scalped" schwärmte, liegt das Script des kompletten Heftes Nummer 35 hier als Word-Dokument.

Die Nummer 35, btw, ist sehr speziell und exemplarisch für den Mut und die Vielseitigkeit dieser Serie und seines Autors, Jason Aaron, denn die Story handelt, in fast meditativem Ton, von einem alten Indianer in einem verlassenen Reservat, der gezwungen ist, in die Stadt zur Armenspeisung zu fahren, um für sich und seine Frau den Hunger abzuwenden. Und dieser Schritt ist für den stolzen alten Mann der schwerste seines Lebens. Ich fand die Episode auch deshalb so bewegend, weil ich persönlich jemanden kenne, der auf die "Tafel" angewiesen ist. Ich bin immer wieder erstaunt, wieviel Wahrheit heutzutage im "Mainstream" unterwegs sein kann.

Zu WAYSIDE:
Vor einigen Tagen hatte ich nochmal die Gelegenheit, die unzähligen Fotos zu sortieren, die ich mit meinen lieben Kollegen von PXP über all die Jahre auf Comicmessen gemacht habe. Und bei der Gelegenheit sind mir immer wieder auch Gesichter begegnet, die irgendwann kamen und irgendwann wieder weg waren. Fallen by the wayside. Bei manchen habe ich keine Ahnung, was aus ihnen wurde, bei vielen weiss ich es.

Da wir ja nun dank Alan Moore schon wissen, wie man Erfolg hat (tu das, was du liebst, und versuch darin besser zu werden), wäre es doch mal interessant, zu sehen, welche Zeichner und Autoren es irgendwann aufgegeben haben. Und warum. Warum warum konnte sich ihr Traum nicht verwirklichen? Ich schreibe das hier ohne jede Häme und ohne jeden Zeigefinger, denn ich habe selbst in den letzten zehn Jahren kaum einen Holzweg ausgelassen. Wie generell im Leben sind es kleine, unwillkürliche Entscheidungen, die unser Leben prägen. Ein, zweimal falsch abgebogen, und der Traum ist hinterm Horizont verschwunden. Bei mir fließt stilistisch wie inhaltlich langsam alles zusammen, aber wer weiss, was gewesen wäre, wenn ich Ralf König nicht begegnet wäre? Oder Wittek, Mille, Sarah?

Best of Scheitern:

Ich schreibe / zeichne Comics, lese aber selbst keine
Kaum zu glauben, wie verbreitet diese Haltung ist, und wie spezifisch für das Medium Comic. In jedem anderen Medium ist sowas undenkbar. Alle Buchautoren, die ich kenne und / oder lese, sind selbst fanatische Leser. Nick Hornby kauft jeden Monat Dutzende von Büchern. Musiker sind immer auch Fans. TV-Autoren kennen natürlich, sehr genau, die Serien anderer Sender und anderer Autoren. Nur bei Comics bleiben viele Zeichner und Autoren in den Achtzigern stecken und denken, es hätte sich stilistisch wie inhaltlich seit den STURMTRUPPEN nicht viel getan. Comics sind in ihren Augen immer noch das Medium, in dem Frauen mit Nudelhölzern hinter der Tür lauern und Männer von Leitern fallen. In keinem anderen Medium findet man Kreative, die ihrem eigenen Medium derart borniert und ignorant gegenüberstehen.

Auch gerne genommen: Ich zeichne Manga, lese aber keine Comics. Und umgekehrt.

Ich Künstler, du Jane
Hier die TOP 3 der Themen, wenn man sich einen Abend mit Freunden so
richtig versauen will:

- Politik
- Religion
- Kunst

Eine Freundin von mir arbeitet für eine Agentur, die mit Kunstmalern zusammenarbeitet. Sie berichtet, dass es schon längst nicht mehr um die Bilder geht, sondern um die Personen der Künstler. Das Handwerk der Kunst ist zu einem Kult der Personen geworden. Es geht nicht mehr darum, was wir machen. Es geht darum, wer wir sind. Es passt in eine Zeit, die die
Individualität feiert wie nie zuvor.

Und sich als Künstler zu betiteln und zu fühlen, heisst für viele, dass sie vom Konzept des Handwerks und des Lernens komplett losgelöst sind. Denn sie sind ja Künstler und daher sozusagen von Werk ab toll. Und so tummeln sich um jeden Comiczeichnertisch die Menschen, die einem von den Wehen und Leiden ihrer Kunst erzählen, von dem Ringen mit ihrer Kreativität. Ohne jemals etwas zu machen. Wir alle tragen den Virus des Narzismus in uns. Eitelkeit und Ego sind wie zwei rötzgörige jüngere Brüder, die uns die ganze Zeit unsere Dates versauen, und je eher wir sie zuhause lassen, desto besser.

Denn am Ende des Tages bleibt eben doch nichts von uns, als unsere Taten.

