Sonntag, 28. August 2011

Ich bin dann mal zuende: Gute, und nicht ganz so gute Arten eine Geschichten abzuschliessen



Ich erwähnte ja schonmal KRIEG DER WELTEN. Die Alien überfallen die Erde, alles sieht aussichtslos aus. Und am Schluss fangen sie sich irgendeinen Virus und sterben von selbst.
Man hat das Gefühl, es ist vorbei, aber man hat nicht das Gefühl eines befriedigenden Abschlusses. Keinen SENSE OF CLOSURE.


Andere Story: Stefan wettet, dass er Tina ins Bett kriegt. Er schafft es schliesslich auch, und die beiden verlieben sich. Ca. 10 Seiten vor Schluss erfährt Tina, dass sie nur eine Wette war, und beendet die Beziehung.

Gutes Ende wäre: Stefan beweist durch irgendeinen heroischen Akt, dass seine Liebe echt ist. Wäre nicht neu, aber würde Sinn machen.

Doofes Ende wäre: Stefans Mutter wird von Aliens entführt, und seine Oma gewinnt im Lotto.

Ich habe nochmal bei Aristoteles nachgelesen, und für ihn war das perfekte Ende ein Ende, dass überraschend kommt, und trotzdem konsequent und logisch aus der Story folgt. Wir haben den Zug am Anfang abfahren sehen. Und sind trotzdem überrascht, wenn er plötzlich auf uns zurast.

Das Ende folgt aus dem Charakter der Figur, oder dem Verlauf der Ereignisse. Es macht komplett Sinn, aber wir haben es trotzdem nicht kommen sehen.

Am Ende von THE WRESTLER hat der Held die Chance, ein neues Leben zu beginnen. Er ist sehr krank, er hat einen Bypass, und er hat die Wahl. Er kann den anstehenden Kampf absagen, und Glück finden mit der Frau, die er schon lange liebt, mit der er nie zusammen war. Doch aus einem „Ich bin der, der ich bin“ Punkrock-Geist heraus, lehnt er all das ab. Die letzte Szene zeigt ihn, wie er seinen Gegner bezwungen hat und sich anschickt, sich auf ihn zu werfen. Er hat einen Bypass, der Aufprall wird sein sicherer Tod sein. Er springt, und das ist das letzte Bild, das wir sehen.

Das bittere Ende ist am Schluss die Konsequenz aus seinem Charakter, und aus dem Leben, dass er geführt hat.

In THE DEATH OF SPEEDY verursacht Speedy, ohne Absicht, durch seine impulsiven und rücksichtslosen Taten, viel Leid bei allen Menschen, die er liebt. Am Schluss kommt ihm die Erkenntnis, dass all das Leid von ihn ausging, und er weiss keinen anderen Ausweg als den Selbstmord.

Je weiter die Story fortschreitet, desto schwerer fällt es uns, Fremdeinwirkungen zu akzeptieren.

Wenn wir eine lange Geschichte über die Entstehung einer Liebe gelesen haben, werden wir schwer akzeptieren, dass


  • in der letzten Minute ein Auto kommt, und einen der beiden tötet.


  • Sich die Frau im letzten Moment trennt und sich einen anderen Partner nimmt
Wir akzeptieren diese Enden allerdings ohne Murren, wenn

  • wir wissen, dass einer von beiden Dreck am Stecken hatte, und ihn eine Schuld aus der Vergangenheit, in Form dieses Wagens, wieder einholt, oder


  • wenn wir wissen, dass die Bindungsunfähigkeit der Frau schon immer ein Problem war. Sie hat ihren Mann sehr geliebt, doch am Schluss kommt ihre wahre Natur wieder durch.

Wenn man sich also die Elemente eines Plotverlaufs vorstellt wie ein Werkzeugkasten, dann sollten alle Werkzeuge, die Fremdeinwirkungen beinhalten, möglichst nicht am Ende verwendet werden. Keine glücklichen Zufälle auf der letzten Seite. Keine Katastrophen ohne Vorankündigung.

Natürlich passiert das alles genauso im Leben. Ein Paar verliebt sich, heiratet, kauft ein Haus, zieht an. Das Haus brennt nieder. Jemand findet Geld auf der Straße oder gewinnt im Lotto.

Aber wenn wir diese willkürlichen Wendungen in einem Comic / Film / Buch sehen, treten wir aus der Story heraus. Die Blase der Illusion platzt.

Ich glaube, dass wir uns alle wünschen, dass Dinge Sinn machen, dass es immer Ursache und Wirkung gibt, und wir glauben eine Geschichte besonders dann, wenn wir den Sinn der Ereignisse sehen. Auch wenn es eine Illusion ist.

Toolbox Chart
Charts und Schemata im Zusammenhang mit Storytelling sind immer heikel. Kurt Vonnegut würde mir jetzt und hier auf den Teppich kotzen. Ich versuche trotzdem mal, die Werkzeuge des Storytelling, die Wendungen in der Handlung hervorbringen, in den Verlauf einer Geschichte einzuordnen.

Handlungsverläufe und Wendungen, die durch die Figur hervorgerufen werden, sind immer glaubhaft und werden immer akzeptiert. Sehr, sehr viele Geschichten haben eine „Character Arc“, die Entwicklung einer Persönlichkeit, die parallel und gespiegelt zur Handlung verläuft. Der Charakter einer Figur wird durch die Ereignisse geprägt; er bekommt vielleicht mehr Verständnis und Einsicht in sich selbst und wird zu einem bewussteren Menschen. Oder er verweigert sich jeder Einsicht und bleibt starr. In dem Fall endet die Geschichte meistens bitter bis böse für den Helden. Oder die Ereignisse verändern ihn negativ: Die Person die ein Verbrechen begeht, um ein Unrecht wiedergutzumachen, endet vielleicht als Verbrecher.

Peripetie, die hier schon mal diskutiert wurde (der Protagonist will etwas, aber aus seiner Handlung erwachsen Resultate, die er nicht wollte und nicht vorhersehen konnte) ist ein sehr mächtiges Tool, funktioniert aber am besten am Anfang einer Geschichte, weil der schicksalhafte Verlauf oft Zeit zum reifen braucht. Ein kleiner Fehler, eine impulsive Handlung, eine Unachtsamkeit setzt Ereignisse in Gang, die niemand wollte und die niemand vorhergesehen hat. Und diese Ereignisse brauchen Zeit, um zu kulminieren. In DEATH OF SPEEDY schläft Speedy, ohne es zu wissen, mit der Freundin eines verfeindeten Bandenchefs und richtet so riesigen Schaden an. In GRABGESANG ist Jake in Danica verliebt, überlässt sie aber seinem Freund Sebastian und ruiniert so, ohne es zu wollen, ihr Leben.

Enthüllungen können überraschen und Spaß machen, solange sie gut eingebettet sind und nicht zu willkürlich oder klischeehaft wirken. Klassischerweise geschehen sie


  • am Anfang der Geschichte: Ein Mann erfährt, dass er eine Tochter hat


  • im letzten Drittel: in einem klassischen Thrillerplot stellt sich jetzt heraus, dass der treue Kamerad des Helden die ganze Zeit für seinen Feind gearbeitet hat


  • am Ende der Geschichte: zum Beispiel als immer wieder gerne genommenes TWIST ENDING: Die Brüder streiten sich um das Erbe ihrer sterbenden Mutter, am Ende sind alle irgendwie tot, und die Haushälterin, die all das geplant hatte, sitzt mit einem Koffer voller Geld im Flieger.

  • Zufälle und Unfälle akzeptiert man in einer Geschichte vor allem am Anfang. Später nur dann, wenn sie sehr gut in die Story eingebettet sind. Wenn die Geschichte zwei Handlungsstränge hat, die sich schicksalhaft kreuzen und der Geschichte eine überraschende positive oder negative Wendung geben, ergibt eine weitaus bessere und glaubhaftere Geschichte als die positive Wendung , die dem Helden plötzlich in den Schoß fällt. Wenn das Haus eines glücklichen Paares am Ende ohne jede Vorankündigung zusammenbricht, ist das ungefähr so realistisch wie ein Monty Python-Sketch. Wenn im Verlauf der Story immer wieder angedeutet wurde, dass das Haus nicht mehr das fitteste ist, wirkt diese Wendung am Schluss glaubhaft.

    The good, the bad, the abgefahren: Arten von Schlüssen

    Das positive Ende: Alles wird abgeschlossen, alle finden ihr Glück, auss den Bösen, die kriegen alle, was sie verdienen.

    Das negative Ende:
    Die Helden haben ihr bestes gegeben, aber es hat nicht gereicht. Sie haben die Schlacht verloren.

