Samstag, 23. April 2011

Talk is a battlefield

Die vier Kommunikationebenen als Geschmacksverstärker für Gespräche
Wir hattens ja schon öfter von den Kommunikationstheorien und den verschiedenen Ebenen der Kommunikation von Schulz von Thun. Heute möchte ich seine vier Ebenen des Kommunikation
  • Was wir sagen
  • Was wir damit erreichen wollen
  • Was wir über uns aussagen
  • Was wir über das Gegenüber aussagen
als Ausgangspunkt nehmen, um zu schauen, wie man aus diesen vier Ebenen unterhaltsame Dialoge backen kann, weil die Kommunikation grandios schiefläuft, entgleist oder in dampfendem Ärger mündet.

Diese vier Schichten sind natürlich nur EIN möglicher Ansatz, und später geht es auch noch darum, wie die Backstory einen Dialog aufladen kann. Aber erstmal schaunwa uns diese vier Punkte an.

Die vier Schichten:

1. Ich mein ja nur: Die sachliche Ebene


Meint: eine Aussage wird getroffen, ohne dass irgendeine emotionale Färbung oder ein Subtext damit beabsichtigt wird.

Aber was ist, wenn wir eine sachliche Aussage machen wollen, unser Gegenüber diese Aussage aber emotional oder wertend auffasst? Wir waren ja schonmal da.

Aussage: Hey, dein Freund sieht ja echt gut aus
Antwort: UND ICH BIN HÄSSLICH ODER WAS?!

Oder ein anderes Beispiel: Zwei Brüder, ein Akademiker, und ein Handwerker. Der Handwerkerbruder ist eifersüchtig auf die Bildung seines Bruders, und daher schwelt sein Minderwertigkeitskomplex immer leise im Hintergrund, wenn die beiden reden. Angenommen, Handwerkerbruder hat sich einen SUV gekauft, und erzählt seinem Bruder davon.

Akademiker: Sind die nicht sehr teuer im Verbrauch?
Handwerker: MEINZE N HANDWERKER KANN SICH SOWAS NICH LEISTEN ODER WAS.

Es macht großen Spass, Dialoge zu orchestrieren, wenn man einfach nur eine Aussage voranschickt, die aber vom Gegenüber als Wertung aufgefasst wird. Das Gegenüber kontert dann vielleicht mit einer gespickten emotionalen Antwort, und von da aus kann man sich mit einer Tüte Popcorn zurücklehen und zuschauen, wie das Gespräch eskaliert. Passiert jeden Tag, überall, und oft aus einer kleinen Nichtigkeit heraus. Wir alle tragen wunde Punkte mit uns rum, und beziehen alles, was gesagt wird, darauf. Jemand spricht übers Wetter, aber wir wissen ganz genau: Eigentlich will er damit sagen dass wir zu DICK sind ....


2. Was willst du eigentlich von mir: Was wir mit dem Gesagten erreichen wollen

Schulz von Thun nennt diese Schicht "Appell". Der Begriff ist etwas irreführend. Wenn man sich von der Theorie freimacht und die Ebene freier interpretiert, meint Schulz von Thun sowas wie: was will ich mit dem Satz erreichen?

Erstmal ist es generell sehr spassig, mitzuerleben, wie jemand etwas sagt, um damit ein unausgesprochenes Ziel zu erreichen. Wir sind umgeben von Menschen, die versuchen, uns und andere zu manipulieren. Wenn man dafür sensibilisiert ist, sieht man die Fäden, an denen diese Menschen ziehen. Schmeichelei. Schlechtmacherei anderer. Vergleiche mit anderen, die mehr "geleistet" haben. Also, die Vanessa erwartet jetzt schon ihr ZWEITES KIND. Shakespeares Dialoge sind voll von Manipulationsmechanismen. Natürlich musst du die alle umbringen. Jemand wie du hat den Thron VERDIENT.

Stromberg ist ein wunderbares Beispiel für jemand, der versucht, andere zu manipulieren, und dabei ständig gegen die Wand läuft. Das wirklich amüsante dabei ist, dass diese Leute überall rumlaufen ...

