Sonntag, 3. Juli 2011

It would be mental: Gedanken zu Erfolg und zum Erreichen von Zielen

Wenn mir der Mut sinkt, gibt es einige Stellen, Bücher, Worte, von verschiedenen Musikern und Autoren, die mich bewundere, zu denen ich immer wieder zurückkehre, und die mich wieder auf die Spur bringen. Und als ich die Tage darüber nachdachte, entspann sich quasi von selbst eine Art Gesprächsfaden aus den Ideen dieser verschiedenen Personen. Es schien die natürlichste Form, diese Ideen in der Form eines Gesprächs zu präsentieren. Wenn ich irgendwas dazwischenzuquaken habe, dann tue ich das kursiv.

Ich begrüße hierzu in einer neuen virtuellen Interview-Runde Steve Vai (Gitarrist), Alan MOORE(Comicautor) und Steven Pressfield (Romanautor und Publizist).

Zu den Personen:

Steve Vai
Bevor ich kein Geld mit Comics machte, machte ich kein Geld mit Musik, und einer meiner Vorbilder war der Gitarrist Steve Vai. Und auch wenn ich heute andere Musik höre als damals, kehre ich immer mal wieder zu Vai zurück, als zu einem Menschen, der sein Leben kompromisslos, mutig und integer lebt, und seine Ziele verfolgt und erreicht. In den letzten Jahren hat er angefangen, Workshops zu geben, und er lehrt Technik weitaus weniger als die mentale Einstellung zu dem, was man tut.

Steven Pressfield
ist der Autor u.a. des Romanes "Die Legende von Bagger Vance". Sein bemerkenswertes Buch THE WAR OF ART über ein Leben in Kreativität ist ein großer Aufruf zum Mut, Konsequenz und Widerstand gegen jede Art von innerem Schweinehund. Empfohlen wurde mir (und tausenden anderen) dieses Buch von David Mack, der darüber in seiner grafischen Erzählung THE ALCHEMY berichtet.

Alan Moore
bedarf keiner Vorstellung, denke ich?

DCIK: Also erstmal herzlichen Dank in die Runde.

VAI: Hallo.

MOORE: Hallo.

PRESSFIELD: Hallo.

DCIK: Es geht heute also mal um das Formulieren und Erreichen von Zielen allgemein.

VAI: Vor allem anderen ist es wichtig, für sich selbst so klar wie möglich zu definieren, was GENAU wir erreichen wollen. Was genau der Wunsch ist, der uns antreibt. Denn egal was es ist, früher oder später wird genau das auch zum Vorschein kommen.

Dieser Punkt bringt mir sehr, sehr viel. Viele von uns haben eine recht schwammige Perspektive im Kopf, und möchten „irgendwas kreatives“ oder „irgendwas mit zeichnen“ machen. Mir hilft es sehr, mir genau vorzustellen, wie dieser Tag aussehen kann, an dem ich mein Ziel erreicht habe. Ich sehe das Bild auf meinem Schreibtisch genau vor mir. Ich sehe die Farben und die Formen. Je konkreter und klarer wir das Bild vor uns sehen, desto genauer können wir wissen, wie wir von A nach B nach Z kommen. Also stellen wir uns, so genau wir können, vor, was auf unserem Schreibtisch liegt. Für die einen ist es vielleicht eine ausgearbeitete Illustration für ein Kinderbuch. Ein großes Gemälde mit einem Fantasy-Motiv. Ein anderer beendet gerade die letzte Seite für seine Graphic Novel. Je klarer wir das Ziel sehen, desto klarer können wir den Weg dorthin sehen, und beschreiten.

Die falschen Ziele und die Demut vor dem Handwerk


Auf der vergangen Comicmesse hatte ich viele Gespräche zum Zeichenhandwerk, als Ratsuchender und als Ratgebender, und ich fand es bezeichnet, dass ich das Wort Demut aus dem Mund von Timo Würz hörte - einem der virtuosesten Zeichner der Szene.

Moore: Wenn du schreibst oder zeichnest um reich und berühmt zu werden, dann wird daraus wohl nichts werden. Und was bedeutet letztendlich Ruhm, oder Reichtum? Besonders heutzutage. Du kannst einigermaßen reich und berühmt werden, wenn du bei BIG BROTHER mitmachst. Ist das eine Leistung? Beweist das irgendwas?

