Montag, 24. Oktober 2011

Prog Rock Comic: Alternative Erzählwege.

Ich lese gerade Grant Morrisons "Invisibles", eine unglaublich versponnene, komplexe Geschichte um eine Gruppe von, naja, Terroristen. Ich habe mich von dem rebellischen Geist den Buches direkt anstecken lassen und der Frau an der Kasse im Saturn die falsche Postleitzahl genannt. Nimm das, Überwachungsstaat ... aber ich schweife ab.

The point being, die Invisibles ist eine Geschichte, die alle Konventionen, inhaltlich wie formell, auf den Kopf stellt. Es ist das Äquivalent einer Progressive Rock-Platte aus den Siebzigern. Komplexe Stücken, deren Stil und Takt sich alle dreissig Sekunden ändert. Bunte Klangcollagen. Ich verspüre unwillkürlich den Wunsch, mir eine Van Der Graaf Generator-Platte zu kaufen. Sogar die Cover sehen aus wie Progressive Rock:

Es war für mich der Anlass, mal einige weniger ausgetrampelte erzählerische Techniken aufzulisten, denen ich in den vergangenen 10 Jahren begegnet bin. Nicht alles gleichermaßen innovativ, neu oder experimental. Aber alles können für mein Empfinden noch in viele neue Richtungen weisen. Viele dieser Stilmittel arbeiten auf besondere Weise mit dem Zusammenspiel von Wort und Bild, also genau dem, was das Medium Comic so einzigartig macht.

Lebensdokumente

Unter anderen: Father's Day von Alan Moore

Okay, okay, de Technik der Kombination aus Bild und Dokument ist schon eher Gang und Gäbe. Es gibt tausende von Comics, die Bilder mit Briefen und Tagebucheinträgen. Die beeindruckendste Verwendung habe ich in Alan Moore's "Father's Day" gefunden, die Story eines psychopathischen Gewalttäters, Carl Linklater, der seine Tochter entführt, und schliesslich getötet wird. Der Bilder der Geschichte werden kontrastiert mit Auszügen aus einem Brief, den Linklater im Gefängnis an seine Tochter geschrieben, und nie abgeschickt hat.

Die Dokumente, die sich im Verlauf unseres Lebens ansammeln, von uns selbst oder über uns geschrieben, sagen unendlich viel über uns aus. Wie gesagt, Tagebucheinträge und Briefe finden sich in hunderten von Comics. Aber die Möglichkeiten sind unendlich. Was ist mit dem morgendlichen Frühstücks- und Anziehritual eines kleinen, pedantischen Beamten, kombiniert mit einem Brief an seinen Vorgesetzten, dass auf die korrekte rechtsbündige Formatierung, Spationierung und Marginalisierung der Datumszeilen in Anschreiben unbedingt zu achten ist.

Der Polizeibeamte, der mit einem begangenen Verbrechen nicht klarkommt, und der in seinem Bericht versucht, dem Geschehenen durch leeren Formeln und bürokratische Phrasen den Schrecken zu nehmen?

Man kann sich einen Comic vorstellen, in dem Panel für Panel Momentaufnahmen eines Lebens dokumentiert werden: Eine Geburt, der stolze, leicht asige Vater mit seinem Baby auf dem Arm, und weiter Moment für Moment einer Jugend, bis zu dem Punkt, an dem dieses Leben eine fatale Wendung nimmt. Neben den Bildern läuft als Text die Begründung der Geschworenen, weshalb sie, in Anbetracht der ausserordentlichen Brutalität der Tat und der einschlägigen Vorgeschichte des Angeklagten, die Todesstrafe für angemessen hält.

Auch wenn in der Richtung schon viel unterwegs ist: Die Kombination aus Lebensdokumenten und Bildern bleibt eine der spannendsten Wechselwirkungen von Text und Bild.