Aber was ist, wenn diese versuchte Manipulation komplett nach hinten losgeht? Francine Prose berichtet von einem Gespräch zwischen einer Frau, und einem Typ, mit dem sie flirten will. Sie erzählt von einem Traum, in dem sie ein erotisches Negligé trägt und ein Lied von Barbara Streisand singt. Sie versucht die ganze Zeit, ihren Begleiter dazu zu bringen, sie sich im Negligé vorzustellen, während ebenjener Begleiter immer nur nach dem Streisand-Lied fragt, weil er offensichtlich schwul ist, was seinem Gegenüber wohl bislang entgangen war.

Stellt euch vor, ein Typ trifft eine Frau auf, keine Ahnung, einer Comicconvention. Er will rauskriegen, ob sie einen Freund hat, kann sie aber nicht direkt danach fragen. Also verklausuliert er seine Fragen immer wer weiss wie, und sie fasst die Fragen komplett anders auf, und der Typ kriegt NIE die Antwort, die er gerne hätte.

3, Who am I kidding, oder Was sage ich über mich selbst?


Aussagen von Personen über sich selbst, ausdrücklich oder implizit, sind vor allem dann sehr amüsant, wenn sie sich für weitaus wichtiger, toller, schöner, schlauer halten als sie sind. Oder wenn sie, ganz offensichtlich, etwas zu beweisen haben. Fast jede Aussage eines Menschen über sich selbst kocht und brodelt vor Subtext.

Ich bin son'n Typ, wenn ich was mache, mache ichs RICHTIG
.

Wir Künstler haben ne ganz andere Sensibilität für die Welt und die Menschen. Jedes Erleben trifft uns mit einer großen Wucht direkt ins Herz, wie ein Schlag in eine offene Wunde. Das ist nicht immer einfach.

Manchmal wünschte ich, ich wäre nicht so intelligent. Weisst, du, so wie die dumme Masse. Dann wäre vieles einfacher.

Der erfreuliche Film Waiting for Guffman handelt von einem epochal unbedeutenden NEST irgendwo in der Pampa der USA.Der Ort feiert sein 150-jähriges Bestehen, und die Bewohner des Nestes "Blaine" schreiben ein Musical über die Geschichte ihres Ortes. Der ganze Film bekommt seine schmerzhafte Witzigkeit durch die unglaubliche Ernsthaftigkeit, mit der sich der ganze Ort auf die 150-Jahrfeier vorbereitet. Einer der Bewohner ist eine Ur-Ur-Ur-Urenkelin des Gründungsvaters des Ortes. "Es ist nicht immer einfach, eine Blaine zu sein, " sinniert sie, "ich weiss, wie sich die Kennedys fühlen."

Who am I kidding - Implizit


Was ist mit den zwei dicklichen, entsetzlich gekleideten verwahrlosten NERDS in der Kneipe, die alle Frauen im Laden auf einer Skala von eins bis zehn bewerten? Es gibt einen ähnlichen Charakter in AUSGETRICKST / TRICKED von Alex Robinson, der wirklich nicht besonders ansehnlich ist, und ein entsetzlicher Nerd, der die Strasse entlang geht, und alle Frauen danach bewertet, ob er mit ihnen schlafen würde oder nicht. Man WINDET sich vor Fremdscham, wenn man diese Passage liest.

Ich traf vor einigen Monaten zufällig auf der Strasse einen Bekannten, den ich vom Sehen aus der Disko kannte. Ich fragte wo er grade herkam, und er sagte, von einem Montageauftrag, aber EIGENTLICH sei er ja Clown und Kinderbuchautor. Ich verbrachte danach zwanzig Minuten in Gesprächsgeiselhaft, während er alles tat, um mir zu beweisen, dass er diesen BLAUMANN wirklich nur HEUTE trug. Eigentlich bin ich Clown.

Ein Comicgespräch, dass mich immer wieder amüsiert, hat meine liebe Freundin Sarah Burrini erlebt, die grade neben Veronika Mischitz ("Kleiner Vogel Rot") und Christopher Tauber saß, als ein für seine epochale Ernsthaftigkeit bekannter Hamburger Comiczeichner an den Stand trat und im "Vogel" blätterte.

Christopher: Gutes Buch! Könnte dir gefallen.
Hamburger: Ich habe schonmal reingeguckt. Ich bin nicht ganz sicher, ob es mich überzeugt.
Christopher: Naja, das ist ja zum Glück Geschmacksache.
Hamburger: Kunst ist nie Geschmacksache.

Großartig.

4. Was sage ich über dich?


Was sage ich über den anderen: Aussagen über den Gesprächspartner, sein Geschlecht, seine soziale oder ethnische oder sonstwie geartete Zugehörigkeit. Oder eine spezielle Attitüde der Gruppe oder dem Geschlecht des Gesprächspartners gegenüber.

OJ, hier gehts ab. Wenn das Gespräch langweilig zu werden droht, schnell eine Aussage über das Gegenüber machen, und dann einfach sehen, was passiert. Wer hört schon gerne, wie ein andere über ihn urteilt? Ach, ihr Frauen versteht das nie.

Meine Tante heiratete vor vielen Jahren einen netten jungen Mann aus dem Senegal. Die beiden hatten einen Sohn, und als es Unruhen in Afrika gab, zog meine Tante mit ihren damals zwölfjährigen Sohn zu uns aufs Ländle. Ich war damals 16, und im kompletten Soul- und RnB-Fieber. Und so versuchte ich, meinen armen Vetter immer wieder darauf anszusprechen, wie das denn so sei als Schwarzer, mit diesem inneren Groove und diesem natürlichen Verständnis für Rhythmus und Musik? Der arme Kerl wollte nur Comics lesen und programmieren. Und ich sprach ihn immer wieder auf seinen Groove an. Ich wünschte, ich hätte eine bessere Erinnerung daran, das Gespräch wäre sicher ein genialer Sketch geworden.

Einer meiner liebsten Dialogeszenen aus den Sopranos, eine Szene, die ich nie müde werde zu erwähnen, ist die Begegnung des Mafioso Pauli mit dem Russen Valerij. Die Drehbuchschreiber lassen im Vorfeld keinen Zweifel daran, dass Pauli Russen verachtet, und als er dann das Gefühl hat, der Russe wolle ihn RUMKOMMANDIEREN, tut er etwas, was die ganze Situation heillos entgleisen lässt. Ich komme die Tage nochmal drauf zu sprechen, wenn ich ein Best-of meiner liebsten YOUTUBE-Dialoge poste.

Dienstag, 19. April 2011


Charakter und Figur: Ein (vorläufig) letzter Heuler

Dieser Text beendet die erste Runde zur Wichtigkeit von ausgeprägten Charakteren für Dialoge und Plots. Auf vielfachen vereinzelten Wunsch habe ich einige Comicbeispiele dazugepackt.

Charakter und Dialog

Vor einigen Wochen sprach ich mit einem jüngeren Comiczeichner, der sich beschwerte, dass seine Dialoge immer klischeehaft und unoriginell geraten. Es stellte sich heraus, dass die Charaktere seiner Geschichten noch überhaupt nicht ausgearbeitet waren, und daran lag es dann wohl auch, dass ihre Repliken so unterwürzt waren.

Stellt euch einen Rucksacktouristen vor.

Und jetzt stellt euch vor, der Rucksack beinhaltet nicht die übliche verschwitzte Unterwäsche und die zerdrückte braune Banane, die natürlich GANZ UNTEN LIEGT, sondern Charaktermerkmale. Die Backstory der Figur. Ihre Wünsche. Träume. Ziele. Ideale. Ihr Bild von der Welt und den Menschen.


