Dienstag, 13. Dezember 2011

Die große Kunst der kleinen Schritte.

Ich hörte die Tage, seit langem mal wieder, eine meiner Lieblings-CDs, PYCHOTIC NUTTWERX von Fishbone, und ich musste daran denken, wie sie mir dereinst eine Lehre erteilten. Davon später.

Die Kunst der kleinen Schritte nenne ich deshalb groß, weil ich sie selbst nicht besonders gut beherrsche. Aber sie führt definitiv zum Ziel. Immer. Es gibt ein wunderbares Buch namens TIMELINE, die die Kunst aufzeigt, dass man jedes Ziel erreichen kann, wenn man es nur in genug kleine, erreichbare Schritte aufteilt. Du willst eine Graphic Novel veröffentlichen? Du willst 100.000 Euro haben? Geht alles. Dauert allerdings. Put your heart to it.

Ei-gen-tlich ist es nämlich sehr einfach, ein Ziel erreichen. Wir brauchen nur die richtige Landkarte, die uns von A zum Z wie Ziel führt. Jeder Weg lässt sich in kleine Etappen unterteilen, und wenn wir unsere Etappen zusammenhaben, brauchen wir nur noch loszugehen. Manche von uns beherrschen schon sehr früh die Kunst, sich ihre Landkarten zurecht zu legen.

Die meisten, ich eingeschlossen, allerdings nicht. Die allermeisten von uns stürzen sich wie ein tollwütiges Eichhörnchen auf ihre tolles Projekt. Wir sparen uns B, C, D und alle anderen Buchstaben und gehen direkt mit unseren Kugelschreiberkrakeleien zum Stand vom Großverlag. Hier, mein Comic.

Das sind Kugelschreiberkrakeleien von Superheldinnen beim Schlammcatchen, heisst es dann vielleicht. Passt nicht in unser Programm.

Kacke gezeichnet ist es auch.

Der typische Comiczeichner geht jetzt einen von zwei Wegen:

  1. Der Weg der Eisprinzessin

Wir stoßen erbitterte Mutterflüche über den ignoranten Kommerzverlag aus, der für unser Werk noch nicht BEREIT ist, und gehen den Weg des Samurai. Selbstveröffentlichung und/ oder Internet.

  1. der Weg des Maulwurfs

Wir wurden abgelehnt. Das bestätigt unseren schwelenden Verdacht, dass wir es nämlich nicht DRAUFHABEN, dass unser Talent einfach nicht ausreicht, und wir geben es dran.

Für die Eisprinzessinnen:

Ablehnung ist nichts persönliches. Viele machen direkt mal den Fehler, gar nicht erst vorher zu recherchieren, bei welchem Verlag ihr Projekt passen würde. Sie gehen einfach von Stand zu Stand. Hier, mein Comic. Veröffentlichen? Nein? Arschgeige.

Kleine Verlage arbeiten häufig mit ihrem Privatvermögen und wollen und müssen sicherstellen, dass irgendwas von ihrer Investition zurückkommt. Große Verlage müssen sich oft ihren Mutterhäusern gegenüber verantworten. Daher sind viele sehr vorsichtig mit Erstlingswerken. Trotzdem gibt es Dutzende von Erstveröffentlichungen, jedes Jahr. Allerdings sind die Autoren oder Zeichner oft genug bereits sehr routiniert in ihrem Fach. Aber jemand wie Adrian Tomine wurde jahrelang von Drawn & Quarterly abgelehnt, und versuchte es immer wieder. Jetzt ist er einer ihrer erfolgreichsten Autoren. There's a lesson.

Selbst wenn man abgelehnt wird – viele Verlage sind gerne bereit, ihren Input und ihr Feedback zu geben. Und wenn sie sagen, du bist noch nicht soweit, dann kann das schlicht stimmen. Es heisst dann einfach, dass wir unsere Hausaufgaben noch nicht gemacht haben. Ein saurer Apfel: wir sind – noch nicht – gut genug. Viele schmeissen hin. Einige setzen sich dran und versuchen zu lernen und besser zu werden.

(vor ein paar Jahren bewarb ich mich mit DAS KURZE HALLO bei einem Verlag und wurde abgelehnt. Das werde ich diesem Verlag nie verzeihen, aber das bin halt ich. Falsch und pubertär ist diese Haltung trotzdem ...)

