Samstag, 7. Mai 2011

Dialogbeispiele: Geschlechterkampf

Die Tirade letzte Woche ging darum, wie guter Dialog mehrere Dinge gleichzeitig macht – wie zB Charakter darstellen UND die Handlung voran bringen, und ich erwähnte meine ruhmreiche Erfindung des Dialogfächers, der verdeutlichen sollte, wie eine Replik mehrere Schichten haben kann, wie

  • Charakter
  • Die Attitüde des Sprechers, seine Position zur Welt und zum Gegenüber
  • Ziele und Wünsche, die ausgesprochen oder unausgesprochen im Dialog mitschwingen

Diese Kategorien sind nicht immer von einander trennbar und laufen oft ineinander: Die Attitude des Sprechers hängt zB zu einem großen Maß von seinem Charakter ab.

Aber nun je, schauen wir mal in die Praxis und werfen einen erstmal Blick auf einen Dialog des genialen Sam Kieth. Diese Szene stammt aus der Geschichte BROADMINDED, (Broad=Frau), in der alles um Mannsein und Geschlechteridentität kreist. Die Hauptfigur, der Frauenversteher IRA, ist grade aus dem Knast entlassen worden, zu meiner Schande weiss ich nicht warum er saß. Aber er ist sanft wie ein Kaninchen, also wird es wohl entweder ein Unfall, ein Justizirrtum oder eine Nichtigkeit gewesen sein. In dieser Szene hat er mit seinem Bruder in einer Kneipe gewettet, dass er jede Frau mit seiner gewandten Redeweise rumkriegen kann. Er geht an die Theke und spricht ANNIE an. Mal sehen, wie er sich anstellt, und was im Dialog alles an Subtext mitschwimmt.

Enter IRA versus ANNIE, Geschlechterkampf im Dialog, Teil eins.

Hier die Dialogseite aus dem Comic im Original

IRA: Entschuldigung, ist dieser Platz [neben dir] frei?

Natürlich fragt der höfliche Ira erst mal um Erlaubnis.

ANNIE: Kommt drauf an. Bist du ein netter, sensibler Junge, der Freundschaft sucht, oder ein stumpfer WILDER, der nur jemanden zum FLACHLEGEN sucht?

Der Satz alleine sagt schon endlos viel über Annies Charakter aus. Sie ist offensichtlich selbstbewusst, humorvoll und nicht auf den Mund gefallen. Sie durchschaut die Kennenlern-Rituale des Geschlechterkampfes und spielt mit ihnen.

Ihre ATTITUDE ist wohlwollend, aber provokant und spielerisch. Sie findet IRA auf den ersten Blick nicht unsympathisch, sonst hätte sie sicher nicht gezögert, ihm abzubügeln.

Was ist nun ihr ZIEL? Was will sie kommunizieren?

Ihre Frage ist eine spielerische Herausforderung, eine Einladung zum verbalen Zweikampf . Sie knallt ihrem Gesprächspartner zwei Stereotypen zur Wahl vor den Latz.

Mal sehen was Ira kontert?

IRA: Beides, tatsächlich … öh, ich meine … welcher von den beiden bekäme denn den Platz?

IRA scheitert fast an der Herausforderung und kriegt so grade noch die Kurve, aber eine Sache wird deutlich: er nimmt eine passive Haltung an. Er kommuniziert letztlich nichts anderes als SAG MIR WIE ICH SEIN SOLL.

ANNIE: Smooth … hör zu, für einen „sensiblen Brutalo“ bist du nicht besonders helle. Aber ich mag dumme Männer. Wie heisst du?

IRA: Ira.

ANNIE. Annie. Setz dich.

Annie lenkt weiterhin das Gespräch, und sie sagt offen und direkt, was sie denkt. Es ist ihr egal, wie andere auf ihre Offenheit reagieren. Du bist ja nicht der Hellste, aber schon okay, ich mag dumme Männer. I like that in a guy. Sie sendet widersprüchliche Signale. Sie drückt ihm erst eine kleine Beleidigung – wer lässt sich schon sagen, dass er dumm ist – aber sagt dann sofort, dass sie ihn mag (bzw die Eigenschaft, dass er dumm ist). Sie spielt Katz und Maus mit dem armen Kerl. Und er ist die Maus.