Zeitkollagen: wie in "Best Man fall" von Grant Morrison

Sowohl Alan Moore als auch Grant Morrison waren stark beeinflusst von einer Kultur des Wandels und der Innovation, von Autoren wie Hunter S. Thompson oder William Burroughs, und ich habe das Gefühl, dass zumindest Grant Morrison seine abgedrehtesten, experimentellsten Stories in den Achtzigern und Neunzigern gemacht hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die "Invisibles" in ihrer epischen Länge und psychedelischen Wirrheit heute noch möglich wären. Die Story ist streckenweise das Äquivalent zu einem 10-minütigen Schlagzeugsolo. Andererseits hatten die Jungs damals offensichtlich komplette Narrenfreiheit und konten experimentieren, wie sie wollten. Eine der beeindruckendsten Sequenzen aus Invisibles ist die fast eigenständige Episode aus Heft Nummer 12, "Best Man fall" aus dem Sammelband Apokalipstick (hier ein längerer Text aus den Comic Book Resources über diese Episode). Hier wird das komplette Leben eines Menschen in wenigen Seiten wiedergegeben. Was die Geschichte so beeindruckend macht, ist, dass die Szenen nicht chronologisch aufeinanderfolgen, sondern als scheinbar willkürliche Puzzleteile durcheinandergeworfen werden, wie die Handlungsstränge in Pulp Fiction. In unserer normalen, linearen Wahrnehmung der Zeit - auf A folgt B, auf B folgt C bis zum Ende - macht jeder Schritt (halbwegs) Sinn und folgt auf den anderen. A führt zu B, B führt zu C. Aber Grant Morrison stellt Momente aus dem Anfang und dem Niedergang einer Beziehung direkt gegenüber, und der Effekt ist niederschmetternd. Äh, in a good way. Weil es schmerzhaft klarmacht, wo Menschen mal hinwollten, und was daraus geworden ist. Ich kann mir solche Zeitkollagen mit Leben vorstellen, mit Beziehungen, mit Karrieren ....

... und ich weiss nicht recht, was ich davon halten soll, dass die Essenz unserer Leben vielleicht tatsächlich auf 5, 6 Seiten erzählt werden kann. Ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht?

Split Screen Page: zwei Spalten, zwei Perspektiven: Gesehen in "The Old Flame", Alex Robinson

Neben Ralf König empfinde ich die Bücher von Alex Robinson als den verwandtesten Ton. Für Alex Robinson war Dave Sims "Cerebus" das, was für mich Ralf König war, und so war das extrem innovative Mammutwerk von Sim auch prägend für Stil und Form speziell in BOX OFFICE POISON, einem der zerfleddertsten Bücher meines Haushaltes. Ausser von Ralf König haben ich wohl von keinem anderen Autor soviel geklaut Inspiration gezogen.

In einem Band mit Kurzgeschichten aus dem Box Office Poison- Universum befindet sich THE OLD FLAME, das ich für Panik Elektro: Love Stories verdeutschen durfte. Ein wunderbarer dreiseitiger Comic mit zwei Perspektiven: Ein Mann und eine Frau erzählen ihren Kumpeln / Lovern von einer Begegnung mit ihrem Ex. Der Typ hat das Gefühl, die alte Flamme sei noch am Glühen, die Frau fragt sich, was sie jemals in dem Typ sah. Wir erleben eine Situation, in zwei Sichtweisen, also zwei Geschichten.

Der Indie-Film "Conversations with other women" zeigt seine komplette Geschichte, ebenfalls die Geschichte einer Begegnung und eines Wiedersehens, in einem Split Screen (fast) immer aus den zwei Perspektiven des Mannes und der Frau. Das Storytelling der letzten Jahrzehnte, sichtbar in "Acht Blickwinkel" bis hin zu "Scalped" vermittelt immer mehr eine gleichzeitig sehr profane und sehr wichtige Einsicht, nämlich dass es nicht die "eine" Wahrheit gibt. Jeder Blickwinkel ist eine Facette von ihr. Es wäre interessant, mal eine längere Geschichte zu sehen, in der die zwei Spalten einer Seite verschiedene Geschichten und / oder Perspektiven einer Situation beleuchten.

Die Stimme aus dem Off: Captions und Voice-over

"Captions", die im Film "Voice-over" heissen, sind ebenfalls gang und gäbe im Comic, als Widergabe von Gedanken oder einer Erzählstimme. Ich denke, Noir erfreut sich deshalb so großer Beliebtheit im Comic, weil es den Ich-Monolog des Erzählers im Noir-Krimi sehr gut wiedergeben und mit Bildern ergänzen kann. Manche Seiten aus SIN CITY sind erzählt wie ein Roman, garniert mit Standbildern.

Beispiele für Caption:

Eine kommentierte Kriegsszene.

Ein Erzähler in SIN CITY

und in der grandiosen Geschichte Hawaiian Getaway von Adrian Tomine.

Und auch bei den Captions, gab und gibt es unendlich viele Möglichkeiten, und einige interessante, wenn auch seltener beschrittene Wege.

Point-of-View (POV): wie bei Daniel Clowes.

