Samstag, 29. Januar 2011

Was macht eine Geschichte "gut"? Teil 1 von 7

Das Thema

Comiczeichner werden regelmäßig beworfen mit Geschichten "aus denen man einen Comic machen müsste". Ich erinnere mich, dass meine Freundin Katja mit eben diesem Satz an mich herantrat; sie erzählte mir eine Anekdote von einem Bekannten, der in einer Disko mit einem dickschädeligen, bodygebuildeten Schläger aneinander geriet – und um seinen Arsch zu retten, warf er sich einfach auf den Boden und blieb dort liegen, bis es dem Schläger langweilig wurde.

Zweifellos eine erheiternde Begebenheit, vor allem wenn man dabei ist, aber für meine Begriffe hatte diese Begebenheit ihren perfekten Rahmen bereits gefunden – erzählt in ein, zwei Sätzen, und gut is.

Das Thema, eine universelle Frage oder Beobachtung, die im Zentrum einer Geschichte steht und ihr Relevanz und „Nachhall“ verleiht, unterscheidet für mich eine richtige Story von einer solchen amüsanten, aber nicht weiter beachtlichen Anekdote. Alan Moore hat in seinem Essay "Writing for Comics" viel über das Thema geschrieben. Man könnte das "Thema" als die zentrale Frage der Geschichte definieren, eine Frage die ursächlich mit uns und unserem Leben zu tun hat, und dich viel zu groß ist, als dass man sie beantworten könnte.

  • Hanif Kureishi beschäftigt sich in seinem Drehbücher zu "Die Mutter" und "Venus" mit dem Umgang der eigenen Libido und Sexualität bei alten Menschen.
  • John Updike schrieb zeit seines Lebens über die Ehe und die - aus seiner Sicht - Unmöglichkeit des lebenslangen Commitments und der Treue.
  • Hermann Hesse hat viele Bücher über seine zentrale Frage geschrieben, ob man sein Leben eher den Freuden des Körpers oder der Bildung des Geistes widmen soll.

Und eine winzigkleine, wunderbare Comicgeschichte meines lieben Freundes und Kollegen Andreas Eikenroth handelt von einem alten Mann, der seine Katze wegen ihrer schlechten Eigenschaften ausschimpft, dieselben Eigenschaften, die er schon bei seiner verstorbenen Frau nicht mochte. Aber trotz seines Gezeters wird uns klar, dass dieser Mann seine Frau vermisst, und sein Schimpfen auf die Katze ist einfach seine hilflose Art, mit diesem Verlust fertigzuwerden.

Und wer kann uns jemals sagen, wie man mit dem Verlust eines geliebten Menschen umgehen soll? Nur ein sehr dummer Mensch hat eine Antwort auf eine solche Frage.

Und deshalb ist Andreas' Geschichte eine Story, eine gute Geschichte, und Katjas nicht.

Noch ein Beispiel:

Eine eher doofe Geschichte wäre: Frau will T-Shirt kaufen, findet aber nichts passendes.

Eine bessere Geschichte: Frau will T-Shirt kaufen, hat aber an allem etwas auszusetzen; Das wäre gut für eine kleine Charakterstudie.

Eine noch bessere Geschichte: Durch Handytelefonate während des Shoppens Gespräche mir ihrer Freundin wird klar, dass die Protagonistin mit Freunden und Boyfriends genauso umgeht wie mit T-Shirts: Sie ist nie zufrieden.


Ausflug: A Praise of Kurzgeschichten

Kurzgeschichten wie die von z.B. Raymond Carver sind großartige Fundgruben für Ideen, Herangehensweisen und Ansätze für Stories: sie beleuchten oft kleine, aber wichtige Zwischentöne im Leben, die Worte zwischen den Zeilen die man sonst übersieht; Of auch dient eine Kurzgeschichte nur dazu, einem – im guten wie im schlechten Sinne - besonderen Menschen darzustellen – schau mal, was für komische Wesen Menschen sein können. Oft haben diese Geschichten nicht besonders viel Plot, und trotzdem sind sie exemplarisch dafür, wie Menschen aufgrund ihres verschrobenen Charakters komplett auf dem Holzweg sein können. Und auch diese Geschichten hallen nach - Dorothy Parkers Kurzgeschichte "Lolita" ist hier ein gutes Beispiel – weil sie sehr entblößend auf die Schwächen hindeuten, von denen das Wesen "Mensch" nur so strotzt. Wegen ihrer begrenzten Länge, die sich vor Comics sehr gut eignen, kann man gerade aus Kurzgeschichten viel lernen.

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