Samstag, 23. April 2011

Talk is a battlefield

Die vier Kommunikationebenen als Geschmacksverstärker für Gespräche
Wir hattens ja schon öfter von den Kommunikationstheorien und den verschiedenen Ebenen der Kommunikation von Schulz von Thun. Heute möchte ich seine vier Ebenen des Kommunikation
  • Was wir sagen
  • Was wir damit erreichen wollen
  • Was wir über uns aussagen
  • Was wir über das Gegenüber aussagen
als Ausgangspunkt nehmen, um zu schauen, wie man aus diesen vier Ebenen unterhaltsame Dialoge backen kann, weil die Kommunikation grandios schiefläuft, entgleist oder in dampfendem Ärger mündet.

Diese vier Schichten sind natürlich nur EIN möglicher Ansatz, und später geht es auch noch darum, wie die Backstory einen Dialog aufladen kann. Aber erstmal schaunwa uns diese vier Punkte an.

Die vier Schichten:

1. Ich mein ja nur: Die sachliche Ebene


Meint: eine Aussage wird getroffen, ohne dass irgendeine emotionale Färbung oder ein Subtext damit beabsichtigt wird.

Aber was ist, wenn wir eine sachliche Aussage machen wollen, unser Gegenüber diese Aussage aber emotional oder wertend auffasst? Wir waren ja schonmal da.

Aussage: Hey, dein Freund sieht ja echt gut aus
Antwort: UND ICH BIN HÄSSLICH ODER WAS?!

Oder ein anderes Beispiel: Zwei Brüder, ein Akademiker, und ein Handwerker. Der Handwerkerbruder ist eifersüchtig auf die Bildung seines Bruders, und daher schwelt sein Minderwertigkeitskomplex immer leise im Hintergrund, wenn die beiden reden. Angenommen, Handwerkerbruder hat sich einen SUV gekauft, und erzählt seinem Bruder davon.

Akademiker: Sind die nicht sehr teuer im Verbrauch?
Handwerker: MEINZE N HANDWERKER KANN SICH SOWAS NICH LEISTEN ODER WAS.

Es macht großen Spass, Dialoge zu orchestrieren, wenn man einfach nur eine Aussage voranschickt, die aber vom Gegenüber als Wertung aufgefasst wird. Das Gegenüber kontert dann vielleicht mit einer gespickten emotionalen Antwort, und von da aus kann man sich mit einer Tüte Popcorn zurücklehen und zuschauen, wie das Gespräch eskaliert. Passiert jeden Tag, überall, und oft aus einer kleinen Nichtigkeit heraus. Wir alle tragen wunde Punkte mit uns rum, und beziehen alles, was gesagt wird, darauf. Jemand spricht übers Wetter, aber wir wissen ganz genau: Eigentlich will er damit sagen dass wir zu DICK sind ....


2. Was willst du eigentlich von mir: Was wir mit dem Gesagten erreichen wollen

Schulz von Thun nennt diese Schicht "Appell". Der Begriff ist etwas irreführend. Wenn man sich von der Theorie freimacht und die Ebene freier interpretiert, meint Schulz von Thun sowas wie: was will ich mit dem Satz erreichen?

Erstmal ist es generell sehr spassig, mitzuerleben, wie jemand etwas sagt, um damit ein unausgesprochenes Ziel zu erreichen. Wir sind umgeben von Menschen, die versuchen, uns und andere zu manipulieren. Wenn man dafür sensibilisiert ist, sieht man die Fäden, an denen diese Menschen ziehen. Schmeichelei. Schlechtmacherei anderer. Vergleiche mit anderen, die mehr "geleistet" haben. Also, die Vanessa erwartet jetzt schon ihr ZWEITES KIND. Shakespeares Dialoge sind voll von Manipulationsmechanismen. Natürlich musst du die alle umbringen. Jemand wie du hat den Thron VERDIENT.

Stromberg ist ein wunderbares Beispiel für jemand, der versucht, andere zu manipulieren, und dabei ständig gegen die Wand läuft. Das wirklich amüsante dabei ist, dass diese Leute überall rumlaufen ...

Aber was ist, wenn diese versuchte Manipulation komplett nach hinten losgeht? Francine Prose berichtet von einem Gespräch zwischen einer Frau, und einem Typ, mit dem sie flirten will. Sie erzählt von einem Traum, in dem sie ein erotisches Negligé trägt und ein Lied von Barbara Streisand singt. Sie versucht die ganze Zeit, ihren Begleiter dazu zu bringen, sie sich im Negligé vorzustellen, während ebenjener Begleiter immer nur nach dem Streisand-Lied fragt, weil er offensichtlich schwul ist, was seinem Gegenüber wohl bislang entgangen war.

Stellt euch vor, ein Typ trifft eine Frau auf, keine Ahnung, einer Comicconvention. Er will rauskriegen, ob sie einen Freund hat, kann sie aber nicht direkt danach fragen. Also verklausuliert er seine Fragen immer wer weiss wie, und sie fasst die Fragen komplett anders auf, und der Typ kriegt NIE die Antwort, die er gerne hätte.

3, Who am I kidding, oder Was sage ich über mich selbst?