    Das ambivalente Ende.
    Eine sehr kraftvolle, nachhallende Variante, denn diese Geschichten enden nicht mit einer Antwort. Sie enden mit einer Frage. Der Mann, der nach oben will, hat es endlich geschafft. Zu welchem Preis? Der Gerechte, der die Bösen mit ihren eigenen Waffen geschlagen hat, ist dadurch selbst zu einem Verbrecher geworden. Ein egoistischer Mensch lernt seine Lektion, aber zu spät. Kurt Vonnegut vergleicht Hollywood-Geschichten und Märchen mit Shakespeare, und kommt zu dem Schluss, dass das Gut-Schlecht-Raster bei Shakespeare nicht funktioniert. Und das tut es auch im Leben nicht. Diese Enden hallen lange nach.

    Das ironische Ende
    Eng verwandt, und/ oder eine Variante des ambivalenten Endes. Man hat, was man wollte, aber ist unglücklicher als zuvor. Ein Mann kämpft für Gerechtigkeit, und schafft dadurch noch mehr Unrecht.

    Das Twist Ending
    Wenn die Enden Geschwister wären, wäre der TWIST als Abschlussform die punkige jüngste Schwester mit den rosa Haaren. Besonders beliebt, und effektiv, bei Krimis, Thrillern und generell Ganstergeschichten.
    Ein Twist-Ende haut uns von den Socken, weil wir die ganze Geschichte plötzlich mit anderen Augen sehen. Angenommen, eine totkranke, alte Frau ruft ihre drei Söhne zu sich aufs Anwesen, um den Koffer mit ihrem Erbe zu verteilen. Die drei Söhne kriegen sich gewaltig in die Haare, und als am Schluss auch die alten Dame stirbt, erfahren wir, dass sie nie krank war. Ihre Haushälterin und treue Dienerin hat das alles inszeniert, und sitzt nun mit dem Koffer im Flugzeug. Im besten Fall tanzt die Wahrheit direkt vor unserer Nase, aber wir sehen sie nicht. Im Nachhinein sehen wir die ganze Geschichte mit anderen Augen. THE SIXTH SENSE und FIGHT CLUB sind sehr bekannte Beispiele für Twist Endings, und Christopher Nolan arbeitet sehr viel damit. Ebenso speziell Noir-Autoren wie David Lapham, Brian Azzarello oder Ed Brubaker.
    In THE FILTHY RICH begeht der Held immer größere Verbrechen, bis zum Mord, um seine Geliebte, die Tochter eines reichen Industriellen, zu beschützen und zu retten. Erst am Schluss – klassisch Noir – erfährt er (und wir), dass die Frau ihn nur benutzt hat, um ihre Feinde und ihren Vater loszuwerden. Er ist jetzt ihr Gefangener und wird seine Zukunft als ihr Chaffeur zubringen.


    Die Kirsche auf der Sahnehaube: Das kleine Ende nach dem großen Ende

    Sehr oft und gerne wird das eigentliche Ende noch durch einen kleinen abschliessenden Moment getoppt. Wir kennen es aus Tom und Jerry: Tom versucht Jerry zu fangen, und am Schluss ist sein Plan gescheitert. Er guckt frustriert in die Kamera.

    Und dann scheisst ihm noch eine Taube auf den Kopf.

    Man kann es sich vorstellen wie ein Satz: der eigentliche Inhalt wird mit einem kleinen Punkt abgeschlossen. Wie der Nachhall eines Schlussakkordes.

    In Adrian Tomines SLEEPWALK geht es um eine Begegnung zweier Menschen, die mal ein Paar waren. Sie hat sich lange nicht gemeldet, und möchte mit ihrem Ex einen Neuanfang als Freunde versuchen. Doch er ist noch nicht soweit, er ist weiterhin verliebt und will eine Beziehung, und der Abend endet abrupt. Aber er endet nicht beim Abschied der beiden. Er fährt mit dem Wagen ziellos auf die Autobahn, und baut einen Unfall. Das Schlussbild zeigt ihn bei seinem Wagen, mitten in der Nacht, ohne eine Menschenseele, wie er darauf wartet, dass vielleicht, irgendwann, ein Abschleppdienst kommt. Ein Schlussbild, das das Gefühl der Entwurzelung und Einsamkeit mit sehr viel mehr Wucht ausdrückt, als es das traurige Gesicht des Mannes nach seinem gescheiterten Date gekonnt hätte.