IRA setzt sich - nachdem er jetzt die Erlaubnis erhalten hat - und das Dutzend Kondome, das er unter der Jacke versteckt hatte, kommt zum Vorschein. There go the condoms, flüstert er sich zu. Nicht besonders souverän, Ira.

ANNIE: Hast wohl noch einiges vor heute?

IRA: Äh, nein, ich meine, äh …

Tja, IRA, da schwimmste. IRA will nicht den Eindruck des herzlosen Aufreissers erwecken, also rudert er erstmal zurück. Aber andererseits, vielleicht findet sie die ja toll? Er will sagen, was sie hören will, aber er weiss nicht, was sie hören will. Also, baumelt er hilflos im Gespräch herum.

ANNIE: Nein? Ach, schade. Ich MAG das bei Typen, wenn sie wissen was sie wollen. Mein Ex war ein WASCHLAPPEN mit einem Schrottauto, der immer versuchte auf COOL zu machen … ich hoffe, du bist nicht so, wie …

Der Satz WATET in Subtext. Sie erwähnt ihren Ex-Freund, (den IRA in jeder Beziehung spiegelt) und stellt damit implizit in den Raum, dass sie Single ist, und sie hofft IRA ist anders. Plötzlich lässt sie Liebe und Sex vor seinen Augen baumeln wie eine Karotte.

Und jetzt weiss IRA, worauf ANNIE steht, und reagiert prompt. Er zeigt auf einen 56er Buik, der natürlich NICHT ihm gehört, und erwähnt nonchalant, dass er grade aus dem Knast kommt. Harter Bursche halt.

ANNIE reagiert erfreut und lehnt sich an ihn.

ANNIE: WOW! wofür hast du denn gesessen?

IRA: Hab einen rumgebracht. Mehrere, tatsächlich.

Er hat einen umgebracht. Und falls das nicht beeindruckend genug ist, legt er noch eine Schippe drauf. Mehrere. Kostet ja verbal dasselbe.

ANNIE: Kein Scheiss?

IRA: Ja, ich und mein Kumpel zieh’n so durchs Land und haun auffe Kacke. Ich geh mal besser.

Jetzt, wo Annie weiss, dass IRA ein gefährlicher Verbrecher ist, legt er sich noch schnell einen Slang zu, um vollends in seine Rolle zu schlüpfen. Aber er hat wohl auch Schiss bekommen, dass er die Rolle nicht lange durchhalten wird. Die Frau wird ihm zu stressig, und er weiss, dass er bei diesem Katz-und-Maus-Spiel verlieren wird. Also sucht er das Weite. Er hält bislang so grade noch mit in diesem Rededuell, aber er weiss, dass er keine zwei Sätze mehr überlebt, wenn er bleibt und/oder so weitermacht.

ANNIE: Warte mal, du sensibler Wilder.

ANNIE: Ich werde dir das Herz brechen, und du wirst mir dafür dankbar sein.

Und genau das wird sie im Laufe der Geschichte auch tun. Sie hat ihn von Anfang an durchschaut, und sie will ihm, auf seltsam wohlwollende Art, eine Lehre erteilen.

Dieser Dialog ist ein gutes Beispiel dafür, wie man eigentlich nur eine kraftvolle Figur hinstellen muss, und der Dialog tänzelt quasi von selbst. Hier kommt noch die Dynamik des Geschlechterkampfes hinzu, dass Sam Kieth zwei sehr gegensätzliche Figuren aufeinanderprallen lässt, Ira, der nicht weiß, was er sein soll und was er will, und Annie, die das sehr genau weiß. Und indem die klassische Rollenverteilung umgedreht wird, wird das Gespräch noch mal amüsanter.

THE WIRE: Donette und Stringer Bell

Noch ein Geschlechterkampf-Dialog, diesmal aus der genialen Serie THE WIRE. Der Kleingangster D’Angelo hat Verbrechen der ganzen Familie auf sich genommen, damit sein Boss schneller freikommt. In dieser Szene besucht der endlos SMOOTHE STRINGER BELL, die rechte Hand des Gansterbosses Avon Barksdale, D’Angelo’s Frau, um sie daran zu erinnern, dass sie ihren Mann öfter im Knast besuchen muss – damit er sich seiner Familie sicher sein kann.

Der Dialog ist ein Traum, dramaturgisch und in seiner Inszenierung, voller netter kleiner Details. Hier der Link zur kompletten Szene auf Youtube.

Stringer betritt also die Wohnung von DONETTE, die eine relativ oberflächliche Tussi ist. Während sie zur Anlage geht und ein bisschen Schmusepop auflegt, lässt er seinen Blick gleiten und fragt sich (laut) ob D’Angelo wohl weiss, was ihm entgeht.

Apropos, sagt Donette, und kommt mit einem nagelneuen Sweater, Preisschild ist noch dran, D’Angelo hat es einen Tag bevor er in den Knast kam gekauft. Willst du das nicht tragen, Stringer? WÄR DOCH SCHADE.

Also, DEN Subtext brauche ich wohl nicht zu erklären. Eine Frau fragt einen Mann, ob er nicht die Kleider ihres Typen tragen möchte.

Stringer legt den Pulli weg und liest Donette erstmal die Leviten. (Super, Stringer. Ein Zeichen echter Integrität. Du bist mein Idol, Stringer!) Man beachte dabei, dass Donette steht, und Stringer sitzt. Die Machtverhältnisse sind klar, Donette steht vor Stringer wie ein Schüler vor dem Schuldirektor. Man beachte auch die Körpersprache, Donette hat die Arme verschränkt, wie ein störrisches Kind, das sich nicht belehren lassen will.

Kümmer dich mal um deinen Mann, Donette, sagt Stringer. Wir bezahlen dir hier Klamotten und Bude – ist die Kohle okay?

„‚s alright.“, sagt Donette. „Ganz okay’“, die Kohle. Die Dame hat Ansprüche.

Nur OKAY, ja?

Na gut, sagt Donette. Die Kohle ist gut.

Na siehste, sagt Stringer. Und dafür musst du halt deinen Teil beitragen. Geh deinen Mann besuchen.

(Richtig so, Stringer! Weis diesem verantwortungslosen LUDER ihren Weg, Stringer!)

Dann wirft er noch mal einen Blick auf den Sweater, und legt ihn mit einem War ja klar-Blick wieder weg.

Ich bin XL, sagt er.

Und stellt sich vor Donette. Kein Zweifel, sagt Donette.

Und dann machen die rum. Eine unerwartete Wendung.

(Stringer, du SCHLAMPE!)

Ich meine, ich brauche ja nicht groß auszuformulieren, was er da gesagt hat. Mache ich aber trotzdem. Ich gehe zwar auf deine Anmache ein, sagt er, aber ich schlüpfe nicht in die Kleider / Rolle eines anderen Mannes. Ich bin MY OWN MAN, und ich bin eine Nummer größer als dein Typ.

Was ich hier sehr schön finde, ist die – zugegebenermaßen nicht sehr subtile – Nebenbei-Handlung, die dem Dialog noch zusätzlichen Subtext verleiht (das Klamottenangebot) und die Inszenierung der Bewegung der beiden Sprecher, die extrem viel über ihre Beziehung, Machtverhältnisse etc.aussagt. Wir hattens schonmal darüber - man kann einem Dialog eine zusätzliche Tiefe geben, wenn man die Leute handeln und sich bewegen lässt. In guten Serien sind die Dialoge fein orchestriert, wie in einem Theaterstück, und ich bin weiterhin der Meinung, Comiczeichner können viel davon lernen :--) Es ist, nach meinem Wissen, das beste Storytelling, das zur Zeit passiert.

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