Aussagen von Personen über sich selbst, ausdrücklich oder implizit, sind vor allem dann sehr amüsant, wenn sie sich für weitaus wichtiger, toller, schöner, schlauer halten als sie sind. Oder wenn sie, ganz offensichtlich, etwas zu beweisen haben. Fast jede Aussage eines Menschen über sich selbst kocht und brodelt vor Subtext.

Ich bin son'n Typ, wenn ich was mache, mache ichs RICHTIG
.

Wir Künstler haben ne ganz andere Sensibilität für die Welt und die Menschen. Jedes Erleben trifft uns mit einer großen Wucht direkt ins Herz, wie ein Schlag in eine offene Wunde. Das ist nicht immer einfach.

Manchmal wünschte ich, ich wäre nicht so intelligent. Weisst, du, so wie die dumme Masse. Dann wäre vieles einfacher.

Der erfreuliche Film Waiting for Guffman handelt von einem epochal unbedeutenden NEST irgendwo in der Pampa der USA.Der Ort feiert sein 150-jähriges Bestehen, und die Bewohner des Nestes "Blaine" schreiben ein Musical über die Geschichte ihres Ortes. Der ganze Film bekommt seine schmerzhafte Witzigkeit durch die unglaubliche Ernsthaftigkeit, mit der sich der ganze Ort auf die 150-Jahrfeier vorbereitet. Einer der Bewohner ist eine Ur-Ur-Ur-Urenkelin des Gründungsvaters des Ortes. "Es ist nicht immer einfach, eine Blaine zu sein, " sinniert sie, "ich weiss, wie sich die Kennedys fühlen."

Who am I kidding - Implizit


Was ist mit den zwei dicklichen, entsetzlich gekleideten verwahrlosten NERDS in der Kneipe, die alle Frauen im Laden auf einer Skala von eins bis zehn bewerten? Es gibt einen ähnlichen Charakter in AUSGETRICKST / TRICKED von Alex Robinson, der wirklich nicht besonders ansehnlich ist, und ein entsetzlicher Nerd, der die Strasse entlang geht, und alle Frauen danach bewertet, ob er mit ihnen schlafen würde oder nicht. Man WINDET sich vor Fremdscham, wenn man diese Passage liest.

Ich traf vor einigen Monaten zufällig auf der Strasse einen Bekannten, den ich vom Sehen aus der Disko kannte. Ich fragte wo er grade herkam, und er sagte, von einem Montageauftrag, aber EIGENTLICH sei er ja Clown und Kinderbuchautor. Ich verbrachte danach zwanzig Minuten in Gesprächsgeiselhaft, während er alles tat, um mir zu beweisen, dass er diesen BLAUMANN wirklich nur HEUTE trug. Eigentlich bin ich Clown.

Ein Comicgespräch, dass mich immer wieder amüsiert, hat meine liebe Freundin Sarah Burrini erlebt, die grade neben Veronika Mischitz ("Kleiner Vogel Rot") und Christopher Tauber saß, als ein für seine epochale Ernsthaftigkeit bekannter Hamburger Comiczeichner an den Stand trat und im "Vogel" blätterte.

Christopher: Gutes Buch! Könnte dir gefallen.
Hamburger: Ich habe schonmal reingeguckt. Ich bin nicht ganz sicher, ob es mich überzeugt.
Christopher: Naja, das ist ja zum Glück Geschmacksache.
Hamburger: Kunst ist nie Geschmacksache.

Großartig.

4. Was sage ich über dich?


Was sage ich über den anderen: Aussagen über den Gesprächspartner, sein Geschlecht, seine soziale oder ethnische oder sonstwie geartete Zugehörigkeit. Oder eine spezielle Attitüde der Gruppe oder dem Geschlecht des Gesprächspartners gegenüber.

OJ, hier gehts ab. Wenn das Gespräch langweilig zu werden droht, schnell eine Aussage über das Gegenüber machen, und dann einfach sehen, was passiert. Wer hört schon gerne, wie ein andere über ihn urteilt? Ach, ihr Frauen versteht das nie.

Meine Tante heiratete vor vielen Jahren einen netten jungen Mann aus dem Senegal. Die beiden hatten einen Sohn, und als es Unruhen in Afrika gab, zog meine Tante mit ihren damals zwölfjährigen Sohn zu uns aufs Ländle. Ich war damals 16, und im kompletten Soul- und RnB-Fieber. Und so versuchte ich, meinen armen Vetter immer wieder darauf anszusprechen, wie das denn so sei als Schwarzer, mit diesem inneren Groove und diesem natürlichen Verständnis für Rhythmus und Musik? Der arme Kerl wollte nur Comics lesen und programmieren. Und ich sprach ihn immer wieder auf seinen Groove an. Ich wünschte, ich hätte eine bessere Erinnerung daran, das Gespräch wäre sicher ein genialer Sketch geworden.

Einer meiner liebsten Dialogeszenen aus den Sopranos, eine Szene, die ich nie müde werde zu erwähnen, ist die Begegnung des Mafioso Pauli mit dem Russen Valerij. Die Drehbuchschreiber lassen im Vorfeld keinen Zweifel daran, dass Pauli Russen verachtet, und als er dann das Gefühl hat, der Russe wolle ihn RUMKOMMANDIEREN, tut er etwas, was die ganze Situation heillos entgleisen lässt. Ich komme die Tage nochmal drauf zu sprechen, wenn ich ein Best-of meiner liebsten YOUTUBE-Dialoge poste.

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