PRESSFIELD: Erfolg und Reichtum kommt oder kommt nicht, aber es ist immer nur ein Nebenprodukt der Arbeit. Und es ist die Arbeit, aus der wir das Glück und die Motivation ziehen sollten.

Moore: Wenn du etwas kreatives tun möchtest, sei es zeichnen oder schreiben, dann tu es, weil du es liebst, und den Wunsch hast, besser und besser darin zu werden.

PRESSFIELD: Das ist der Punkt. Besser werden. Wir haben kein *Recht* auf Anerkennung oder Erfolg. Wir haben nur ein Recht darauf zu lernen. Es sind die Amateure, die ihr aufgeblasenes Selbstbewusstsein vor sich hertragen und das Gefühl haben, sie könnten schon alles. Tiger Woods gilt als der beste Golfspieler der Welt, und er nimmt immer noch jeden Tag Unterricht, und hört genau zu, was sein Lehrer ihm zu sagen hat.

MOORE: Schreib eine Geschichte, oder mal ein Bild, und dann schau es dir genau an, so reflektiert und objektiv wie du kannst. Es wird Stellen geben, mit denen du zufrieden bist, die du gelungen findest, und andere Stellen, an denen du denkst „da hätte ich mehr raus machen können“. Und das nächste Mal machst du mehr daraus, arbeitest feiner, subtiler, vielschichtiger. Selbst ein kleines bisschen Talent reicht aus, wenn du daran arbeitest. Irgendwann wird deine Arbeit ein Niveau erreicht haben, dass über das hinausgeht, was alle andere tun. Und es wird Menschen geben, die das bemerken.

PRESSFIELD: Und das ist eine Tatsache. Es ist eine Energie des Universums. Es sieht dein Bemühen, und wenn du lange genug dran bleibst, werden irgendwelche Kräfte in Gang kommen, die dir helfen. Möglichkeiten und Chancen werden sich ergeben.

DCIK: Es klingt wie metaphysischer Humbug, aber ich selbst, und viele andere, haben es genauso erlebt. Ich hatte nach "Tara" einen halben Burn-Out. Dann kam der ICOM-Preis, Leute lesen mein Interview im Jahrbuch, und plötzlich ergeben sich neue Möglichkeiten und Perspektiven.

Die viele, viele Arbeit.

DCIK: Als ich noch in der Schule war, hätte ich einen Satz wie „unser einziges Recht ist das Recht zu lernen“ gehasst. Und ich denke, das ist es, was viele abschreckt, eine „künstlerische“ Karriere anzustreben. Das Lernen, die Paukerei, die endlose Quälerei des Lernens. Die viele Arbeit, die damit verbunden ist.

VAI: Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen Tag gearbeitet.

Jede Übung, jedes Lernen kann ein Genuss sein, wenn man sich klar macht, dass jede Note, die wir da spielen, jeder Strich den wir zeichnen, ein kleiner Schritt auf dem Weg zu unserem Ziel ist.

Und auch das war für mich ein Gedanke, der erst mal durchsickern musste. Wir alles sind immer wieder versucht, irgendwelche Schritte hinzuhuschen, weil wir es nicht erwarten können, so schnell wie möglich zum nächsten Schritt überzugehen. Wir nehmen uns nicht genug Zeit für die Ausarbeitung unserer Charaktere. Für die Worte, die sie sagen. Für die Gestaltung unserer Seiten. Am Schluss haben wir eine schnelle Geschichte, die aber bei weitem nicht so gut ist, wie sie hätte sein können. Wenn ich versucht bin, irgendwas zu huschen oder eine Abkürzung zu nehmen, hilft es mir, mir bewusst zu machen dass ich ja schon genau das tue, was ich tun möchte. Weshalb also sollte ich es eilig haben?

Was hindert uns?

PRESSFIELD: Ich schreibe in meinem Buch über eine Kraft, die ich Resistance nenne. Wir alle wissen, dass nicht die Kreativität das Schwierige ist. Nicht das Schreiben selbst. Sondern sich jeden Tag hinzusetzen und seine Arbeit machen.