Und dieser Rucksack ist, Steampunk Style, verbunden mit dem Schädel der Figur, und färbt seinen Blick auf die Welt, und alles was er sagt und tut. Frei nach Schulz von Thun sind Worte gefärbt durch ...
  • was, und auf welche Weise, geben wir von uns preis? Wie stellen wir uns selbst dar?
  • was wollen wir (wirklich) vom Gegenüber? Anerkennung? Akzeptanz? Dass sie uns mit nach hause nimmt und mit uns schläft?
  • welche Beziehung, persönlich oder hierarisch, haben wir zum Gesprächspartner, und wie drücken wir diese Beziehung aus?
Ein Beispiel aus der Alltagswelt: Ich gehe mittags in eine Kantine, und bin, humanistischer Gutmensch der ich bin, immer bemüht, dem Kantinenpersonal gegenüber höflich und zuvorkommend aufzutreten. Wenn ich also eine blutige Haxe bestelle, sage ich "Ich hätte gerne eine blutige Haxe, bitte. Mit Pürree, bitte". Wenn ich sie dann gereicht bekommen, lächle ich, weil ich mich freue zu bekommen was ich mir wünsche, und sage ein herzliches "Danke!".

Hinter mir steht oft die Brigade einer Gebäudereinigungsfirma, und die Mitarbeiter sehen aus, als hätten sie grade LACHEND ein Massengrab geschaufelt. Sie schauen den Koch an und sagen

"SchkrischHaxemitPommes"

... und die RESPEKTLOSIGKEIT, die sie dem Koch damit entgegenbringen, treibt einen Dolch direkt in mein sensibles Empathikerherz.

Wieso sind nur alle ausser mir so unhöflich: Strip meines lieben Kollegen AE.

Ein Beispiel für sehr unterhaltsames Reden aus dem Charakter heraus, aus der Welt des laufenden Bildes, ist die erfreuliche MIRANDA BAILEY aus Grey's Anatomy. Miranda "The Nazi" Bailey ist einer meiner liebsten ausdachten Menschen, und ein extrem gewissenhafter, fähiger, fleissiger Mensch. Wenn sie redet, gibt sie Anweisungen oder sagt ihren Assistenzärzte auf sehr sarkastische und direkte Weise, sie sollen


a. ihre Zeit nicht verschwenden und
b. die Klappe halten und endlich ihre verdammte Arbeit machen, Herrgottnochmal.

Stop waistn' ma TAHM: Miranda Bailey, Working class Hero

Ihr direkter Sarkasmus ist eine andauernde Quelle der Freude in GREY'S ANATOMY. Der folgende Youtube-Clip liefert ein Best of ihrer Momente, und mein Favourite kommt ab Minute 2:30, wo Meredith (und alle anderen Assistenzärzte) sie darum bittet, statt der üblichen Betreuerungsjobs doch mal bei einer OP dabeisein zu dürfen. Baileys Antwort geht dann in etwas ...

Das ist nicht euer Job. Wisst ihr was euer Job ist? Euren Vorgesetzen glücklich zu machen. SEHE ICH GLÜCKLICH AUS? NEIN. WARUM? Weil meine Assistenzärzte RUMJAMMERN.
Wisst ihr was mich GLÜCKLICH machen würde? Wenn meine Assistenzärzte einfach mal ihre ARBEIT erledigen würden! Niemand rührt hier ein Skalpell an, bis ich so glücklich bin wie Mary "§$% Poppins.

Ein kleines Best of Miranda Bailey auf Youtube

... und so weiter, und so fort. Einen Großteil des Humors der Serie kommt aus dem Charakter von Bailey, und der Art, wie sie sich verhält. Wie Kyle Baker mal sagte: Puns are not funny. Character is funny. Es gibt ähnliche Figuren bei HOUSE und SCRUBS, die ebenso für Humor sorgen.

A character to remember: "Nicole" von Peter Bagge

Peter Bagge ist für mich DER Maestro der Charaktergestaltung. Ich habe keine Ahnung, wie der Typ das macht, aber seine Figuren wirken extrem authentisch, komplex, real und lebendig. Bei BUDDY liegt es nahe, dass viele der Figuren reale Personen wiederspiegeln, aber auch und grade die Personen in SWEAT SHOP waren großartig, und es ist umso tragischer, dass die Serie nie fortgeführt wurd.

Ein Traum von einem SHOWCASE ist die Figur der Nicole aus BUDDY BITES THE BULLET.

Nicole, erzähl uns dochmal, wie du so drauf bist.
















Nicole ist immer überall befördert worden, weil sie "Disorganisation" nicht ertragen kann, und eine Verbesserung notfalls über den Kopf ihrer Vorgesetzten hinweg durchsetzt. Vor dem Date mit Buddy, erstellt sie eine Auswahlliste mit Restaurants, und für später noch eine Liste mit möglichen Filmen, inklusive Laufzeiten. Sie hat keine zehn Sätze gesagt, aber wir haben schon eine ziemlich gute Vorstellung von Nicole. Ordnungsfreak, Kontrollfreak, Perfektionistin.

Das folgenden Gespräch - und der Sex mit ihr - wird für Buddy zu einem grotesken Erlebnis. Die Musik muss nicht gut sein, sondern modern, der Sex wird zu einer emotionslosen Sportveranstaltung, bei der sie Buddy durchrüttelt wie ein Dampfhammer, ohne selbst auch nur einen Laut von sich zu geben. Nicole will nicht, dass man sie nackt sieht, duscht vorher und nachher und hat nicht viel Vergnügen am Sex, aber sie tut es offensichtlich, um an die guten Sachen ranzukommen: Nähe, Nestwärme, echte, einfache Zuneigung. Als sie Buddy nach dem Sex fragt, ob er über Nacht bleibt, und er verneint, fängt sie an zu weinen, wird danach sehr aggressiv und während sie sich anzieht, sagt sie Und du vergiss bloss nicht, mich morgen anzurufen, sonst hast du GEWALTIGEN Ärger am Hals. Buddy lässt den Kopf in die Hände sinken und denkt Gott, what have I gotten myself into?

What indeed, Buddy.

Charakter und Plot: The Death of Speedy

Ein sehr, sehr gutes Beispiel für einen Plot, der durch den Charakter einer Figur angetrieben wird, ist gleichzeitig einer der besten "realistischen" Comicstories überhaupt: THE DEATH OF SPEEDY, eine Sternstunde von Jamie Hernandez.

Eulalio "Speedy" Ortiz ist ein junger Mexican American in einem kleinen Nest in Kalifornien. Im Verlauf des Buches erfahren wir, woher Eulalio seinen Spitznamen hat, denn "it seems like all the boy ever does is run". In seinen Zwanzigern *rennt* Speedy vielleicht nicht mehr überall hin und rum, aber sein Charakter ist immer noch sehr impulsiv, und wenn er etwas will, dann will er es sofort. Er ist impulsiv, hat, wie ein kleines Kind, nur sein eigenes momentanes Bedürfnis im Auge, ist aufbrausend und unkontrolliert, und nimmt sich spontan, was er will, ohne sich über die Folgen seiner Handlungen Gedanken zu machen.

Und dieser Charakterzug ist es, der ihn, und einige seiner engsten Freund, wie in einer Sturzflut ins Unglück treibt.

SPOILER AHEAD: Bitte nur lesen, wenn du die Story kennst, oder auf keinen Fall vorhast, sie zu lesen.

Speedy liebt Maggie, aber er kann Maggie nicht haben. Also nimmt er sich das Maggie-ähnlichste, was er finden kann. Ihre Schwester Esther. Die allerdings hat einen entscheidenen Nachteil: Sie ist die Freundin von ROJO, dem Chef der befeindeten Gang aus dem Nachbardorf. Dairytown. Rojo will mit Speedy reden, aber der lässt nicht mit sich reden. Und tritt damit eine neue Eskalation im Bandenkrieg zwischen den Dörfern Dairytown und Hoppers los.



Und als auch Esther mal nicht sofort zur Verfügung steht, schläft Speedy mit Blanka, um sich zu "rächen". Blanka nun ist davon überzeugt, dass Speedy sie liebt und ihr fester Freund ist. Und auch sie kriegt mit, dass da eine Chascarillo an Speedy interessiert ist. Aus ihrem Blickwinkel versucht da ein fremdes Mädchen, sich an IHREN Freund ranzumachen. Sie trommelt ein paar Freundinnen zusammen und bedroht Esther. Maggie stellt sich schützend vor sie und wird verdroschen.

Auf dem Weg nach Hause begegnen Maggie und Esther ein paar ihrer Freundinnen, die fragen, wer Maggie Nase blutig geschlagen hat. Maggie will es nicht verraten, aber Esther, die ebenso töricht, impulsiv und gedankenlos ist wie Speedy, gibt Blanka preis.