Bei den vielen Zeichnern, die ich in den letzten Jahren erlebt habe, war fast immer der lange Atem, die Geduld, und die Bereitschaft zu lernen tausendmal wichtiger als Talent oder Potential.

Die inspirierendste Geschichte, die mir dazu einfällt, ist die eines Bekannten, Ansgar, der gerne Kameramann werden wollte, aber er hatte ein großes Stigma direkt von haus aus: Nur Hauptschulabschluss. Der erste Schritt war eine Fotografenlehre.

Er marschierte zwei Jahre lang von Pontius nach Pilatus, weil ihm niemand eine Lehrstelle geben wollte. Schließlich fand er eine, und lernte, was er konnte. Danach arbeitete er jahrelang in kleinen Fotografenjobs und jetzt, knapp zehn Jahre später, hat er sein Ziel erreicht. Das letzte was ich hörte, war, dass er auf Mallorca drehte. Some guys have all the luck ...

Ein Kumpel von mir ist einer der wenigen geborenen Zeichner, die ich kenne. Er hatte einen Comic fertig, und hat ihn an einen Verlag geschickt. Und wurde abgelehnt. Das war vor fünf Jahren, und er hat es nie wieder versucht.

VOM WINDE VERWEHT wurde 26mal abgelehnt. Der junge Stephen King versuchte fünf Jahre lang, seine Kurzgeschichten in einem Literaturmagazin unterzubringen. Nach fünf Jahre bekam er überhaupt erst die erste Rückmeldung – eine wohlwollende Absage, mit Verbesserungshinweisen, und nach sechs Jahren klappte es schließlich.

Kannst du dir vorstellen, wie enorm wir uns entwickeln können, wenn wir fünf Jahre an unserem Handwerk arbeiten? Der Himmel ist die verdammte Grenze. Das Universum ist sehr großzügig, heißt es in THE WAR OF ART, man muss seinen Wunsch nur laut genug äußern.

Die große Kunst des kleinen Gigs

Vor einigen Jahren sah ich die Band FISHBONE in einer kleinen Absteige in Düsseldorf-Benrath. Ich kam einige Stunden zu früh und hatte noch Gelegenheit, mit der Band zu reden, die vor dem Eingang saßen und sich unterhielten. Die Band gibt es seit über dreißig Jahren, und ihr Stilmix aus Funk, Reggae, Punk und Hardrock hatten großen Einfluss auf unzählige Bands.

Es hatte keine Plakate gegeben, keinerlei Ankündigungen. Ich und eine Handvoll Fans hatten über die Homepage von dem Konzert erfahren. Als die Vorgruppe begann, hatten sich circa 30 Fans versammelt, zwanzig davon waren Fans und Freunde der Vorgruppe, die Lokalmatadoren aus Benrath waren. Ich sah die ersten Anflüge von Frust auf den Gesichtern von Fishbone.

Als die Vorband durch war, standen noch ungefähr zwanzig Leute in der kleinen Halle. Let's do this, sagte der Sänger, Angelo Moore.

Dann betraten Fishbone die Bühne und lieferten das intensivste, leidenschaftlichste Konzert, das ich je gesehen hatte.

Sie gaben uns alles was sie hatten.

Als ich zweieinhalb Stunden später den letzten Zug nach hause nehmen musste, waren sie noch nicht mal bei den Zugaben.

The point being, of course, dass sie Profis waren.

Und das Syndrom des kleinen Gigs, für den wir uns zu schade sind, habe ich selbst, und bei anderen, immer wieder erlebt. Wir kriegen einen Job, aber er ist uns nicht cool genug, und wir liefern irgendeinen Murks. Vor einigen Jahren wurde mein lieber Lehrer Ralf gebeten, für WIESELFLINK einen Comiczeichner zu empfehlen, der seiner Meinung nach mehr Aufmerksamkeit verdiente. Er entschied sich für einen genialen Zeicher aus Hamburg, den er aus vollen Tönen lobte. Der Zeichner wurde gebeten, eine Zeichnung dafür zu liefern. Er lieferte eine nachlässig hingeschissene Krakelei, die kaum zu erkennen war. Als ich nachfragte, meinte er, ich finde Wieselflink doof.

Ein Teil von mir denkt Punkroooock, ein Teil von mir denkt, Wieselflink hin und her. Wer weiss, was sich daraus ergeben kann. Und vielleicht wäre es auch ein Zeichen von Respekt gegenüber Ralf gewesen, etwas besseres zu liefern als eine Klokrakelei.

