Samstag, 23. Juli 2011

Niemandes Leistung, niemandes Schuld: Plot Toolbox II: Zufälle, Unfälle, Katastrophen

Eine Geschichte, die wir seinerzeit bei Panik Elektro abgelehnt haben, macht sehr schön deutlich, wo das Problem bei Plotwendungen liegt, die durch Einwirkungen von aussen vollzogen werden.

In der Geschichte stehen zwei Freunde nachts auf einem Feld und betrachten ein Gewitter. Plötzlich schlägt der Blitz in einen der Freunde ein und verwandelt ihn in ein Monster. Danach war eine Verfolgungsjagd über fünf Seiten geplant.

Und am Schluss verwandelt sich der Freund auch in ein Monster und tötet seinen verwandelten Kumpel.

Abgesehen davon, dass der Autor hier keine Geschichte erzählen, sondern eine Monsterjagd zeigen wollte, macht diese Geschichte sehr schön deutlich, wo der Wurm liegt bei Storywendungen, die auf Zufällen, Unfällen oder generell Einwirkungen von aussen beruhen. Menschen lieben es, sich in Geschichten zu verlieren, und wir nehmen viel hin; Okay, der Blitz schlägt ein, und verwandelt einen der Freunde in ein Ungeheuer. Warum nicht. Gregor Samsa wacht auch als Käfer auf und keiner weiss, warum. Geht von uns aus klar.

Ich hätte die Geschichte interessant gefunden, wenn der Freund äusserlich verwandelt worden wäre, aber seine Persönlichkeit beibehalten hätte, wie in einer sehr amüsanten Episode der Comicserie BARRY WEEN, in der sich Barrys Kumpel in einen Dinosaurier verwandelt, aber Persönlichkeit – und Frisur – beibehält. Aber nun je.

Die Verfolgungsjagd hätte man noch interessant gestalten können, wobei ich eine solche Sequenz in der Animation besser aufgefunden finde als in einem statischen Erzählmedium wie Comic.

Und den Schluss fanden wir alle ausnehmend unbefriedigend und dämlich.

Am ehesten akzeptieren wir zufällige und unglückliche Wendungen von aussen, wenn sie am Anfang einer Geschichte passieren. Jemand findet einen Koffer mit einer Million. Jemand trifft seine alten Jugendliebe wieder. Eine Frau verliert ihren Mann durch einen Unfall. Aliens überfallen die Erde. Eine Explosion oder Naturkatastraophe zerstört das Haus einer Familie.

Aber eine solche Wendung am Schluss einer Geschichte erscheint und ärgerlich und unbefriedigend. Ein Mann sucht verzweifelt nach der Liebe, und am schluss fällt sie ihm wie zufällig in den Schoß? Jemand muss einem Mafioso Geld zurückzahlen und findet am Schluss zufällig einen Koffer mit der Summe auf der Straße?

In Steven Spielbergs Film erstem Film, DUELL, merkt ein Autorfahrer, dass er von einem riesigen Truck verfolgt wird, der es offensichtlich darauf angelegt hat, ihn umzubringen. Wer diesen Truck fährt, und woher seine schlechte Laune rührt, wird nie geklärt. Aber im Laufe der Geschichte wandelt sich das Bewusstsein des Autofahrers. Er will nicht mehr reden, oder Frieden schliessen. Er hebt den Fehdehandschuh auf.

Ein unbefriedigendes Ende wäre, wenn

  • der Truck plötzlich abdrehen und verschwinden würde
  • plötzlich ein Flugzeug vom Himmel fiele und den Truck zerstören würde
  • der Truck plötzlich einen PLATTEN hätte und nicht mehr weiterfahren könnte

Das tatsächliche Ende ist, dass der Truck plötzlich das gejagte Auto wie auf dem Servierteller vor sich sieht, und darauf losjagt. In letzter Sekunde fährt das Auto weg und offenbart den Abgrund, vor dem es stand. Der Truck stürzt in eine Schlucht. Der Autofahrer hat ihn überlistet.

Krieg der Welten zeigt die Invasion von Ausserirdischen auf der Erde. Alles sehr unterhaltsam und spannend. Am Schluss kommt aus dem Irgendwoher ein Virus und tötet alle. Das Problem ist, dass jede noch so ausgeklügelte, intelligente, emotionale Story einen schalen Nachgeschmack hinterlässt, wenn ein willkürliches, unmotiviertes Ende geliefert wird. Zu Zeiten der aristotelschen Tragödie wurde der Begriff DEUX EX MACHINA geprägt. Wenn eine Dramenautor sich „an die Wand gepinselt hatte“ und am Schluss vor einem Scherbenhaufen ungelöster Konfikte stand, ließ er einfach Götter vom Himmel kommen, die die Streithähne versöhnten und / oder alle Probleme wieder ins Lot brachten. Aristoteles fand diese Art von Wendung doof, und das tun die meisten Leser / Zuschauer von Stories auch heute noch.

Eine Kunst für sich, und eine schicke Ausnahme von der Zufallsregel, sind zwei Plots, die sich auf tragische oder komische Weise überkreuzen. Die Plots laufen beide logisch vor sich hin, und ergeben zusammen eine amüsante und überraschende Wendung. Viele Plots von Guy Richie sind voll von Plotkollisionen dieser Art.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen