Sonntag, 3. April 2011

Erzähl doch mal von dir! - Fragen an die Figur.

Phantasie ist eine komische Sache. Bei vielen Dingen die wir uns "ausdenken", habe ich ft das Gefühl, sie sind schon da. Wir erschaffen sie nicht, wir entdecken sie. Zum Beispiel die Figuren unserer Geschichten. Es kommt immer wieder vor, dass eine Figur, komplett ausformuliert, aus unseren Köpfen spaziert, und wir wissen alles über sie.

Bei anderen Figuren brauchen wir mehr Zeit, um dahinter zu kommen, wie der Character tickt, was ihn antreibt, was er im Leben sucht. Aber auch da ist es am einfachsten, man fragt die Figur einfach selber. Und dabei kann der Fragenkatalog weiter unten Hilfe leisten. Wenn der Charakter der Figur nicht genug ausgestaltet ist, hat man einfach nicht genug gefragt.

Alan Moore berichtet in seinem Essay "'Writing für Comics" davon, dass es bei den Superheldenverlagen lange üblich war, einer Figur genau fünf - nicht mehr und nicht weniger - Eigenschaften zuzuordnen. Vielleicht so: heldenhaft- intelligent - stark - humorvoll - gutaussehend. Oder:hinterlistig- egoistisch - geldgierig - fett - clever. In diesen Geschichten nahmen die Charaktere feste Rollen ein (Bösewicht, Opfer, Held, Sidekick), und ein Instrumentarium von fünf Charaktereigenschaften reichte völlig. Tatsächlich ist es erstaunlich, wie realistisch und greifbar manche Figuren auf dieser Basis geraten sind.

In neueren Geschichten in der Literatur, im TV, Kino und im Comics werden diese Rollen aufgehoben. Und für mein Empfinden gibt es kaum etwas wundervolleres als einen komplett ausformulierten, facettenreichen Charakter. Und in den Geschichten wird es nicht darum gehen, wer das Gute und das Böse repräsentiert; Person X will das eine, Person Y will das andere. Beides ist "richtig" und gerechtfertigt in der Logik der Person. Nur crashen die Bedürfnisse und Wünsche dieser beiden Figuren kolossal, wenn sie aufeinandertreffen. Und wir haben eine unterhaltsame Story, die uns einen tiefen Einblick in das Ticken der Menschen gibt.

Annäherungen an Charaktere: Zwei Konzepte.

Charakter von aussen nach innen.

Die äussere Schicht: Wie sieht die Figur aus? Wie kleidet sie sich? Wie sieht ihre Wohnung aus? Wie sind ihre Lebensumstände? Ihre Rituale?

Alles hängt mit allem zusammen, und die äussere Gestalt eines Menschen, seine Art sich zu kleiden und zu geben, sagt bereits enorm viel über ihn aus. Unser Charakter manifestiert sich in jeder unserer Handlungen. Wenn wir erfahren, dass eine Person jeden Morgen genau drei Minuten lang seine Zähne putzt und 28 Paar exakt gleiche Socken hat, sagt uns das bereits SEHR viel über die Person. Frühstückt sie Lachsschaumcreme auf Avodcadoherzen in der Badewanne? einen Latte Macchiato im Stehen in der Bahn? Wie sieht die Wohnung aus? Die Bilder an der Wand? Das Bett?

Meinungen (Frau X ist nett / doof) sagen eine Menge aus, sind aber veränderlich. Weniger veränderlich sind die Ansichten, die auf gefestigten oder zumindest fest geglaubten Fakten beruhen: Was denkt die Person über das andere Geschlecht? Über Erfolg? Geld?

Noch tiefer im Eingemachten verankert sind die Glaubensgrundsätze und Überzeugungen: Alle Männer sind ..... Die Menschen lieben mich nur, wenn ich ... Wie sehr wertschätzt die Figur sich selbst? Andere Menschen? Was sind ihre Vorstellungen von gut und böse? Wie ist ihre Sicht der Welt?

Interviewer: Sind Sie Pessimist oder Optimist?

Woody Allen: Ich bin Realist.

Interviewer: Ich meine, würden Sie sagen, das Glas ist halbvoll oder halbleer?

Woody Allen: Ich würde sagen, das Glas ist leer.

Charakter in 3D: ein Fragenkatalog

Hier ein kleiner Work-In-Progress-Fragenkatalog. Wenn man alle diese Fragen für seine Figur beantwortet hat, kennt man sie bereits ein gutes Stück besser. Vielleicht inspiriert es auch andere, ihre eigenen Fragenkataloge zu schreiben.

Oft ist von einer "dreidimensionalen" Figur die Rede. Was liegt daher näher, als zu erforschen, was über, unter, vor, hinter und rechts und links von der Figur liegt?

Über ihm

Worauf schaut er auf? Was sind seine Ideale? Was sind seine Werte? Was sind Attribute, Eigenschaften, Umstände, die er bewundert und für erstrebenswert hält? Was inspiriert ihn? Was sind seine guten Eigenschaften?

Das Damoklesschwert seines Charakters: Was hindert ihn daran, glücklich zu sein? - welche "falschen" Verhaltensweisen, Denkweisen und Wertmaßstäbe müsste er überwinden, um ein größeres Bewusstsein zu erlangen und ein glücklicheres Leben zu führen?

