Sonntag, 12. Juni 2011

Die geneigte Person: Ein Schlaglicht auf Körpersprache

In eigener Sache: Ich schreibe dies in einem Zustand gesteigerter Hysterie; Ein Comic liegt hinter mir, und zwar das wohl hin-ge-drosch-endste Machwerk der Comicgeschichte, deren Seite so voller Flecken und Verwischungen sind (Linkshänder halt), dass es dem Drucker TRÄNEN in die Augen treiben wird. Dafür kommt dann zum Comicfest München, so Gott will, ULFUR GORDUNG raus, erhältlich an dem Stand von PONY X PRESS, den ich zusammen mit meinen lieben Freunden und Kollegen Sarah Burrini und Andreas „AE“ Eikenroth betreue.

VOR mir liegt auch ein Comic, und zwar eine Auftragsarbeit. Für GELD. Aufwendig. Mit Uniformen und Helikoptern. Noch zehn Tage zur Deadline. Daher kann ich diese Woche das schöne Thema KÖRPERSPRACHE leider nicht so ausführlich behandeln, wie ich das gerne täte. Und keine Bilder zur Illustration. Hole ich bei Gelegenheit nach.

Also, Körpersprache. Zunächst einmal muss ich sagen, dass für mein Empfinden im Comic Körpersprache oft übertrieben wird, ähnlich wie in Animationsfilmen. Jede Aussage wird mit rudernden Armen begleitet, noch in der alten Tradition verhaftet, dass eine visuellen Erzählung auch ohne Text verständlich sein muss, weil die Leser sie sonst nicht kapieren. Schliesslich lesen ja nur Kinder Comics. Viele Comiczeichner besonders der frankobelgischen Tradition „überanimieren“ für mein Gefühl immer noch sehr stark, und dadurch wirkt es auf mich, nun ja, etwas kindlich und anachronistisch und unrealistisch; Wenn eine Figur nicht damit einverstanden ist, was jemand anderes über sie sagt, ruft sie „Das stimmt doch gar nicht!“ , hebt den Kopf, zieht die Augenbrauen hoch, verzieht Nase (hoch) und Mundwinkel (runter), verschränkt die Arme und dreht ihren Körper weg. Im „wahren Leben“ würde eine Person vielleicht eine Augenbraue senken, und gut wär.

Wie dem auch sei, Körpersprache ist trotzdem ein wunderbares Mittel, eine Persönlichkeit, eine Beziehung oder eine Haltung ohne Worte und zwischen den Zeilen zu zeigen. Es gibt hunderte von Büchern und anderen Resourcen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, von daher werde ich gar nicht erst versuchen, einen kompletten Rundumschlag dieses Themas zu liefern. Aber ich kann hoffentlich ein paar Hinweise geben, wie man einem Dialog oder einer Szene mit ein paar (mehr oder weniger) subtilen Positionen oder Gesten noch zusätzlich Energie verleihen kann.

Betrachten kann man dabei, vom ganzen ins Detail, von oben nach unten:

  • Die generelle Positur einer Person
  • Die Stellung einer Person zu ihrem Gesprächspartner
  • Die Stellung ihres Kopfes und
  • die Arme, ihre Position oder Gesten

Die Körpersprache von Macht

„Macht“ macht sich vor allem erstmal breit. Ein Mensch, der Macht demonstrieren will, nimmt soviel Raum in Anspruch,wie er kann. Er steht aufrecht und breitbeinig, mit vorgestreckter Brust und erhobenem Kinn. Vielleicht macht er sich noch breiter, indem er die Arme in die Hüften stemmt (in Konkurrenz/Konfrontationssituationen), oder verschränkt die Arme, um seine Unumstößlichkeit und Uneinnehmbarkeit zu demonstrieren. Ebenso steht eine "Machtperson" beharrlich in einer Position, während ein unsicherer Sprecher, der sich seines Standpunktes nicht sicher ist, Standbein und Position immer wieder wechselt.

Wenn Machtmenschen sitzen, breiten sie die Arme aus („alles meins“) und spreizen die Beine („guck mal, was für einen enormen SCHLONG ich habe“).

Besonders bemerkenswert, und unangenehm, im Umgang mit „Macht“personen, ist die Tatsache, dass sie sich auch herausnehmen, über den Raum ihrer Gesprächspartner verfügen. Das kann buchstäblich passieren – eine Person betritt den Raum und nimmt ihn „ein“, wie Stringer Bell in dem bereits zitierten Video über Geschlechterkampf, oder im Bezug auf ein Eindringen in unseren „personal space“. Jede Person hat und braucht einen sogenannnten „Wohlfühlabstand“ von ca. einer Armlänge. Sobald dieser Abstand von einer fremdem Person überschritten wird, fühlt man sich etwas bedrängt und unwohl, wie in dieser Episode von SEINFELD über einen „closer talker“. Eine Machtperson bestimmt ganz selbstverständlich über den Raum einer anderen Person. Wenn wir eine Hahnenkampf-Situation haben, in der zwei Männer konkurrieren oder vor einem Kampf stehen, dringen beide in den personal space des anderen ein. Hierbei wird das Kinn gerne an den Hals gedrückt und die Stirn vorgereckt, wie ein Widder oder ein Stier, der seine Hörner zeigt.