Natürlich erzählen viele Comics aus der "Sicht" einer erzählenden Hauptfigur, aber In den Neunzigern machte Daniel Clowes einige Comics, die die introspektive Sicht noch einen Schritt weiterführten und komplett "Point-of-View" erzählten, so daß man wirklich nur sah, was auch der Erzähler sah, und dabei seine Gedanken las. "Strolling" begleitet eine Person (alles immer sehr nah an der Person von Daniel Clowes selber) bei einem Spaziergang durch sein Viertel, in einem anderer Comic ist der Betrachter Gast auf einer Party, auf der er niemanden kennt. Der Eindruck dieser Erzählweise ist sehr intim - wir stecken direkt im Kopf des Erzählers - aber auf die Dauer sicher auch etwas klaustrophobisch, weil immer nur einen kleinen Ausschnitt des Geschehens sehen, als würden wir durch ein (zugegebenermaßen recht großes) Schlüsselloch blicken. Ich kann mir eine solche Erzählweise gut vorstellen, um für ein paar Seiten wirklich die Wahrnehmung einer anderen Person zu erleben. Als längere Geschichte kann ich mir vorstellen, dass diese Erzähllweise eine extrem bedrückende und gruselige Atmosphäre schaffen, kann, in der die eigene beschränkte Wahrnehmung zu einem Käfig wird, aus dem man nicht ausbrechen kann.

Der unzuverlässige Erzähler: wie in BOX OFFICE POISON von Alex Robinson

Der unzuverlässige Erzähler war im neunzehnten Jahrhundert geradezu eine Modeerscheinung in den Romanen. Der Erzähler der Geschichte ist mit involviert in die Geschehnisse, und erzählt uns nur seine Sicht der Dinge, vielleicht erfindet er Ereignisse oder lässt welche weg, um vor unseren Augen besser dazustehen. Der Spass dieser Angelegenheit war es, herauszufinden, wieweit der Erzähler uns manipuliert und belügt, was wirklich passiert ist und wie die Ereignisse wirklich zu beurteilen sind.

Es ist eigentlich erstaunlich, dass der unzuverlässige Erzähler im Comic sowenig präsent ist, denn es ist das perfekte Medium dafür: in der Caption steht der Erfahrungsbericht des Erzählers, in den Bildern sehen wir, was wirklich passiert ist. Zum ersten Mal begegnet bin ich dieser Technik in einer Szene aus BOX OFFICE POISON, in der ein alternder Comiczeichner berichtet, wie er sich voller Mut und Integrität gegen die Politik seiner Herausgeber stellt und kündigt, während die Bilder eine ganz andere Geschichte erzählen. In TARA gibt es eine Szene, in der Arne seinem Freund Steffen erzählt, wie er von einer Supermarktbekanntschaft quasi ins Bett gezerrt wurde, während die Bilder zeigen, dass nichts von alledem passiert ist.

Caption aus einer anderen Zeit

Ebenfalls aus dem nimmermüden Box Office Poison stammt eine Seite, auf der ein Mörder die Spuren seiner Tat beseitigt. Die Captions über den Bildern geben das Gespräch zwischen dem Mann und einer Prostituierten vom Betreten des Raumes bis zum Moment des Mordes wieder. Ein gespenstischer Effekt. Ein ähnlicher Effekt findet sich in Sean McKeefers wunderbarem Dreiteiler THE WAITING PLACE, und am Anfang meines DAS KURZE HALLO, das sehr stark von BOP beeinflusst wurde.

Bilder einer Szene zu den Captions einer anderen Szene

Die eindringlichste Moment dieser Technik, an den ich mich erinnere, stammt nicht aus einem Comic, sondern aus der 10. Folge der Staffel 3 ("Losing the light") von THE L WORD, allerdings kann man sich die Szene sehr leicht als Comic vorstellen.

Ich tippe mal, fast jeder, der diese Serie verfolgt hat, war sehr tief berührt von dieser Folge, die in Echtzeit abwechselnd die parallelen Geschehnisse in den Leben der Protagonisten erzählen. Jenny und Max unternehmen eine Autofahrt; Bette kehrt von einer Reise zurück; Alice kauft ein Geschenk für die schwerkranke Dana; Kit spicht mit ihrem untreuen Freund Angus; Shane und Carmen sind im Bett. Die Folge wechselt zwischen diesen Szenen hin und her, und das tut sie bis zum Schluss. Aber Danas Herz setzt aus, und während die Szenen weiter wechseln, hören wir als Ton nur die panischen Versuche der Ärzte, Dana zu reanimieren, bis sie schliesslich aufgeben.

Die letzten sechs Minuten von Losing the light bei youtube.

Ich glaube nicht, dass jemand in Worte fassen kann, warum dieser Moment so insszeniert wurde. "Scribe Grrrl" hat auf der Community-Seite AfterEllen diese Szene so interpretiert:

[...] Dana has just flatlined. The nurses are panicking and there's a crash cart and all of that stuff that goes on, but the point is that nobody's with Dana: not Alice, not Dana's parents, not the family of friends she loves and needs. And as she dies, we hear the nurses and the doctor and the beeps of the machines, but we see what everyone else is doing: Shane and Carmen are fucking; Tina is holding Angelica close at the restaurant; Peggy is holding Helena's hand; Kit and Mange are making out; Jenny is resting a hand on Max's shoulder. And Bette is on the bus, feeling and knowing that something's wrong somewhere, and closing her eyes against the loss. And Alice is going back into the hospital, at just the wrong time, just in time for them to tell her that Dana is gone. She crumbles to the floor, and wails, and says no. No.

===========

In other news: Im kommenden Comic-Jahrbuch des ICOM erscheint ein Interview mit mir zu den Hintergründen und Perspektiven von DER COMIC IM KOPF. Ausserdem liefert das Interview einige Zeichnungen von Markus zum Buch. Im November werden wir uns nochmal intensiver zusammensetzen, die Struktur des Buches festzurren und einen schicken SNEAK PEAK zusammenstellen, mit dem wir dann an die Verlage herantreten. Drückt uns die Daumen.

Montag, 10. Oktober 2011

Zwei dicke Comics: HABIBI und SEVEN SOLDIERS OF VICTORY



Ich fühle mich in letzter Zeit wie der Bassist einer Punkband, der heimlich Supertramp hört. Auf der einen Seite ein kulturell und künstlerisch wertvolles erzählerisches Meisterwerk von einem Autorencomic, auf der anderen Seite ein vierbändiger Superheldenmammut mit so idiotischen Gestalten wie Frankenstein und einem Ritter der Tafelrunde als Protagonisten. Und am Ende des Tages war es das Superheldenbuch, das ich unter mein Kissen legte.


Ich werde noch nicht mal VERSUCHEN, zwischen den beiden Büchern irgendeine Beziehung herzustellen. Es sind zwei Comics, die ich in den letzten Wochen gelesen habe, SEVEN SOLDIERS zum zweiten Mal, und ich möchte gerne etwas darüber schreiben. Es ist ja immer SEHR dünnes Eis, wenn Comiczeichner über Comiczeichner schreiben. Ich erinnere mich an einen Podcast, wo sich drei Comiczeichner darüber ergingen, wie scheisse doch BLANKETS war. Und die Wahrheit ist, weder einer dieser drei, noch ich, for that matter, werden wohl jemals ein Buch machen, das BLANKETS an Bedeutung gleichkommt. Ich werde auch versuchen, nicht in die alte Kritikerfalle zu gehen, meine Meinung so darzustellen, als sei sie ein Faktum. Ich mochte die Kritikbücher von Nick Hornby, in denen Hornby für seine Rezensionen sehr persönliche, bescheidene Worte findet. Ich hoffe, dass es mir gelingt.

HABIBI

Zunächst also HABIBI, dessen Werdegang ich immer wieder mit aufgerissenenen Augen im Doot-Doot Garden verfolgt habe. Man kann viele Einwände haben gegen den Vorgänger BLANKETS, wie den teilweise schon arg sentimentösen Ton - "ach, wie kann ich denn Zeichnen, wenn meine Muse direkt neben mir sitzt?". Teilweise erinnerte mich Craig Thompsons fragil-verletzlich-sensibler Ton an den Prinzen aus RITTER DER KOKOSNUSS, der sehnsuchtsvoll im Fenster sitzt und "einfach nur ... singen" will. Aber abgesehen davon war BLANKETS ein sehr intimes, aufrichtiges und mutiges Buch, dass zeigte, wie wenige andere Bücher zuvor, wozu eine Grafik Novel, speziell ein Autorencomic, fähig ist. Die Person Craig Thompsons war in jedem Strich fühlbar, und es war der Stil, zusammen mit der Story, die die Kraft des Buches für mich ausmachte. Allerdings war ich auch amtierender MISTER SENTIMENTAL 2002-2006 einschliesslich, daher hatte ich, im Gegensatz zu einigen meiner Kollegen, kein großes Problem mit dem pathetischen Gutmenschenton dieses Buches.

Und jetzt HABIBI, ein unglaublich komplexes, vielschichtiges Werk, dessen Thema schwer zu fassen ist. Aber am Ende des Tages würde ich sagen, Thema ist die arabische, orientalische Kultur in all seinen Facetten, ebenso wie, tatsächlich, das gemeinsame Erbe von Christentum und Islam. Es geht um Religion und die feinen Verwebungen der arabischen Kultur mit den Prinzipien des Lebens und des Universums. Es nutzt alle Möglichkeiten des Mediums in einer vollendeten Form, und die Form ist perfekt für den Inhalt. Es ist ein meisterhaftes, unendlich vielschichtiges tiefgründiges Werk.