Was hält die Figur von sich selber? Wie genau oder verzerrt ist ihre Selbstwahrnehmung? Findet sie sich toller als sie ist? Übler, als sie ist? Wie viele ihrer Gedanken kreisen um sich selbst? Ist sie kokett? Narzistisch? Überschätzt die Figur sich selbst und ihre Qualitäten? Hat die Figur das Gefühl, ihr steht mehr zu, als sie hat? Oder ist sie zufrieden? Hat sie einen Minderwertigkeitskomplex?

Unter ihm

Was ist seine größte Angst? Was wäre das schlimmste, was ihm passieren könnte?

Was verachtet und verabscheut er am meisten auf der Welt? Welche Eigenschaften? Umstände? Lebensweisen?

Welche seiner eigenen Persönlichkeitsanteile oder Charaktereigenschaften verachtet und verabscheut er am meisten an sich? Was sind seine schlechten Eigenschaften? Was sind seine "Abgründe"? Gibt es etwas, wovor er fliehen oder sich verstecken will? Oder sollte? Ist er in der Lage, seine Fehler zu sehen, und an ihnen zu arbeiten?

Neben ihm

Eine wichtige Frage: wie wichtig ist ihm die Meinung oder Bestätigung anderer? Wieviel von dem, was er tut und sagt, tut er, um anderen zu gefallen? Wie abhängig ist er davon, was andere von ihm denken?

Bemüht er sich, ein Mensch zu sein, den alle mögen?

Oder ist er unabhängig vom Urteil anderer? Autonom, mit seinem eigenen Werten? Egoistisch, mit dem Blick nur auf seinen Vorteil? Spielt er gut im Team? Ist er ein Einzelkämpfer?

Welche Meinung hat er von der Gattung Mensch? Denkt er, Hopfen und Malz seien eh schon verloren? Hält er die Menschheit noch für rett- und belehrbar? Geht er auf die Menschen zu, oder meidet er sie?

Wer sind seine Freunde? Partner? Soul Mates? Welche Partner sucht er sich? Beruflich? In einer Beziehung? Will er im Team spielen, anführen, sich unterordnen und Verantwortung abgeben? Will er seine Partner leiten? Belehren? Unterstützen? Will er ihre Wünsche erfüllen, um Bestätigung zu bekommen?

Welche Eigenschaften schätzen und bewundern andere an ihm? Welche Eigenschaften belächeln andere an ihm? Welche seiner Eigenschaften wirken auf andere nervig, irritieren, negativ, abstoßend?

Hinter ihm

Wie war seine Kindheit? Wie waren seine Eltern? Hat ihre Beziehung stark in seine Persönlichkeit eingegriffen? Hat diese Manipulation die Figur verändert? Ihre Maßstäbe für „Erfolg“ im Leben geprägt? Wie musste sich die Figur verhalten, um Bestätigung ihrer Eltern zu erlangen? Hat sie das getan? Hat sie sich verweigert? Hat sie sich gegen ihre Eltern gestellt, weil die sich ungerecht oder gewalttätig verhalten haben? Hat die Figur sich ihren Eltern entzogen und sich quasi selbst erzogen?

Wie ist das Verhältnis der Figur zu ihren Eltern heute? Ist der Figur die Bestätigung ihrer Eltern oder Mentoren immer noch wichtig? Sind es immer noch Eltern oder Freunde? Menschen, deren Rat man sucht und schätzt? Oder die Figur sich andere Vaterfiguren gesucht?

Wie waren die Umstände in Bezug auf Bildung? In Bezug auf Geld? Wie war das soziale Umfeld? Wie sehr hat es die Figur geprägt? Hatte die Figur Geschwister? Welche Bedeutung spielten und spielen diese in ihrem Leben?

Vor ihm

Wie begegnet die Figur der Welt? Freudig und extovertiert? Ängstlich und introvertiert? Ablehnend? Was hält die Figur von der Welt? Will sie sie verändern?

Sieht die Figur der Zukunft freudig entgegen oder ängstlich? Ist sie gespannt auf die Möglichkeiten oder verängstigt durch die Gefahren von Veränderungen und Altern? Mit welchem Blick begegnet die Figur der Zukunft? Herausfordernd? Bedacht? Mutig? Mit gesenktem Blick?

Schreitet die Figur voran, der Zukunft entgegen, oder bleibt sie stehen? ? Ist sein Blick nach vorne gerichtet auf die Zeiten, die kommen? Oder in die Vergangenheit gerichtet, wo alles viel besser oder sicherer war? Wie steht die Figur zu Veränderungen? Braucht sie Veränderung, um sich nicht zu langweilen? Oder hat sie sich in der Gegenwart – oder einer Vergangeheit - eingerichtet und möchte, dass alles so bleibt wie es ist? Oder das alles wieder so wird, wie es mal war? Ist der Charakter progressiv? Konservativ? Reaktionär?

Was wünscht sie die Figur von der Zukunft? Arbeitet sie selbst daran, dass ihre Wünsche in Erfüllung gehen? Lebt sie ihr Leben aktiv? Entwickelt sie sich? Sucht sie neue Wege, Herausforderungen?

Oder hat sie das Gefühl, keine Macht oder Kontrolle über ihr Leben zu haben? Ängstigt sie das Leben? Ist sie haltlos? Möchte sie die Kontrolle über ihr Leben einem anderen Menschen übertragen? Will sie anderen den Weg zeigen? Will sie Teil einer Gemeinschaft sein, die einen Weg ebnet? Möchte sie jemandem folgen, der ihr den Weg weist?

Wie belehrbar ist die Figur? Wie sehr ist sie davon überzeugt, dass ihre Meinungen und Überzeugungen die richtigen sind?

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