Unterdessen ist die Gang von Dairytown in Hoppers unterwegs, um Speedy einen Denkzettel zu verpassen. Tito, ein Freund Speedys, gibt sich als Speedy aus, um endlich zu erfahren, weshalb alle Welt Speedy sucht, und wird ins Gesicht geschossen.

Er wird ein Auge verlieren.

Maggie erfährt von dem Unglück, das Tito wiederfahren ist, und eilt ins Krankenhaus, um zu erfahren, wie es um ihn steht.

Während sie wartet, sieht sie, wie Blanka in einer Bahre ins Krankenhaus getragen wird.

Ihr wurde so zugesetzt, dass sie künstlich beatmet werden muss.

Am Ende der Geschichte sieht Speedy den riesigen Scherbenhaufen, den er verursacht hat. Er halt allen Menschen, die er liebt, nur Leid zugefügt. Und er weiss nur einen Weg, um mit dieser Erkenntnis umzugehen.

Ich hoffe, ich konnte rüberbringen, was ausgeprägte Charaktere für eine Story bringen können. Tatsächlich kann ich mir eine Story, in der Figuren ohne Eigenschaften auftreten, nur sehr schwer vorstellen.

Sonntag, 3. April 2011

Erzähl doch mal von dir! - Fragen an die Figur.

Phantasie ist eine komische Sache. Bei vielen Dingen die wir uns "ausdenken", habe ich ft das Gefühl, sie sind schon da. Wir erschaffen sie nicht, wir entdecken sie. Zum Beispiel die Figuren unserer Geschichten. Es kommt immer wieder vor, dass eine Figur, komplett ausformuliert, aus unseren Köpfen spaziert, und wir wissen alles über sie.

Bei anderen Figuren brauchen wir mehr Zeit, um dahinter zu kommen, wie der Character tickt, was ihn antreibt, was er im Leben sucht. Aber auch da ist es am einfachsten, man fragt die Figur einfach selber. Und dabei kann der Fragenkatalog weiter unten Hilfe leisten. Wenn der Charakter der Figur nicht genug ausgestaltet ist, hat man einfach nicht genug gefragt.

Alan Moore berichtet in seinem Essay "'Writing für Comics" davon, dass es bei den Superheldenverlagen lange üblich war, einer Figur genau fünf - nicht mehr und nicht weniger - Eigenschaften zuzuordnen. Vielleicht so: heldenhaft- intelligent - stark - humorvoll - gutaussehend. Oder:hinterlistig- egoistisch - geldgierig - fett - clever. In diesen Geschichten nahmen die Charaktere feste Rollen ein (Bösewicht, Opfer, Held, Sidekick), und ein Instrumentarium von fünf Charaktereigenschaften reichte völlig. Tatsächlich ist es erstaunlich, wie realistisch und greifbar manche Figuren auf dieser Basis geraten sind.

In neueren Geschichten in der Literatur, im TV, Kino und im Comics werden diese Rollen aufgehoben. Und für mein Empfinden gibt es kaum etwas wundervolleres als einen komplett ausformulierten, facettenreichen Charakter. Und in den Geschichten wird es nicht darum gehen, wer das Gute und das Böse repräsentiert; Person X will das eine, Person Y will das andere. Beides ist "richtig" und gerechtfertigt in der Logik der Person. Nur crashen die Bedürfnisse und Wünsche dieser beiden Figuren kolossal, wenn sie aufeinandertreffen. Und wir haben eine unterhaltsame Story, die uns einen tiefen Einblick in das Ticken der Menschen gibt.

Annäherungen an Charaktere: Zwei Konzepte.

Charakter von aussen nach innen.

Die äussere Schicht: Wie sieht die Figur aus? Wie kleidet sie sich? Wie sieht ihre Wohnung aus? Wie sind ihre Lebensumstände? Ihre Rituale?