Ich hatte eine Menge Chancen, die ich weitaus besser hätte nutzen können, wenn ich nicht eine arrogante Rotznase gewesen wäre, die auf den perfekten Job wartet. In einem Paralleluniversum bietet vielleicht DC dem jungen Alan Moore einen Job an, und der lehnt ab. „Das verf*ckte SWAMP THING? Der elende VIGILANTE, der aussieht wie ein Taucher aus der DDR der Siebziger? Batman oder Superman! Oder noch besser, meine eigene Serie! Sonst KÖNNT ihr mich mal.

(okay, sie konnte ihn dann schließlich trotzdem mal, aber erst nach einer Reihe sehr erfolgreicher Veröffentlichungen. Inklusive Supeman und Batman)

Versteh mich nicht falsch, viele Jobs, groß oder klein, sind inakzeptabel. Die Auftraggeber sind respektlos und das Geld ein Witz. Solche Jobs würde ich nicht annehmen. Aber wenn ich heute einen Job annehme, tue ich das , nach Möglichkeit, the Fishbone way.

Mittwoch, 7. Dezember 2011

Truth be told: Sechs Wahrheiten für tausend Geschichten

Ja, tach. Ich weiss, ist ne Weile her. Ich schreibe tatsächlich gerade an der Endfassung von DER COMIC IM KOPF, und überlege, ob ich den koketten Titel nicht einfach weglassen und das Buch Graphic Novel Storytelling: kreatives Erzählen in der neunten Kunst nennen soll. What else is new: Im neuen, lesenswerten ICOM-Jahrbuch ist ein Interview mit mir - an dieser Stelle nochmal einen herzlichen Dank an Burkhard Ihme für seine Unterstützung!

Auch wenn ich viel und lange darüber schreiben möchte, wie man zur Graphic Novel kommt, bin ich mir natürlich bewusst, dass eine Geschichte von 100+ Seiten für die wenigsten von uns eine Option ist. Daher gibt es im Buch einen sehr langen Abschnitt, der sich mit Konzepten für kurze Geschichten und Erzählungen befasst. Ein Ausschnitt davon sind diese sechs uninversellen Wahrheiten des Lebens, aus denen sich unendlich viele Geschichten weben lassen.

1. Nur wir sind verantwortlich für unser Leben
"Der Mensch, den du im Spiegel siehst, ist schuld" hat Micky Rourke mal gesagt, "und niemand sonst." Das ist nicht immer wahr. Viele Menschen erleben Traumata, die ihre Leben und ihre Menschwerdung entscheidend prägt.

Aber die Mehrzahl von uns - weisse Westeuropäer - hat nicht wirklichProbleme. Aber wir können nicht aufhören zu jammern und die Schuldigen zu suchen - Wenn mich meine Mutter zwei Monate länger gestillt hätte, wäre ich jetzt ein großer Künstler - wenn niemand schuld, oder verantwortlich ist, ausser uns selbst. Aber in diesem sehr menschlichen Mechanismus - die anderen sind schuld - stecken unendlich viele Geschichten verborgen. Die meisten enden nicht
gut.

2. Freunde und Liebe kommt, Freunde und Liebe geht
So unglaublich es scheint: Menschen, die uns unendlich nahestanden,werden zu Fremden; Liebe wird uns gegeben und genommen. Wir begegnen und verlieren Menschen. Und es gibt immer den Tag danach.

"Die alte Flamme oder Der EX" von Alex Robinson beschreibt die Begegnung von Sherman und Sandie, die vor vielen Jahren mal zusammen waren. Sie erzählen Freunden von ihrer Begegnung, in der rechten Spalte, wie Sherman es erlebt hat, in der linken Spalte, wie Sandie es erlebt hat. Sherman hat das Gefühl, es hätte wieder leise gefunkt, Sandie weiss beim besten Willen nicht, was sie mal in Sherman sah.

Über Verlust und Trauer sind viele sehr dumme und viele sehr kluge Geschichten gezeichnet, geschrieben und gedreht worden. Es ist ein sehr mächtiges, universelles Thema, mit dem jeder Mensch früher oder später in Berührung kommt. Dass nach der Zeit des Abschiedes und der Trauer auch eine Zeit des Wiederaufbruchs kommt, ist vielleicht die einzige tröstliche Wahrheit in dieser ganzen Liste. Eines der mächtigsten Dokumente dieses Themas ist für mich Pixars "Oben", der auf sehr ruhige Weise vom Abschiednehmen und Loslassen erzählt. Man muss schon ein serbischer Axtmörder sein, um von dieser Geschichte nicht berührt zu
werden.