DCIK: Ich sitze oft morgens auf dem Bett, nach dem Aufstehen, und trinke meinen Kaffee. Um die Ecke ist mein Arbeitszimmer. Und ich spüre diese „Resistance“ fast körperlich, wie ein Magnetfeld. Irgendwas sagt mir Geh da nicht rein! Und ich verspüre den Drang, diesen Schritt immer weiter aufzuschieben. Erst noch mal Mails lesen. Noch ein Kaffee. Und irgendwann überwinde ich mich, und gehe in mein Arbeitszimmer, und alles ist plötzlich halb so schlimm.

PRESSFIELD: Genau das ist eines der Gesichter der Resistance. Man schleicht um seinem Arbeit herum wie die Katze um den heissen Brei. Aber sie hat viele Gesichter. Resistance ist auch die Vernunft, die uns sagt, dass wir mit dem Roman warten sollten, bis die Zeiten besser sind. Bis nach der Ausbildung. Bis nach dem Umzug. Bis die Kinder älter sind. Bis es dann irgendwann zu spät ist. Das perfide ist, dass die Vernunft oft gute Argumente hat.

MOORE:Als ich gerade meinen Job aufgegeben hatte, sagte mir meine Frau, dass sie schwanger sei. Mein Arbeitgeber bot mir daraufhin an, meine alte Stelle wieder anzutreten. Ich sagte mir es wäre IRRSINN, in dieser Situation einen sicheren Job aufzugeben. Und ich tat es trotzdem. Ich dachte daran, welches Signal ich damit meinem Kind geben würde. Man schaut seine Eltern an und denkt sich „bin ich das in zwanzig Jahren?“ Ich wusste, unser Kind würde nicht verhungern. Aber ich wollte ihm mehr geben als Sicherheit. Ich wollte ihm das Gefühl vermitteln, dass man ALLES erreichen kann, wenn man wirklich will. Die meisten Menschen leben in dem Bewusstsein, dass das Leben ist wie ein Raum mit einer Decke, einer Begrenzung nach oben. Ich erinnere mich daran, wie mein Vater mit mir sprach: „Ich mache 15 Pfund die Woche, aber du erreichst später mal viel mehr! Du machst dann 18 Pfund die Woche.“ Ich wollte meinen Kindern das Bewusstsein geben, dass es keine Grenzen gibt.

PRESSFIELD: Fast alle Menschen leben zwei Leben, ihr faktisches, reales Leben, und ein inneres Leben, in dem sie der Mensch sind, der sie sein wollen, und das tun, was sie tun wollen. Wir rationalisieren unsere „vernünftigen“ Entscheidungen für ein sicheres Leben, und die Industrie um uns herum bewirft uns mit Trostpreisen. Wenn wir das und das Auto haben, das und das Telefon, dann sind wir glücklicher. Aber wir sind es nie, und das Verlangen in uns wird nie aufhören, bis wir das Leben, dass wir in unserem inneren führen, Wirklichkeit werden lassen.

DCIK: Und was passiert, wenn wir den Kampf geben die Resistance verlieren?

PRESSFIELD: Erst, eine leise Unzufriedenheit. Ein Schuldgefühl. Wir sind ruhelos, unerfüllt, unglücklich. Wir hassen uns selbst. Wir wollen weglaufen oder uns verstecken. Später wird die Resistance drückender, und wir fangen vielleicht an, schlechte Eigenschaften zu entwickeln. Drogen, Faulheit, Trägheit. Und dann wird’s klinisch, pathologisch. Depression, Wutausbrüche und greifbare, körperliche Selbstzerstörung. Resistance will uns am Boden sehen. Sie will uns fertig machen, bis wir nicht mehr aufstehen.

Fokus und auf dem Weg bleiben

DCIK: Also, wie erreichen wir denn nun unser Ziel? Wie widerstehen Sie der „Resistance“, Mister Pressfield?

PRESSFIELD: Ich stehe auf, dusche, frühstücke, mache mir einen Kaffee, lese die Zeitung. Dann nehme ich meinen Kaffee und gehe in mein Büro. Es ist übersäht mit Glückbringern aller möglicher Arten. Dann spreche ich mein Gebet …

DCIK: Gebet?!