Wo ist also mein Problem?

Als Basis seines Buches wählt Craig Thompson die Geschichte der beiden Sklavenkinder Dodola und Sam, die sich als Kinder bereits früh durchschlagen müssen und danach echt. was. durchmachen. Heftiges, verstörendes Zeug. Kauzigerweise erinnerte mich der Plot des Buches selbst an die Cover der Angelique-Romane, die meine Mutter früher immer las: Angelique in Ketten im Kerker, als Konkubine des Königes, Sklavin, Herrscherin, das ganze Programm. Der eigentliche Plot von HABIBI ist da gar nicht so unuähnlich, ein mitreissender, aber letztendlich nicht allzu tiefgründiger Historiengroschenroman um arme, enführte Kinder, die ein bitteres Schicksal erleiden. Und die Düsterkeit dieser Geschichte war für mich teilweise schwer zu verknusen. Mir fehlt das "ist nur ne Geschichte"-Gen. Ich sehe oder lese eine Geschichte und nehme die Ereignisse als sehr real wahr. Ich liebe meine Lieblingsautoren (auch) dafür, dass ihr Ton und ihre Sicht der Welt der meinen verwandt sind. Ich liebe sie dafür, dass sie mir nicht allzuviel Gewalt und Verstörung zumuten. Eine Vergewaltigungsszene in HABIBI dauert sieben quälende Seiten. Ich bin sicher, Thompson hatte viele Gründe, die Szene so zu schreiben. Charakter und Ton der Geschichte ist sehr tief eingebettet in die orientalische, arabische Erzählkultur. Aber ich brauche diese Szene nicht sieben scheiss Seiten lang. Und dann gibt es Versklavung, Kerker, Verstümmelung und alles was sonst noch wehtut im Morgenland. Erzählt auf eine Weise, die gleichzeitig sehr reel ist, die Ereignisse aber mit dem Gleichmut eines Märchens aneinanderreiht, als hätte das alles nichts mit ihm zu tun.Und ich hatte bei Craig Thompson nicht zum ersten Mal das Gefühl, dass er Sex und menschliche Körperlichkeit generell auf eine bizarre, distanzierte, verzerrte Weise sieht, wie ein Kind, das ein Insekt auseinanderrupft. Bei aller Emotionalität bleibt die Erzählung immer noch sehr distanziert. Es gibt Szenen in HABIBI, die ich so gar nicht zusammenkriege mit dem filigranen Gutmensch aus BLANKETS.

Also, ein Meisterwerk, wenn auch ein sehr problematisches. Die beste Nachricht ist, dass dieses Buch, einmal mehr, zeigt, wozu das Medium fähig ist, und dass ein gebundener Comicroman von hunderten von Seiten ein Bestseller werden kann. Und es hagelt sehr euphorische Rezensionen, wie diese von der wunderbaren Rezensionsseite www.goodokbad.com , die, was sehr selten vorkommt, Comics neben Mangas rezensiert.

SEVEN SOLDIERS OF VICTORY. Grant Morisson


Wenn mir jemand vor ein paar Jahren gesagt hätte, dass ich mal von einer Comicgeschichte begeistert sein würde, in der Frankenstein in der Zukunft gegen Monster kämpft, die die Welt bedrohen, hätte ich ihm meinen Chai Latte über den Kopf gegossen. Aber, ach, genauso kam es. SEVEN SOLDIERS. Eine Ausgangsstory, dass sich einem die Haare kurbeln. Protagonisten wie Kraut und Rüben. Grant Morisson nahm sich seinerzeit eine Handvoll C-Promis aus dem DC-Universum, also quasi die dämlichsten, lächerlichsten "Superhelden", die keiner mehr sehen wollte, und erweckte sie in einer sehr ambitionierten Serie von dreissig Einzelheften zu neuem Leben. Und das auf fulminanteste Weise. Er schafft komplexe, fühlbare Figuren, und um sie herum jeweils eine eigene Ästhetik und einen Erzählrhythmus. Sieben komplette Geschichten, eigenständig und doch verwoben. Und die Selbsthilfegruppe für Superhelden mit geringem Selbstwertgefühl ist nur eine von hunderten großartigen Ideen in diesem Comic.