3. Unangenehme Dinge gehen nicht weg, wenn man sie ignoriert
Wieviele Leute ignorieren ihre Schmerzen, bis ihre Krankheit - metaphorisch oder buchstäblich unumkehrbar fortgeschritten ist. Ich bekomme alle drei Monate meinen GEZ-Zahlungsbrief. Ich hasse und verachte die GEZ. Ich lege ihn weg. Den Brief danach auch. Und irgendwann kommt die Zahlungsaufforderung mit der Mahngebühr. Wir wissen, dass unangenehme Dinge sich nicht einfach in Luft auflösen, wenn wir sie igonieren. Aber wir versuchen es immer wieder. Am Ende von Mark Kalesnikos ALEX hat Alex Kalienko, der nach einem Leben von Alkohol und Selbsthass immer wieder starke Unterleibsschmerzen hat, schliesslich seinen Menschenhass aufgegeben und nimmt die Einladung seiner lieben Nachbarin an.

Die letzte Seite des Buches beinhaltet unter anderem einen Krankenwagen.

4. Leben ist Veränderung: Starrsinn, Unbeweglichkeit und Passivität führen nie zu etwas Gutem
Sei nicht wie der Felsen; sei wie das Wasser, lautet eine Zen-Weisheit. Öh ... könnte jedenfalls eine sein. Ich kenne jedenfalls Menschen, die wie Felsen sind, und Menschen, die wie Wasser sind, und die Felsentypen haben weitaus mehr Ärger und Probleme.

Ein Bekannter von mir kleidet sich ausschliesslich in Jeans und Sweatshirt. Gerne auch mal Jogginganzug. Er erzählte mir kürzlich, seine Schwester habe letzte Woche geheiratet, aber er sei nicht dabei gewesen: Sie hatte ihn gebeten, sich etwas schick zu machen. Jacket, oder Anzugshose, was auch immer. "Wenn sie mich nicht so akzeptiert, wie ich bin, dann komme ich nicht." Mein Bekannter wollte mir damit den Starrsinn seiner Schwester vor Augen führen, aber die Botschaft, die ankommt, ist bei uns natürlich eine ganz andere: meine Bequemlichkeit ist mir wichtiger als meine Schwester.

Ein anderer Bekannter hat Philosophie studiert. Er ist seit langer, langer Zeit arbeitslos. Er kann gut schreiben, und ich regte ihn an, wissenschaftlichen Fachzeitungen Artikel anzubieten.
"Ich will mich nicht verkaufen." war die Antwort.

Er lebt von seiner Freundin.

Wir kommen immer wieder in Situationen, in denen wir unserere Maßstäbe und Kategorien infrage stellen müssen. Viele von uns sind zu starrsinnig, zu unbeweglich, und schaden damit sich selbst, und anderen.

Eine sehr aufwühlende Geschichte des Autors Wassillijk Schukschin handelt von einem Bauarbeiter, der, um seinenVorarbeiter zu beeindrucken, vorschlägt, die alte steinerne Kirche in der Dorfmitte abzureissen, ("geht eh keiner mehr rein") um die Ziegel für neue Gebäude zu benutzen. Er fährt mit drei Bulldozern auf die Kirche zu. Das ganze Dorf versucht ihn mit allen Mitteln aufzuhalten. Er riskiert sogar lebensgefährliche Verletzungen der anderen Bewohner, er ist taub gegenüßber Aufforderungen und Bitten. Schliesslich ist die Kirche, die vierhundert Jahre alt war, zerstört. Und es stellt sich raus, dass die Ziegel zu verklebt sind, um sie weiterzuverwenden. In seiner Kneipe bekommt er kein Bier mehr, seine Frau ist ausgezogen und seine Mutter sitzt weinend vor Scham und Trauer auf dem Kamin. Der Mann kann sich
nicht erklären, was die anderen alle haben, nimmt sein Motorrad und rast in die Nacht.

Dasselbe gilt für Passivität, in denen Menschen gefangen sein können wie in einem Käfig, sehr deutlich und schmerzhaft illustriert in Chester Browns I NEVER LIKED YOU (Als "Fuck" auf Deutsch bei Reprodukt).