Alles hängt mit allem zusammen, und die äussere Gestalt eines Menschen, seine Art sich zu kleiden und zu geben, sagt bereits enorm viel über ihn aus. Unser Charakter manifestiert sich in jeder unserer Handlungen. Wenn wir erfahren, dass eine Person jeden Morgen genau drei Minuten lang seine Zähne putzt und 28 Paar exakt gleiche Socken hat, sagt uns das bereits SEHR viel über die Person. Frühstückt sie Lachsschaumcreme auf Avodcadoherzen in der Badewanne? einen Latte Macchiato im Stehen in der Bahn? Wie sieht die Wohnung aus? Die Bilder an der Wand? Das Bett?

Meinungen (Frau X ist nett / doof) sagen eine Menge aus, sind aber veränderlich. Weniger veränderlich sind die Ansichten, die auf gefestigten oder zumindest fest geglaubten Fakten beruhen: Was denkt die Person über das andere Geschlecht? Über Erfolg? Geld?

Noch tiefer im Eingemachten verankert sind die Glaubensgrundsätze und Überzeugungen: Alle Männer sind ..... Die Menschen lieben mich nur, wenn ich ... Wie sehr wertschätzt die Figur sich selbst? Andere Menschen? Was sind ihre Vorstellungen von gut und böse? Wie ist ihre Sicht der Welt?

Interviewer: Sind Sie Pessimist oder Optimist?

Woody Allen: Ich bin Realist.

Interviewer: Ich meine, würden Sie sagen, das Glas ist halbvoll oder halbleer?

Woody Allen: Ich würde sagen, das Glas ist leer.

Charakter in 3D: ein Fragenkatalog

Hier ein kleiner Work-In-Progress-Fragenkatalog. Wenn man alle diese Fragen für seine Figur beantwortet hat, kennt man sie bereits ein gutes Stück besser. Vielleicht inspiriert es auch andere, ihre eigenen Fragenkataloge zu schreiben.

Oft ist von einer "dreidimensionalen" Figur die Rede. Was liegt daher näher, als zu erforschen, was über, unter, vor, hinter und rechts und links von der Figur liegt?

Über ihm

Worauf schaut er auf? Was sind seine Ideale? Was sind seine Werte? Was sind Attribute, Eigenschaften, Umstände, die er bewundert und für erstrebenswert hält? Was inspiriert ihn? Was sind seine guten Eigenschaften?

Das Damoklesschwert seines Charakters: Was hindert ihn daran, glücklich zu sein? - welche "falschen" Verhaltensweisen, Denkweisen und Wertmaßstäbe müsste er überwinden, um ein größeres Bewusstsein zu erlangen und ein glücklicheres Leben zu führen?

Was hält die Figur von sich selber? Wie genau oder verzerrt ist ihre Selbstwahrnehmung? Findet sie sich toller als sie ist? Übler, als sie ist? Wie viele ihrer Gedanken kreisen um sich selbst? Ist sie kokett? Narzistisch? Überschätzt die Figur sich selbst und ihre Qualitäten? Hat die Figur das Gefühl, ihr steht mehr zu, als sie hat? Oder ist sie zufrieden? Hat sie einen Minderwertigkeitskomplex?

Unter ihm

Was ist seine größte Angst? Was wäre das schlimmste, was ihm passieren könnte?

Was verachtet und verabscheut er am meisten auf der Welt? Welche Eigenschaften? Umstände? Lebensweisen?

Welche seiner eigenen Persönlichkeitsanteile oder Charaktereigenschaften verachtet und verabscheut er am meisten an sich? Was sind seine schlechten Eigenschaften? Was sind seine "Abgründe"? Gibt es etwas, wovor er fliehen oder sich verstecken will? Oder sollte? Ist er in der Lage, seine Fehler zu sehen, und an ihnen zu arbeiten?

Neben ihm

Eine wichtige Frage: wie wichtig ist ihm die Meinung oder Bestätigung anderer? Wieviel von dem, was er tut und sagt, tut er, um anderen zu gefallen? Wie abhängig ist er davon, was andere von ihm denken?

Bemüht er sich, ein Mensch zu sein, den alle mögen?

Oder ist er unabhängig vom Urteil anderer? Autonom, mit seinem eigenen Werten? Egoistisch, mit dem Blick nur auf seinen Vorteil? Spielt er gut im Team? Ist er ein Einzelkämpfer?