Die Prämisse im Groben: Immer wenn eine Kultur ihren Höhepunkt erreicht hat, fällt ein arges grünes Volk, die SHEEDA, wie ein Schwarm Hornissen über die Kultur her und plüdert sie, bis nur noch Staub und Asche bleibt. Das war, wie wir erfahren, bei vergangenen Königreichen der Fall, und jetzt wäre gerade unsere Epoche fällig. Die Näher der Zeit bestimmen sieben "Helden", die zusammen die Sheeda besiegen sollen, aber die Sache hat einen Haken: Die sieben Helden dürfen nicht voneinander wissen. Long story. Also gibt es eine höhere Macht, die dafür sorgt, dass diese sieben Helden die Welt retten, ohne voneinander zu erfahren. Das Ende dieser Geschichte ist ambivalent und fulminant zugleich.

Grant Morisson spielt generell mit dem Medium und den Genres wie die Katze mit der Maus. die Erzählung selbst wird zum Thema. Was man also kriegt bei SEVEN SOLDIERS OF VICTORY, sind sieben Geschichten mit sieben Helden erzählt in sieben Genres, mit jeweils einem eigenen Ton, Rhythmus und Stil. Die Geschichte sind gleichzeitig immer auch eine Studie der Stilmittel der jeweiligen Genres. Die Geschichten funktionieren als eigenständige Stories und sind doch auf genialste Weise verstrickt. Und während bei Autor / Zeichner-Kollaborationen die Seitenlayouts für mein Empfinden oft steif und unkreativ werden - das ist häufig mein Empfinden bei Y - THE LAST MAN und SANDMAN, bei aller Großartigkeit dieser Bücher - , explodieren hier die Layouts, dass es einem in den Ohren surrt. Der Einfluss des genialen Zeichners J.H. Williams III bei vielen der Seitenlayouts ist mehr als deutlich. Der schiere Einfallsreichtum und die grenzenlose Phantasie, in der Gestaltung wie auch vor allem in den Stories, haben mir die Backen auf vierzig Grad getrieben vor Begeisterung.

Im Moment lese ich die INVISIBLES, und während ich da noch nicht ganz weiss, was ich daraus machen soll, ist es schon merkbar, dass Grant Morisson ein Autor ist, der das komplette Spektrum der Ausdrucksmöglichkeiten beherrscht und ein unglaublich intelligenter, meisterhafter Erzähler ist. SEVEN SOLDIERS OF VICTORY ist das Dream Theater unter den Comics. Invisibles ist Siebziger-Jahre-Prog-Rock. Die Soli sind manchmal zu lange. Aber es gibt genügend großartigen, bewegende Moment, und einen weiteren Einblick in die grenzenlose Phantasie von Grant Morisson. A book shouldn't be a mirror, sagte mal Fran Lebowitz, it should be a door. I want to be taken. Und wahrscheinlich rührt meine Begeisterung daher, dass mich SEVEN SOLDIERS mitgerissen hat, wie lange kein Comic mehr.

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Fallen by the wayside: Best of Holzwege


In eigener Sache: Im Rahmen meiner Vorbereitung für den Storytelling-Tag der Comicademy habe ich ein bisschen nach Comicskripts gestöbert, und hatte bei http://www.comicbookscriptarchive.com die Gelegenheit, die Scripte zwei genialer Autoren zu vergleichen, nämlich Grant Morrisons "Invisibles" (hier das as PDF der ersten Ausgabe:) sowie die ersten zwölf Seiten zu Alan Moores "Killing Joke". Beide Scripte geben sehr schöne Einblicke in die Arbeitsweisen dieser zwei Ausnahmeautoren. Besonders charmant finde ich Alan Moores Art, seine Panelbeschreibung wie einen Brief an einen Freund zu formulieren - "wo ich doch weiss, wie sehr du schwarze Flächen magst". Für die Leute, die sich noch erinnern können, wie sehr ich von "Scalped" schwärmte, liegt das Script des kompletten Heftes Nummer 35 hier als Word-Dokument.

Die Nummer 35, btw, ist sehr speziell und exemplarisch für den Mut und die Vielseitigkeit dieser Serie und seines Autors, Jason Aaron, denn die Story handelt, in fast meditativem Ton, von einem alten Indianer in einem verlassenen Reservat, der gezwungen ist, in die Stadt zur Armenspeisung zu fahren, um für sich und seine Frau den Hunger abzuwenden. Und dieser Schritt ist für den stolzen alten Mann der schwerste seines Lebens. Ich fand die Episode auch deshalb so bewegend, weil ich persönlich jemanden kenne, der auf die "Tafel" angewiesen ist. Ich bin immer wieder erstaunt, wieviel Wahrheit heutzutage im "Mainstream" unterwegs sein kann.