5. Mut wird belohnt, Feigheit wird bestraft

In der Dokumentation Full Metal Village wird ein Mann gezeigt, der seinerzeit am Aufbau des Wacken Festivals beteiligt war. Als es darum ging, das Festival zu vergrößern, was mit einem
finanziellen Risiko verbunden war, zog er sich zurück: seine junge Frau war gerade schwanger, und er hatte Angst, zuviel Geld zu verlieren. Jetzt ist er seit Jahren ohne Arbeit und ohne Perspektive; seine ehemaligen Kumpels sind durch den Erfolg des Wacken Open Air gemachte
Männer. Die Welt quillt über vor solchen Geschichten: Menschen, die aus der Illusion der Sicherheit in einem Job bleiben, den sie hassen, oder in einer Beziehung bleiben, die sie unglücklich macht. Sie haben Angst vor der Veränderung, die ihr Leben letztendlich erfüllter und glücklicher machen würde. Aber die Feigheit rächt sich. Immer.

In Criminal: Grabgesang beginnt Sebastian, der Sohn eines Gangsterbosses, eine Beziehung mit einer Schwarzen. Seinem Vater ist das ein Dorn im Auge, und er lässt sie deportieren. Sebastian hatte die Wahl: Er hätte sich gegen seinen Vater stellen und seiner Freundin
folgen können. Aber der Reiz eines Lebens als reicher, mächtiger Erbe war zu verlockend. Er zerstört damit, ohne es zu wollen, das Leben der Frau und seines besten Freundes. "Denkst du, ich wollte das?" fragt er seinen Freund am Krankenbett. "Du hattest die Wahl," ist die Antwort
"du hattest immer die Wahl."

In BOX OFFICE POISON jammert Sherman in einer Tour über den Job im Buchladen, der ihn so unglücklich macht. Alle raten ihm, sich etwas anderes zu suchen. Nach ein paar halbherzigen Versuchen findet er sich ab. Am Schluss ist er gefangen in einem Job ohne Perspektive, und seine Unzufriedenheit strahlt auf seine Beziehung aus.

Im Kino behandelt der Film "Revolutionary Road" (det. ZEIT DES AUFRUHRS) dieses Thema auf sehr beeindruckende Weise.

6. Die Wahrheit wird uns einholen
Das kann mehrere Dinge bedeuten. Zum einen, dass ein Gebäude, dass auf Lügen und Geheimnissen gebaut wurde, irgendwann einstürzen wird. In A HISTORY OF VIOLENCE wird der ehemalige Mafioso Tom McKenna, der sich ein glückliches neues Leben aufgebaut hat, schliesslich von der Mafia aufgespürt; Auch Noel Coleman in Kyle Bakers wunderbarem YOU
ARE HERE
wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Das Paar "Dude & Mickey", einer der schönsten Geschichten von Sam Kieth tragen beide einige Geheimnisse mit sich herum, die zum Schluss an Licht kommen und fast zur Trennung führen.

Man kann diese Wahrheit auch anders lesen: dass früher oder später, so sehr wir uns auch bemühen, unsere wahre Natur zum Vorschein kommt. Eine Kurzgeschichte könnte den Moment einfangen, in dem ein Mann versteht, dass seine promiskuitive, genusssüchtige Freundin niemals in der Lage sein wird, treu zu sein. Oder die Frau, die versteht, dass ihr Mann den
Thrill, das Abenteuer mehr liebt, als er jemand einen Menschen lieben wird.




Montag, 24. Oktober 2011

Prog Rock Comic: Alternative Erzählwege.

Ich lese gerade Grant Morrisons "Invisibles", eine unglaublich versponnene, komplexe Geschichte um eine Gruppe von, naja, Terroristen. Ich habe mich von dem rebellischen Geist den Buches direkt anstecken lassen und der Frau an der Kasse im Saturn die falsche Postleitzahl genannt. Nimm das, Überwachungsstaat ... aber ich schweife ab.

The point being, die Invisibles ist eine Geschichte, die alle Konventionen, inhaltlich wie formell, auf den Kopf stellt. Es ist das Äquivalent einer Progressive Rock-Platte aus den Siebzigern. Komplexe Stücken, deren Stil und Takt sich alle dreissig Sekunden ändert. Bunte Klangcollagen. Ich verspüre unwillkürlich den Wunsch, mir eine Van Der Graaf Generator-Platte zu kaufen. Sogar die Cover sehen aus wie Progressive Rock:

Es war für mich der Anlass, mal einige weniger ausgetrampelte erzählerische Techniken aufzulisten, denen ich in den vergangenen 10 Jahren begegnet bin. Nicht alles gleichermaßen innovativ, neu oder experimental. Aber alles können für mein Empfinden noch in viele neue Richtungen weisen. Viele dieser Stilmittel arbeiten auf besondere Weise mit dem Zusammenspiel von Wort und Bild, also genau dem, was das Medium Comic so einzigartig macht.