Sonntag, 21. August 2011

Intermezzo: Geschichten versus das Leben


„Es ist gut, malen zu können was man sieht. Aber es ist besser, zu sehen, was sich zu malen lohnt.“
Oscar Wilde

„Dass du in der Schule keine Freunde hattest, rechtfertigt nicht die Veröffentlichung eines Buches.“
-Fran Lebowitz

„Wenn du die Aufmerksamkeit einer fremden Person in Anspruch nimmst, sorge dafür, dass sie es nicht bereut.“ - Kurt Vonnegut

Ich muss mich doch sehr wundern.

Noch vor wenigen Jahren hätte ich sogenannte „Mainstream“-Comics nicht mit der Kneifzange angefasst. Was mich faszinierte, war die Intimität und die Wahrhaftigkeit, die gute Autorencomics zum Ausdruck bringen können.

Vor ein paar Wochen las ich parallel eine ältere Anthologie deutscher Avantgarde / Independent / Autorencomics und die Noir-Serien „Criminal“ und „Sleeper“ von Ed Brubaker und Sean Phillips von DC/Vertigo, auf deutsch von Pannini.

Und am Ende waren die DC-Comics in jeder Beziehung die dankbarere und bessere Erfahrung
für mich.

Nick Hornby hat vor einigen Jahren einige Bücher mit Buchrezensionen veröffentlicht. Das erfrischende daran war, dass er nicht, wie normale Kritiker, seine Meinung verkauft wie eine absolute Wahrheit, wie eine Tatsache. Ein normaler Kritiker wird schreiben „diese Platte/dieses Buch IST schlecht / gut / irrelevant“. Eine anmaßende und falsche Position. Nick Hornby schrieb darüber, welche Gefühle die Bücher in ihm hervorrufen.

Ich werde es jetzt so ähnlich machen, und die Bücher beschreiben, als wären es Begegnungen. Und ebenso wie Nickt Hornby, werde ich nur die Bücher namentlich benennen, die mir gefielen.

1. Anthologie deutscher Independent- / Avantgard- / Autorencomics mit vielen Beiträgen der „Hamburger Schule“
Ich sitze im Bus auf dem Weg nach hause, als sich ein junger Mann neben mich setzt. Er hat ungesunde Haut und sieht unglücklich und erschöpft aus. Er riecht nach Babypuder und altem Kohl.

Er schaut mich traurig an:
„Mir geht’s viellecht scheisse.“ sagt er.

„Mein ganzes Leben. Alles scheisse. Alles sinnlos. Ich habe nie Glück erfahren dürfen, weisst du? In der Schule hatte ich keine Freunde, weil ich im Unterricht immer aus der Nase gegessen habe. Das fanden die ekelig.“

Er seufzt und isst aus seiner Nase.

„Aber so wird man, wenn man immer alleine ist. Meine Eltern haben mich nie verstanden.“
Er schaut mich wieder traurig an.

„Ich hatte letzte Woche eine schwere OP. Gallenblase. Willst du die Operationsnarbe sehen?“

Nein, will ich nicht.

Er zeigt sie mir trotzdem.

„Guck mal, das ist irgendwie nicht richtig geheilt. Da ist überall Eiter und SCHORF drauf.“
Es reicht mir. Eigentlich müsste ich noch eine Station fahren, aber ich drücke auf den Halteknopf, sage dass ich aussteigen muss, und fliehe aus dem Bus.

Der Bus fährt weiter, und der junge Mann schaut mich traurig und anklagend an. Jetzt geht es ihm noch schlechter als vorher. Und er gibt mir die Schuld dafür.

Ich setze mich an die Haltestelle. Ich bin eine Station zu früh ausgestiegen und warte jetzt einfach auf den nächsten Bus.

Ed Brubaker / Sean Phillips: Criminal 1-5, Sleeper 1-2. Vertigo / Pannini

Ein Typ kommt auf mich zu. Wir kennen und nur vom Sehen und Grüßen, aber ich finde ihn sympathisch. Er setzt sich zu mir.

„Ich habe eine unglaubliche Geschichte erlebt. Hast du einen Augenblick Zeit?“
Ich bejahe.