Zu WAYSIDE:
Vor einigen Tagen hatte ich nochmal die Gelegenheit, die unzähligen Fotos zu sortieren, die ich mit meinen lieben Kollegen von PXP über all die Jahre auf Comicmessen gemacht habe. Und bei der Gelegenheit sind mir immer wieder auch Gesichter begegnet, die irgendwann kamen und irgendwann wieder weg waren. Fallen by the wayside. Bei manchen habe ich keine Ahnung, was aus ihnen wurde, bei vielen weiss ich es.

Da wir ja nun dank Alan Moore schon wissen, wie man Erfolg hat (tu das, was du liebst, und versuch darin besser zu werden), wäre es doch mal interessant, zu sehen, welche Zeichner und Autoren es irgendwann aufgegeben haben. Und warum. Warum warum konnte sich ihr Traum nicht verwirklichen? Ich schreibe das hier ohne jede Häme und ohne jeden Zeigefinger, denn ich habe selbst in den letzten zehn Jahren kaum einen Holzweg ausgelassen. Wie generell im Leben sind es kleine, unwillkürliche Entscheidungen, die unser Leben prägen. Ein, zweimal falsch abgebogen, und der Traum ist hinterm Horizont verschwunden. Bei mir fließt stilistisch wie inhaltlich langsam alles zusammen, aber wer weiss, was gewesen wäre, wenn ich Ralf König nicht begegnet wäre? Oder Wittek, Mille, Sarah?

Best of Scheitern:

Ich schreibe / zeichne Comics, lese aber selbst keine
Kaum zu glauben, wie verbreitet diese Haltung ist, und wie spezifisch für das Medium Comic. In jedem anderen Medium ist sowas undenkbar. Alle Buchautoren, die ich kenne und / oder lese, sind selbst fanatische Leser. Nick Hornby kauft jeden Monat Dutzende von Büchern. Musiker sind immer auch Fans. TV-Autoren kennen natürlich, sehr genau, die Serien anderer Sender und anderer Autoren. Nur bei Comics bleiben viele Zeichner und Autoren in den Achtzigern stecken und denken, es hätte sich stilistisch wie inhaltlich seit den STURMTRUPPEN nicht viel getan. Comics sind in ihren Augen immer noch das Medium, in dem Frauen mit Nudelhölzern hinter der Tür lauern und Männer von Leitern fallen. In keinem anderen Medium findet man Kreative, die ihrem eigenen Medium derart borniert und ignorant gegenüberstehen.

Auch gerne genommen: Ich zeichne Manga, lese aber keine Comics. Und umgekehrt.

Ich Künstler, du Jane
Hier die TOP 3 der Themen, wenn man sich einen Abend mit Freunden so
richtig versauen will:

- Politik
- Religion
- Kunst

Eine Freundin von mir arbeitet für eine Agentur, die mit Kunstmalern zusammenarbeitet. Sie berichtet, dass es schon längst nicht mehr um die Bilder geht, sondern um die Personen der Künstler. Das Handwerk der Kunst ist zu einem Kult der Personen geworden. Es geht nicht mehr darum, was wir machen. Es geht darum, wer wir sind. Es passt in eine Zeit, die die
Individualität feiert wie nie zuvor.

Und sich als Künstler zu betiteln und zu fühlen, heisst für viele, dass sie vom Konzept des Handwerks und des Lernens komplett losgelöst sind. Denn sie sind ja Künstler und daher sozusagen von Werk ab toll. Und so tummeln sich um jeden Comiczeichnertisch die Menschen, die einem von den Wehen und Leiden ihrer Kunst erzählen, von dem Ringen mit ihrer Kreativität. Ohne jemals etwas zu machen. Wir alle tragen den Virus des Narzismus in uns. Eitelkeit und Ego sind wie zwei rötzgörige jüngere Brüder, die uns die ganze Zeit unsere Dates versauen, und je eher wir sie zuhause lassen, desto besser.

Denn am Ende des Tages bleibt eben doch nichts von uns, als unsere Taten.

Kritik ist was für Bettnässer
Ein langjähriger Tischnachbar war ein Zeichner, dessen Geschichten eigentlich nicht sooo schlecht waren. Aber er war nicht besonders in Anatomie und Mimik. Seine Figuren waren hölzern, steif und leblos. Seine Männer sahen aus wie schlecht abgezeichnete Ken-Puppen, und seine Frauen sahen aus wie schlecht abgezeichnete Ken-Puppen mit Brüsten. Aber er. gab. alles. Er rannte von Pontius nach Pilatus und hielt jedem, der sich greifen ließ, seine Zeichnungen unter die Nase. Und alle sagten immer dasselbe: deine Figuren sind hölzern, steif und leblos. Aber das war nicht das, was er hören wollte, und er machte immer weiter wie bisher, verkaufte nicht, und schließlich gab er auf.