Kritik ist was für Bettnässer
Ein langjähriger Tischnachbar war ein Zeichner, dessen Geschichten eigentlich nicht sooo schlecht waren. Aber er war nicht besonders in Anatomie und Mimik. Seine Figuren waren hölzern, steif und leblos. Seine Männer sahen aus wie schlecht abgezeichnete Ken-Puppen, und seine Frauen sahen aus wie schlecht abgezeichnete Ken-Puppen mit Brüsten. Aber er. gab. alles. Er rannte von Pontius nach Pilatus und hielt jedem, der sich greifen ließ, seine Zeichnungen unter die Nase. Und alle sagten immer dasselbe: deine Figuren sind hölzern, steif und leblos. Aber das war nicht das, was er hören wollte, und er machte immer weiter wie bisher, verkaufte nicht, und schließlich gab er auf.


Für uns alle ist Kritik schwer zu verdauen. Wir alle wollen, dass man uns toll findet. Die Hälfte der Bücher in den Top Ten tragen Titel wie "Weshalb es egal ist, wieviel du wiegst" "Ich bin toll: weshalb wir mit uns zufrieden sein sollten". Aber was wir machen, ist nicht das, was wir sind. Wir fassen Kritik an unsere Arbeit auf als Kritik an uns. Aber so ist sie nicht gemeint, und so sollten wir sie nicht verstehen. Tatsächlich ist es beeindruckend, wieviel Untestützung Zeichner und Autoren im Comic bereit sind zu geben. Die routiniertesten Zeichner waren sich nicht zu schade, sich für eine halbe Stunde mit mir hinzusetzen um mit mir meinen Stil zu besprechen. (Fast) alle in der Szene sind bereit, viel zu geben. Wir sollte es annehmen.

Der schmorende Zeichner im eigenen Saft
Man kann Kritik ignorieren; man kann auch einen Schritt weitergehen, und sich der Kritik gar nicht erst stellen. Wir zeigen unsere Sachen nur im Freundeskreis rum, kriegen unsere erwartete Bestärkung und machen munter weiter. Und riskieren dann Jahre später, wenn wir uns der grausamen Welt präsentieren, einen heftigen Schlag in die Hoden unserer Egos.

Wir alle wollen gerne der erste Hund sein, der an den Baum pinkelt. Speziell die Zeichner unter uns stellen sich vor, wie sie mit ihrem neuen, innovativen Stil, der WEGE GEHT DIE NIE ZUVOR GEGANGEN WURDEN. Wir kombinieren Superheldenkörper mit Mangagesichtern. Und weil wir uns vor Kritik so scheuen, murxen wir erstmal jahrelang im stillen Kämmerlein vor uns hin, bis wir schliesslich der Welt unseren Stil präsentieren und fest damit rechen, dass die Erde vor lauter Hochachtung erstmal aufhört, sich zu drehen.

Ich habe vieler solcher zusammengenähter Stile erlebt, und Leute, die das Rad neu erfinden wollten. Ich war selbst erster Vorsitzender dieses Vereins. Ich wollte mir von niemandem reinreden lassen, bis mein Idol höchstselbst kam und mir reinredete. Und das war und tausendfacher Hinsicht das beste, was mir passieren konnte, und zeichnerisch geradezu meine Rettung. Gerade beginnende Zeichner mit ungeübtem Auge haben die verzerrteste Selbstwahrnehmung, die größte Arroganz und den blassesten Schimmer. Sich an einem bestehenden Stil zu orientieren hat vor allem den einen großen Vorteil, dass dieser Stil konsistent in seiner Abstraktion ist. Er kombiniert nicht realistisch gedachte Körper mit Pünktchen-Komma-Strich-Gesichtern. Je eher man sich Feedback holt und / oder sich in der Stilentwicklung begleiten lässt (Unterricht!!Unterricht!!Unterricht!!), umso besser. Ich weiss von mir, dass mein Stil erst dann anfingt, zusammenzulaufen, als ich Unterricht bekam.

Ich zeichne nicht das, was mir gefällt, sondern dass, was das "Publikum " lesen will
"Nachdem mein Epos über großbusige Vampiramazonen abgelehnt wurde, mache ich jetzt Cartoons. Cartoons gehen immer."

Pfui, sage ich, pfui.

Wenn wir unsere Geschichten gut erzählen, können wir in anderen Menschen Gefühle hervorzurufen. Es ist wie eine Zauberkraft, und man sollte sie bewusst, und mit Bedacht anwenden. Wir haben schon genug Werbung, die offen und ausdrücklich unsere innersten Wünsche anspricht, um uns zu manipulieren. Wir brauchen nicht auch noch Geschichten, die uns belügen.

Abgesehen davon: es funktioniert meistens nicht. Seth Rogen hat in einem Interview darüber gesprochen, speziell im Kino produzieren viele Autoren Filme, die sie selbst nicht komisch finden, von denen sie aber denken, dass ANDERE sie komisch finden. So entsteht so etwas wie DIETER - DER FILM. Wir sind im Alltag schon oft genug gezwungen, Rollen zu spielen. Wir sollten wenigstens im Erzählen so authentisch wie möglich sein.

Es wird immer viel zuviele Bücher, Comics, Filme, Texte geben.

Aber nie genug Wahrheit.

1 Kommentar:

  1. Es tut auch manchmal gut in die Scheisse zu fallen. Danach brauchst du halt jemanden der dich wieder rauszieht :)

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