Im Gegensatz dazu wird eine ängstliche oder unterwürfige Person eine zusammegekauerte, geduckte Haltung einnehmen, vielleicht die zugeklammerten Hände vor die Brust nehmen und die Beine zusammenklemmen, wie ein Kind, das ausgeschimpft wird.

Die Körpersprache der Sexualität

Während Personen bei Machtspielereien und Konkurrenzkämpfen einander gegenüberstehen wie in einem Duell, kommt alles was mit Sinnlichkeit zu tun hat, eher von der Seite, um nicht bedrohlich zu wirken. Männer verfallen in Imponiergebärden, ziehen ihren Bauch ein und demonstrieren Kraft und Viriltät.

Frauen schauen gerne über die Schulter oder vollziehen sogenannte autoerotische Gesten – sie streichen sich durchs Haar oder über den Nacken oder legen die Hand auf die Hüfte. Sehr, sehr viele Modelposen arbeiten mit flirtender Körpersprache, verspielten Gesten, entblößtem Nacken und geheimnisvoll wirken(sollen)dem Blick. Wenn die Frau geneigt ist, ist es auch ihr Kopf. Die Standardcomicpositur bei einer sinnlichen Situation ist der Blick von unten nach oben oder über die Schulter, während die Hand durch die Haare streift.

Die Körpersprache der Lügen und Geheimnisse

Die Comics meiner Jugend operierten mit sehr stumpfem Besteck: wenn jemand log, hatte er einen panischen, abgewandten Blick und SCHWEISSPERLEN auf der Stirn. Inzwischen sind die Mittel etwas subtiler geworden, und es ist die Frage, ob man den Leser wissen lassen will, dass jemand lügt. Dann kann man auf das Standardrepertoire zurückgreifen – unsicherer, abgewandter Blick, verkrampfte Körperhaltung, stotternde, unsichere Sprache. Das Gesagte selber kann ein weitaus subtilerer Indikator für Lügen sein: indirekte Antworten, überbetonte Versicherungen, dass es „wirklich so war“ et al. Was die Körpersprache betrifft, ist man inzwischen zu der Erkenntnis gelangt, dass eine lügende Person überraschend oft mit der Hand im Gesicht rumfuchtelt. Scheinbar steckt dahinter der Wunsch, den Mund zu verbergen, aber stattdessen wandert die Hand zur Nase oder zum Kinn. Die Körpersprache Clintons im Lewinsky-Prozess war ein Fest für Analytiker dieses Gebietes.

Übrigens: Die Standardgeste für Lügen bei TV-Krimis ist das Berühren des Ohres.

Eine geschickte Inszenierung der Lüge finden wir mal wieder in den WATCHMEN, als Rorschach Ozymandias von seiner Theorie erzählt, jemand sei gezielt hinter den Mitgliedern der Watchmen her. Ozimandias erwidert, der Mörder könne auch einfach nur hinter Rorschach hergewesen sein, denn der Mann habe ja nun Feinde genug gehabt. Während der ganzen Szene wirkt Ozymandias Körpersprache, als denke er über die Theorie Rorschachs nach, er schaut gedankenvoll aus dem Fenster und auch er hat die Hand immer wieder im Gesicht, als überlege er .

Wenn wir später, nachdem wir wissen [SPOILER], dass Ozymandias selber der Mörder war, zu der Szene zurückkehren, sehen wir sie mit anderen Augen: Ozimandias vermeidet Rorschachs Blick, weil er etwas zu verbergen hat, und seine Gesten sind vielleicht doch eher Ersatzhandlungen eines Lügenden.

Das isses erstmal für heute. Ich danke mal zwischendurch allen, die den Blog lesen, nächste Woche gibt es ein kleines Interludium, bevor ich mit einigen Dialogbeispielen das Thema vorläufig abschliesse. Danach geht’s erstmal wieder um Plot.

BY THE WAY, ich war ja hier immer dran, wie es im Moment kein besseres Storytelling gäbe als in guten TV-Serien, was auch nicht weiter verwunderlich ist, wenn sechs Leute allein mit dem Schreiben und Editieren eines Dialoges beschäftigt sind, aber eine Serie, die ich entdeckt habe, brummt tatsächlich auf Augenhöhe mit einer TV-Produktion: die Vertigo-Serie SCALPED von Jason Aaron, deren siebter Sammelband vor einiger Zeit erschienen ist. Ich glaube, dass sich Aaron viel von HBO et al abgeschaut hat, unter anderem das Prinzip „Präsentiere ein Arschloch als Held, und dann führe Charaktere ein, die den Held wie ein Unschuldslamm erscheinen lassen“, aber Storytelling, Inszenierung, Dialoge, Charaktere, alles bewegt sich auf einem sehr, sehr hohen Niveau. Es ist, als spiele THE SHIELD in einem verkommenden Indianerreservat. Die erste Ausgabe kann komplett online gelesen werden.

Be good, viele Grüße, Spong

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