Für uns alle ist Kritik schwer zu verdauen. Wir alle wollen, dass man uns toll findet. Die Hälfte der Bücher in den Top Ten tragen Titel wie "Weshalb es egal ist, wieviel du wiegst" "Ich bin toll: weshalb wir mit uns zufrieden sein sollten". Aber was wir machen, ist nicht das, was wir sind. Wir fassen Kritik an unsere Arbeit auf als Kritik an uns. Aber so ist sie nicht gemeint, und so sollten wir sie nicht verstehen. Tatsächlich ist es beeindruckend, wieviel Untestützung Zeichner und Autoren im Comic bereit sind zu geben. Die routiniertesten Zeichner waren sich nicht zu schade, sich für eine halbe Stunde mit mir hinzusetzen um mit mir meinen Stil zu besprechen. (Fast) alle in der Szene sind bereit, viel zu geben. Wir sollte es annehmen.

Der schmorende Zeichner im eigenen Saft
Man kann Kritik ignorieren; man kann auch einen Schritt weitergehen, und sich der Kritik gar nicht erst stellen. Wir zeigen unsere Sachen nur im Freundeskreis rum, kriegen unsere erwartete Bestärkung und machen munter weiter. Und riskieren dann Jahre später, wenn wir uns der grausamen Welt präsentieren, einen heftigen Schlag in die Hoden unserer Egos.

Wir alle wollen gerne der erste Hund sein, der an den Baum pinkelt. Speziell die Zeichner unter uns stellen sich vor, wie sie mit ihrem neuen, innovativen Stil, der WEGE GEHT DIE NIE ZUVOR GEGANGEN WURDEN. Wir kombinieren Superheldenkörper mit Mangagesichtern. Und weil wir uns vor Kritik so scheuen, murxen wir erstmal jahrelang im stillen Kämmerlein vor uns hin, bis wir schliesslich der Welt unseren Stil präsentieren und fest damit rechen, dass die Erde vor lauter Hochachtung erstmal aufhört, sich zu drehen.

Ich habe vieler solcher zusammengenähter Stile erlebt, und Leute, die das Rad neu erfinden wollten. Ich war selbst erster Vorsitzender dieses Vereins. Ich wollte mir von niemandem reinreden lassen, bis mein Idol höchstselbst kam und mir reinredete. Und das war und tausendfacher Hinsicht das beste, was mir passieren konnte, und zeichnerisch geradezu meine Rettung. Gerade beginnende Zeichner mit ungeübtem Auge haben die verzerrteste Selbstwahrnehmung, die größte Arroganz und den blassesten Schimmer. Sich an einem bestehenden Stil zu orientieren hat vor allem den einen großen Vorteil, dass dieser Stil konsistent in seiner Abstraktion ist. Er kombiniert nicht realistisch gedachte Körper mit Pünktchen-Komma-Strich-Gesichtern. Je eher man sich Feedback holt und / oder sich in der Stilentwicklung begleiten lässt (Unterricht!!Unterricht!!Unterricht!!), umso besser. Ich weiss von mir, dass mein Stil erst dann anfingt, zusammenzulaufen, als ich Unterricht bekam.

Ich zeichne nicht das, was mir gefällt, sondern dass, was das "Publikum " lesen will
"Nachdem mein Epos über großbusige Vampiramazonen abgelehnt wurde, mache ich jetzt Cartoons. Cartoons gehen immer."

Pfui, sage ich, pfui.

Wenn wir unsere Geschichten gut erzählen, können wir in anderen Menschen Gefühle hervorzurufen. Es ist wie eine Zauberkraft, und man sollte sie bewusst, und mit Bedacht anwenden. Wir haben schon genug Werbung, die offen und ausdrücklich unsere innersten Wünsche anspricht, um uns zu manipulieren. Wir brauchen nicht auch noch Geschichten, die uns belügen.

Abgesehen davon: es funktioniert meistens nicht. Seth Rogen hat in einem Interview darüber gesprochen, speziell im Kino produzieren viele Autoren Filme, die sie selbst nicht komisch finden, von denen sie aber denken, dass ANDERE sie komisch finden. So entsteht so etwas wie DIETER - DER FILM. Wir sind im Alltag schon oft genug gezwungen, Rollen zu spielen. Wir sollten wenigstens im Erzählen so authentisch wie möglich sein.

Es wird immer viel zuviele Bücher, Comics, Filme, Texte geben.

Aber nie genug Wahrheit.