„Cool. Ich hole uns erstmal n Kaffee.“

Er holt uns zwei Kaffee und setzt sich wieder. Er erzählt seine Geschichte, und sie ist spannend, bewegend, in Momenten amüsant, ironisch, tragisch. Die Geschichte handelt von Menschen. Wie sie falsche Entscheidungen treffen, die ihr Leben in eine falsche Bahn lenken. Von Menschen, die faule, feige Kompromisse eingehen. Die die Macht über ihr eigenes Leben verlieren. Mein unbekannter Freund ist ein großartiger Erzähler, und er lässt lebhafte Bilder vor meinen Augen entstehen. Die Geschichte fesselt mich.

Die Geschichte endet mit einem Paukenschlag und wird noch einige Zeit in mir nachhallen. Jetzt kommt mein Bus. Ich danke meinem unbekannten Freund für den Kaffee und die Geschichte. Er bedankt sich für meine Aufmerksamkeit.

Ich steige in den Bus, bewegt, amüsiert, beeindruckt. Was für eine gute Geschichte, was für ein wunderbarer Erzähler. Ich freue mich auf das nächste Mal, dass ich ihm begegne.

= = = =

Ein Freund von mir wohnt in der Nähe einer Partymeile hier in Köln. Und jedesmal zu Karneval ist es dasselbe: Er schliesst die Haustür auf, und musst feststellen, dass jemand in den Hausflur gekotzt hat. Mal wieder. Immer dasselbe.

Und genau diese Gefühle lösen inzwischen viele Autorencomics in mir aus: Eine Mischung aus Verstörung und Langeweile. Die Geschichte ist nie gut erzählt, selten gut gezeichnet, und am Ende der Geschichte habe ich den Wunsch, eine Schachtel Zigaretten auf Ex zu rauchen und danach lange zu duschen.

Eine meiner Lieblingsbücher war – und ist – Alex Robinsons BOX OFFICE POISON, die die Schicksale einer Gruppe von Zwanzigplussern über mehrere Jahre hinweg verfolgt. Es hat 600 Seiten, und war eine Initialzündung für mich. So was möchte ich machen, dachte ich, einfach eine unspektakuläre Abbildung des echten Lebens.

Was mir damals nicht bewusst war: Das schöne an B.O.P war nicht nur die Glaubwürdigkeit der Charaktere und die Wahrhaftigkeit des Tons.

BOX OFFICE POISON wimmelt tatsächlich von sehr interessanten, großartig erzählten Momenten und Geschichten.

Ich habe lange geglaubt, Plot sei etwas vulgäres, etwas was nur Thrillerautoren und Popcorn-Blockbuster benutzen. Ich glaubte immer, wichtiger sei Authentizität, eine ehrliche und wahrhaftige Abbildung des Lebens.

Das glaube ich auch weiterhin.

Aber inzwischen denke ich, ein guter Plot ist ein Zeichen, dass der Autors mich als Leser respektiert. Plot ist nicht der Feind. Es ist der Verbündete.

Ein weiteres Zitat, eine Szene aus dem Film Adaptation, die in einem Drehbuchseminar spielt:

Charlie Kaufman:
Was ist denn, wenn man eine Geschichte hat, in der nichts passiert? Menschen leiden, und nichts klärt sich auf. Eher so wie in der wirklichen Welt.

Robert McKee:
die wirkliche Welt, hm?

Erstens, eine Geschichte ohne Konflikte wird dein Publikum zu Tränen langweilen.

Zweitens, „nichts passiert in der Welt“? Hast du sie noch alle? Jeden Tag werden Menschen umgebracht. Es gibt Völkermorde, Verbrechen, Korruption. Jeden verdammten Tag opfert irgendwo auf der Welt ein Mensch sein Leben, um einen anderen zu retten. Jeden verdammten Tag trifft ein Mensch die bewusste Entscheidung, einen anderen Menschen zu zerstören. Menschen finden Liebe, Menschen verlieren Liebe. Ein Kind muss mitansehen, wie seine Mutter auf den Stufen einer Kirche zu Tode geprügelt wird. Jemand hungert. Ein anderer verrät seinen besten Freund wegen einer Frau.

Wenn du diese Geschichten nicht im Leben findest, dann verstehst du nichts vom Leben.

