Mittwoch, 6. Juli 2011

Des Plots neue Kleider: Plotstrukturen adaptieren

Laut Statistik sind die Beiträge zum Plot mit die meistgelesendsten hier, deswegen werden die nächsten Beiträge hier im Blog erstmal davon handeln. Heute werfe ich mal einen ausufernden Blick darauf, wie man einen existierenden Plot an- und ausziehen kann wie eine Kleiderpuppe.

Man kann einen Plot betrachten wie ein Skelett, und ebenso wie ein Skelett durch Haut, Kleidung, Charakter undwasweissichnoch erst zu einem Mensch wird, wird auch eine Plotstruktur erst durch Charaktere, Themen, und spezifische Ereignisse zu der unverwechselbaren, berührenden, authentischen Erfahrung, die wir anstreben.

Während meines Storytelling-Unterrichts gab es eine Übung, die beliebter war als jede andere: eine Plotstruktur mit Inhalt füllen. Ich nehme dafür jetzt mal einen sehr generischen Plotverlauf, sagen wir, eine Boy-meets-girl- Highschool-love Story.


Sagen wir also, ein Junge verknallt sich in ein Mädchen. Plan: er muss sie beeindrucken. Der erste Versuch scheitert (1), der zwei Versuch scheitert (2) der dritte Versuch scheitert zwar, aber durch eine zufällige Wendung wird unserem Jungen eine Heldentat zugeschrieben, die er nicht begangen hat (3). Das Mädchen seiner Träume sieht ihn nun mit anderen Augen, und die beiden nähern sich an. Bis sie dann schliesslich, in Hollywood ganz klassisch ca. eine Viertelstunde vor Ende, erfährt, dass ihr Typ gar nicht der Held ist, für den sie ihn gehalten hat. Sie verpasst ihm einen Tritt und schickt ihn in die Wüste (4).

Jetzt ist erstmal Trübsal angesagt. Doch unser Junge zieht sich an seinen eigenen Haaren wieder hoch, und als er eine Chance bekommt, sich vor den Augen seiner Angebeteten zu bewähren, nimmt er sie wahr (5). Happily every after.

Jetzt nehme ich das Gerüst dieser Story und hänge ein anderes Genre, andere Charaktere, andere Ereignisse daran, wie Unterhosen an eine Wäscheleine. Ich nehme absichtlich etwas komplett konträres. Eine Abenteuergeschichte.

Okay, London 1724. Ein Bücherwurm und Uhrmacher hat seine Geliebte an eine Krankheit verloren, die nur durch die Tinktur XY heilbar ist. Die befindet sich aber in Händen des argen Freibeuters Gromka, der grade mit seiner Crew und seinem Piratenschiff vor Anker liegt. Unser Bücherwurm versucht nun, sich in die Mannschaft und/oder auf das Schiff zu schmuggeln, doch alle seine Bemühungen scheitern. Er kriegt aufs Maul, wird beleidigt und gedemütigt und muss Frauenkleider tragen (1) (2). Als er in tiefster Verzweiflung am Boden liegt, fällt ihm das Glück in den Schoß (3): er wird irrtümlich für einen verschollenen Mannschaftsgenossen gehalten, dessen Rolle er nun spielen muss. Das kriegt er auch halbwegs hin, bis ein unglücklicher Zufall seine Fassade platzen lässt (4). In einer subtileren Variante könnte sich herausstellen, dass Gromka die ganze Zeit gewusst hat, wen er vor sich hat, und ihn für seine Zwecke instrumentalisiert hat. Auf jeden Fall steht er jetzt knietief im Ärger. Doch durch die Hilfe Verbündeter und durch den eigenen Mut kann er sich selbst aus der Patsche ziehen (5), alle retten, die gerettet werden sollen, und pfeifend mit seiner Geliebten in den Sonnenuntergang segeln.

Diese Plots sind jetzt nur Skizzen, die ich innerhalb von 10 Minuten hingeschrieben habe. In der Klasse saßen wir zu zehn, zwölf Mann, mit angespannten Zehenspitzen, und warfen uns die Ideen zu. Der eine kam mit einer interessanten Figur. Ein anderer kam mit einem interessanten Setting oder eine originellen Ziel oder Wunsch.

Die Plotwendungen kosten in meiner Erfahrung die meiste Zeit. Die ersten zwei, drei Ideen sind die naheliegendsten, Varianten oder Kopien von Stories die wir kennen, oder schlicht die einfachste und auf der Hand liegendste Lösung. Wenn wir tiefer graben, auch innerhalb der Geschichte und der Logik der Figuren, kommen wir auf neuere, originellere Ideen. Wir leben in keiner perfekten Welt; wir jonglieren eine Reihe von Verpflichtungen und Bedürfnissen, Deadlines und Termine. Manchmal nehmen wir dann einfach Idee Nummer sieben, wenn Idee Nummer 15 perfekt gewesen wäre. Hier lauert sie Gefahr, zu früh zufrieden zu sein. Ich habe es schon an anderer Stelle erwähnt, gute Autoren haben haben nicht nur gute Ideen. Sie haben hunderte von schlechten Ideen. Der Trick ist, dass sie sie verwerfen und warten, bis sie eine gute, neue, originelle Idee haben.

In meinen Klasse war das Bekleiden von Plotskeletten, wie gesagt, mit die beliebteste Übung. Genre gewählt, Protagonist gewählt, und los ging es. Innerhalb einer halben Stunde hatten wir komplette, sehr amüsante und erzählenswerte Plots.

Natürlich ist auch dieses System mit Vorsicht zu genießen, und funktioniert nicht für jede Geschichte. Aristoteles, ebenso wie Vogler oder Syd Field, gehen von einem Medium aus, dass den Zuschauern vorgeführt wird, und deswegen berücksichtigen müssen, wie man am besten mit der Aufmerksamkeitsspanne eines Zuschauers umgeht. Aber auch die Filme von Tim Burton oder Charlie Kaufman sind oft sehenswert und dynamisch, ohne sich an irgendwelchen Konzepten zu orientieren. Filme, die Stimmungen oder eine Lebensgeschichte erzählen, funktionieren wiederum auf ihre eigene Weise. Für viele, die eine längere Geschichte planen und zuviel Respekt vor der Länge der Geschichte haben, ist es aber vielleicht eine gute Empfehlung, sich einen Film zu schnappen, den sie mögen, und dessen Plotstruktur mit ihren eigenen Figuren und Ereignissen zu bevölkern. Wenn sich herauskristallisiert, dass die Geschichte ihre eigene Plotdynamik wie von selbst findet - umso besser. Es gibt Geschichten, die aufgebaut sind wie ein Klavierkonzert, ein Kreislauf oder wie ein Mah-Jongg-Spiel. Für mich selbst war es eine große Erleichterung, Plot als Abfolge von Schritten und Ereignissen zu sehen, anstatt als großes, unüberquerbares Meer.


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