Welche Meinung hat er von der Gattung Mensch? Denkt er, Hopfen und Malz seien eh schon verloren? Hält er die Menschheit noch für rett- und belehrbar? Geht er auf die Menschen zu, oder meidet er sie?

Wer sind seine Freunde? Partner? Soul Mates? Welche Partner sucht er sich? Beruflich? In einer Beziehung? Will er im Team spielen, anführen, sich unterordnen und Verantwortung abgeben? Will er seine Partner leiten? Belehren? Unterstützen? Will er ihre Wünsche erfüllen, um Bestätigung zu bekommen?

Welche Eigenschaften schätzen und bewundern andere an ihm? Welche Eigenschaften belächeln andere an ihm? Welche seiner Eigenschaften wirken auf andere nervig, irritieren, negativ, abstoßend?

Hinter ihm

Wie war seine Kindheit? Wie waren seine Eltern? Hat ihre Beziehung stark in seine Persönlichkeit eingegriffen? Hat diese Manipulation die Figur verändert? Ihre Maßstäbe für „Erfolg“ im Leben geprägt? Wie musste sich die Figur verhalten, um Bestätigung ihrer Eltern zu erlangen? Hat sie das getan? Hat sie sich verweigert? Hat sie sich gegen ihre Eltern gestellt, weil die sich ungerecht oder gewalttätig verhalten haben? Hat die Figur sich ihren Eltern entzogen und sich quasi selbst erzogen?

Wie ist das Verhältnis der Figur zu ihren Eltern heute? Ist der Figur die Bestätigung ihrer Eltern oder Mentoren immer noch wichtig? Sind es immer noch Eltern oder Freunde? Menschen, deren Rat man sucht und schätzt? Oder die Figur sich andere Vaterfiguren gesucht?

Wie waren die Umstände in Bezug auf Bildung? In Bezug auf Geld? Wie war das soziale Umfeld? Wie sehr hat es die Figur geprägt? Hatte die Figur Geschwister? Welche Bedeutung spielten und spielen diese in ihrem Leben?

Vor ihm

Wie begegnet die Figur der Welt? Freudig und extovertiert? Ängstlich und introvertiert? Ablehnend? Was hält die Figur von der Welt? Will sie sie verändern?

Sieht die Figur der Zukunft freudig entgegen oder ängstlich? Ist sie gespannt auf die Möglichkeiten oder verängstigt durch die Gefahren von Veränderungen und Altern? Mit welchem Blick begegnet die Figur der Zukunft? Herausfordernd? Bedacht? Mutig? Mit gesenktem Blick?

Schreitet die Figur voran, der Zukunft entgegen, oder bleibt sie stehen? ? Ist sein Blick nach vorne gerichtet auf die Zeiten, die kommen? Oder in die Vergangenheit gerichtet, wo alles viel besser oder sicherer war? Wie steht die Figur zu Veränderungen? Braucht sie Veränderung, um sich nicht zu langweilen? Oder hat sie sich in der Gegenwart – oder einer Vergangeheit - eingerichtet und möchte, dass alles so bleibt wie es ist? Oder das alles wieder so wird, wie es mal war? Ist der Charakter progressiv? Konservativ? Reaktionär?

Was wünscht sie die Figur von der Zukunft? Arbeitet sie selbst daran, dass ihre Wünsche in Erfüllung gehen? Lebt sie ihr Leben aktiv? Entwickelt sie sich? Sucht sie neue Wege, Herausforderungen?

Oder hat sie das Gefühl, keine Macht oder Kontrolle über ihr Leben zu haben? Ängstigt sie das Leben? Ist sie haltlos? Möchte sie die Kontrolle über ihr Leben einem anderen Menschen übertragen? Will sie anderen den Weg zeigen? Will sie Teil einer Gemeinschaft sein, die einen Weg ebnet? Möchte sie jemandem folgen, der ihr den Weg weist?

Wie belehrbar ist die Figur? Wie sehr ist sie davon überzeugt, dass ihre Meinungen und Überzeugungen die richtigen sind?