PRESSFIELD: Der Ruf an die Musen aus Homers „Odysee“. Der Text ist letztendlich nicht wichtig. Wichtig ist das Ritual. Und das man es beendet, und keine Ausrede mehr hat, sich hinzusetzen und seine Arbeit zu machen.

Und danach setze ich mich hin und lege los. Ich mache meine Arbeit. Und nach einigen Stunden, wenn sich die Tipfehler häufen, merke ich, dass meine Energie aufgebraucht ist, und speichere meine Arbeit und schliesse sie ab. Mir ist egal, ob das, was ich zustande gebracht habe „gut“ ist. Was zählt ist, dass ich, für heute, der Resistance widerstanden habe. Und während ich zusammenpacke, weiss ich, morgen wird sie wieder da sein, und ich werde ihr wieder wiederstehen müssen.

DCIK: Der Kampf hört nie auf?

PRESSFIELD: Nein. Und wenn die Schlacht geschlagen scheint, und man FAST fertig ist, ist die Resistance am gefährlichsten.

DCIK: Und es gibt nie Zweifel? Mutlosigkeit?

PRESSFIELD: Ständig.

VAI: Aber wenn das passiert, wenn man den Mut verliert, weil man nicht weiterkommt, hilft es, sich das Gesamtbild vor Augen zu führen. The Big picture. Und wenn du an eine Grenze kommst, die unüberwindbar scheint, und du denkst, dass du das, was du dir vorgenommen hast, niemals schaffen kannst, dann kehr zurück zu dieser Vision in deinem Kopf. Und in deinem Kopf kannst du hören, oder sehen, wie du es tust. Du siehst dich dieses Stück spielen, oder dieses Bild malen.

Also ist es möglich.

MOORE: Es gibt nichts, was wir nicht tun können, wenn wir uns stark genug bemühen.

DCIK: Äh, ja. Vielen Dank.

Ein paar abschliessende Gedanken zum Handwerk.

Vor einiger Zeit kam auf einer Messe ein junges Mädchen an meinen Stand und fragte mich, wie man denn am besten eine Comiczeichnerkarriere angeht. Ich empfahl ihr, zu lernen so viel sie kann, Workshops zu besuchen und Unterricht zu nehmen.

Mädchen: Das will ich nicht.

Ich: Wieso?

Mädchen: Ich hab da so meinen eigenen Stil, und ich will nicht, dass mir den jemand kaputt macht.

Sie war zwölf.

Noch eine Geschichte.

Jahrelang hatte unser Pony X Press in Erlangen seinen Stand neben einen tapferen Einzelkämpfer, der seinen Minicomic verkaufen wollte. Die Figuren in seinen Geschichten waren steif und leblos gezeichnet. Er rannte von Pontius nach Pilatus, um sich selbst zu promoten, und bekam immer wieder zu hören, seine Figuren seien steif und leblos gezeichnet. Er nahm sich jedes Mal vor, an seinem Stil zu arbeiten. Und tat es nicht. Dann kam ihm eine neue Idee für eine Geschichte, und er zeichnete sie. Die Geschichte waren okay, aber die Figuren steif und leblos gezeichnet. Das ging gefühlte sechs Jahre so. Das letzte Mal wandte er sich zu uns und meinte „ich habe jetzt in vier Tagen ein Heft verkauft. Ich gebe auf.“

Und noch eine Geschichte.

Eine Freundin von mir wollte nie etwas anderes, als Comiczeichnerin werden. Speaking of focus. Sie beendete die Schule, machte eine grafische Ausbildung, arbeitete im Trickstudio, besuchte Workshops und lernte und übte, soviel sie konnte. Sie war bereits auf dem Weg, als ich sie vor über zehn Jahren kennenlernte, und hat ihr Ziel nie aus den Augen verloren. Und jedes Jahr war besser als das zuvor.

Vor ein paar Wochen war die Releaseparty ihres Buches. Sie saß an ihrem Tisch und signierte, und vier Stunden lang riss die Schlange nicht ab.

Also, was hindert dich, dasselbe zu tun?

Erstmal n Kaffee.


Links:
Steve Vai
Ein Interview mit Alan Moore
The Art of War

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