Sonntag, 14. August 2011

Diese Stadt war so dreckig wie die Ratten, die sie beherrschten: Anfänge


Jeder, der schon ein Comicbuch herausgebracht hat, kennt die Situation: ein potentieller Leser tritt an den Stand und nimmt sich zögernd ein Buch. Vielleicht liest er den Text auf der Rückseite, vielleicht blättert er quer, aber in gefühlten neun von zehn Fällen, schlägt er das Buch auf und liest die ersten drei, vier Seiten.



Aufgrund des Anfangs trifft er die Entscheidung, das Buch zu kaufen oder nicht.


Ganze Bücher sind über die Bedeutung des Anfangs geschrieben worden, Und tatsächlich ist die erste Begegnung mit einer Geschichte so bedeutsam wie die erste Begegnung mit einem Menschen.

Heute geht’s also um Anfänge, ihre Formen und ihre Bedeutung.



1. Ein Anfang stimmt ein auf Ton und Tempo der Geschichte.
In Seth's CLYDE FANS gleitet die Kamera auf den ersten Seiten über die Häuser einer Stadt, langsam geht die Sonne auf, wir nähern uns einem Geschäft namens CLYDE FANS. Ein alter Mann wird wach, zieht sich an, setzt sich in einen Sessel und beginnt, in aller Ruhe, uns seine Geschichte zu erzählen.

In David Laphams MURDER ME DEAD hängt im ersten Bild direkt mal eine Leiche von der Decke.

Und in beiden Fällen haben wir bereits einen guten Eindruck, was uns weiter im Buch erwartet.

Die „Stimmung“ in Einstimmung

Ich persönlich mag es sehr gerne, wenn ich erste eine Stimmung vermittelt bekomme, bevor eine Handlung beginnt. Okay, das erste Bild ist eine Kirche. Also zeigen wir einfach eine Kirche. Aber welche Stimmung soll sie vermitteln? Autorität? Feierlichkeit? Traurigkeit? Endlichkeit?
In Bilderdatenbanken wie „Gettyimages“ kann man nach Bildinhalten ebenso suchen wie nach „Konzepten“. Gesucht wird ein Bild mit einer Frau in einem Bett. „Konzept“ bedeutet in diesem Fall die Stimmung, die das Bild kommunizieren soll. Wir sehen eine Frau in einem Bett. Aber was fühlen wir? Einsamkeit? Ruhe? Geborgenheit?


Der Regisseur David Mamet spricht in seinem genialen „Die Kunst der Filmregie“ von der „Idee“ eines Momentes oder einer Szene. Wenn wir also etwas ruhiger unterwegs sind, und nicht sofort mit einem Knalleffekt beginnen müssen, lohnt es sich, darüber nachzudenken, in welcher Stimmung wir die Geschichte beginnen wollen, und wie wir diese Stimmung visuell erzählen können. Ich werde auf das Konzept der „Idee“ / Stimmung noch später ausführlicher schreiben.


2. Ein Anfang macht neugierig und verleitet zum weiterlesen
Im Vergleich zu Buchautoren haben wir es eigentlich leicht, denn die Gestaltung eines Comics sagt dem Leser eigentlich schon auf den ersten Blick, ob der Stil, die „Stimme“ des Buches, ihm gefällt. Ein Buch, egal ob von Dostojewskij oder von Grisham hat ausser einem Cover nichts zu bieten als ein paar Dutzend Buchstaben. Aber gerade deshalb sind Autoren oft sehr gut darin, sich ihre Leser mit den ersten paar Sätzen direkt zu krallen.


„Ich war nach dem Unfall ein anderer Mensch.“


„Es ist die traurigste Nacht, denn ich gehe, und ich kehre nicht zurück.“

In WATCHMEN „hören“ wir die grimmige Stimme von Rorschach, während wir einen Smiley in einer Blutlache finden. Die Kamera steigt langsam höher, bis wir einen Mann sehen, der von einem Fenster aus auf die Straße hinabblickt. „Geht ja echt tief runter“. Ich kann mir schwer vorstellen, dass man nach einem solchen Anfang nicht weiterblättern will.


Der archetypischste Anfang eines Actioncomics, tausendmal vor- und nachgetanzt von aussprebenden Superheldencomiczeichnern: Wir erleben eine Frau / ein Kind / einen alten Mann, der in eine gefährliche Situation gerät. Plötzlich sieht sich die Frau umzingelt von Böseswichtern.


Und grade als es wirklich brenzlig wird, kommt natürlich der Held herbei.


Diese Art von Anfang ist nicht von ungefähr zum Klischee geworden: es ist sehr effektiv, eine Geschichte so zu beginnen. THE MAXX beginnt so, V FOR VENDETTA beginnt so. Der Moment erzeugt Spannung, animiert zum Weiterlesen, und


3. Der Protagonist wird eingeführt.
Das große, immer wieder angestimmte Tantra des Erzählens ist „Show, don't tell“. Erzähl es nicht, zeig es. Wenn wir etwas lesen, geht es in unser Gehirn. Wenn wir etwas sehen, erleben, geht es direkt in unseren Bauch. Das erzeugte Gefühl ist stärker und eindringlicher, und wir nehmen direkt sehr viel mehr Anteil an der Geschichte.


Angenommen, unsere Hauptfigur ist ein maskierter Beschützer. Natürlich können wir dann einfach erzählen, wie's ist.


„Mein Name ist schwarzer Blitz. Ich mache heldenhafte Sachen“.


Aber wenn wir sehen, wie unser Held jemanden rettet, ist das trotzdem sehr viel effektiver, und unmittelbarer ...

Arten von Anfängen

Klassische Exposition: Langsame Einführung in die Örtlichkeit, dann die Figur, eventuell ein Erzähler, der uns an der Hand führt. „Das hier ist unsere Schule. Sie gilt als die strengste in der Stadt. Und das hier, das bin ich.“ Oft kommt als nächstes eine sprechende Szene, die uns den / die Hautpfigur vor Augen führt, oft in einer Situation, die seinen Charakter zum Vorschein bringt.Die Wichtigkeit eines solchen Momentes ist nicht zu unterschätzen. Auch wenn wir literarischer unterwegs sind und nicht sofort einen Toten von der Decke baumeln lassen wollen – es ist sehr, sehr, sehr wichtig, dass der Leser schnell erfährt, mit welchen Figuren er es zu tun hat – und warum er an ihnen Anteil nehmen sollte.


In Medias Res: Direkt mittenrein
Bei Anfängen „in medias Res“, die den Leser ohne Einführung direkt mitten in eine Situation versetzen, ist das schicke, dass der Leser gleichsam ins Wasser geworfen wird, und sich seine Kerninformationen – wo bin ich, wer ist das, was soll das – selber zusammensuchen muss. Literatur kann so etwas perfide gut. Ein typischer populärer Roman könnte zB so beginnen:


„Spinnst du?“

Karin sah mich mit großen, zornigen Augen an.


Man ist sofort mittendrin und hat das natürliche Bedürfnis, sich zu orientieren.


Also liest man weiter.


Beim Erzählen mit Bildern ist es sehr viel schwerer, dem Leser vorzuenthalten, wo er sich befindet, und wer da grade was sagt. Aber es ist eine schöne Herausforderung, den Leser am Anfang etwas baumeln zu lassen, und seine Fragen erst später zu beantworten. „100 Bullets“ von Brian Azarello und Eduardo Risso ist voll von solchen kleinen In Medias -Momenten. Wir sehen nur eine Hand, ein Gesicht, ein Glas. Und erst am am Ende der Seite erfahren wir, wo zum Henker wir uns befinden.


Nämlich, im Fall von "100 Bullets" zumeist in einer spackigen, abgerockten Kneipe.


Wie konnte das passieren: Der Teaser

In einem Hollywoodplot, speziell bei Action, gibt es 10/20 Minuten vor Schluss immer eine Situation, in der alles verloren scheint. Der ausgesprochen erfreuliche LIMITLESS (dt ohne Limit) beginnt mit einem Mann, der auf der Kante eines Dachs steht. Seine Verfolger kommen näher, und es bleibt ihm nur noch der Sturz als Ausweg.


In einer Comicgeschichte ist die Dramaturgie weitaus weniger festgelegt als in Hollywoodfilmen, aber das Spiel mit der Chronologie der Geschichten findet immer öfter auch in Comics statt. Auf der ersten Seite von Y- THE LAST MAN hält sich eine Frau die Waffe an die Schläfe und sagt „alle Männer sind tot“. Nächste Szene „Brooklyn, New York, vor 29 Minuten“. Nächste Szene „Washington, D.C. Vor 24 Minuten.“ Auch die exzellenten Serien CRIMINAL und speziell SLEEPER von Ed Brubaker und Sean Phillips machen sehr stark, und effektiv, Gebrauch von Teaser-Momenten.