Lebensdokumente

Unter anderen: Father's Day von Alan Moore

Okay, okay, de Technik der Kombination aus Bild und Dokument ist schon eher Gang und Gäbe. Es gibt tausende von Comics, die Bilder mit Briefen und Tagebucheinträgen. Die beeindruckendste Verwendung habe ich in Alan Moore's "Father's Day" gefunden, die Story eines psychopathischen Gewalttäters, Carl Linklater, der seine Tochter entführt, und schliesslich getötet wird. Der Bilder der Geschichte werden kontrastiert mit Auszügen aus einem Brief, den Linklater im Gefängnis an seine Tochter geschrieben, und nie abgeschickt hat.

Die Dokumente, die sich im Verlauf unseres Lebens ansammeln, von uns selbst oder über uns geschrieben, sagen unendlich viel über uns aus. Wie gesagt, Tagebucheinträge und Briefe finden sich in hunderten von Comics. Aber die Möglichkeiten sind unendlich. Was ist mit dem morgendlichen Frühstücks- und Anziehritual eines kleinen, pedantischen Beamten, kombiniert mit einem Brief an seinen Vorgesetzten, dass auf die korrekte rechtsbündige Formatierung, Spationierung und Marginalisierung der Datumszeilen in Anschreiben unbedingt zu achten ist.

Der Polizeibeamte, der mit einem begangenen Verbrechen nicht klarkommt, und der in seinem Bericht versucht, dem Geschehenen durch leeren Formeln und bürokratische Phrasen den Schrecken zu nehmen?

Man kann sich einen Comic vorstellen, in dem Panel für Panel Momentaufnahmen eines Lebens dokumentiert werden: Eine Geburt, der stolze, leicht asige Vater mit seinem Baby auf dem Arm, und weiter Moment für Moment einer Jugend, bis zu dem Punkt, an dem dieses Leben eine fatale Wendung nimmt. Neben den Bildern läuft als Text die Begründung der Geschworenen, weshalb sie, in Anbetracht der ausserordentlichen Brutalität der Tat und der einschlägigen Vorgeschichte des Angeklagten, die Todesstrafe für angemessen hält.

Auch wenn in der Richtung schon viel unterwegs ist: Die Kombination aus Lebensdokumenten und Bildern bleibt eine der spannendsten Wechselwirkungen von Text und Bild.

Zeitkollagen: wie in "Best Man fall" von Grant Morrison

Sowohl Alan Moore als auch Grant Morrison waren stark beeinflusst von einer Kultur des Wandels und der Innovation, von Autoren wie Hunter S. Thompson oder William Burroughs, und ich habe das Gefühl, dass zumindest Grant Morrison seine abgedrehtesten, experimentellsten Stories in den Achtzigern und Neunzigern gemacht hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die "Invisibles" in ihrer epischen Länge und psychedelischen Wirrheit heute noch möglich wären. Die Story ist streckenweise das Äquivalent zu einem 10-minütigen Schlagzeugsolo. Andererseits hatten die Jungs damals offensichtlich komplette Narrenfreiheit und konten experimentieren, wie sie wollten. Eine der beeindruckendsten Sequenzen aus Invisibles ist die fast eigenständige Episode aus Heft Nummer 12, "Best Man fall" aus dem Sammelband Apokalipstick (hier ein längerer Text aus den Comic Book Resources über diese Episode). Hier wird das komplette Leben eines Menschen in wenigen Seiten wiedergegeben. Was die Geschichte so beeindruckend macht, ist, dass die Szenen nicht chronologisch aufeinanderfolgen, sondern als scheinbar willkürliche Puzzleteile durcheinandergeworfen werden, wie die Handlungsstränge in Pulp Fiction. In unserer normalen, linearen Wahrnehmung der Zeit - auf A folgt B, auf B folgt C bis zum Ende - macht jeder Schritt (halbwegs) Sinn und folgt auf den anderen. A führt zu B, B führt zu C. Aber Grant Morrison stellt Momente aus dem Anfang und dem Niedergang einer Beziehung direkt gegenüber, und der Effekt ist niederschmetternd. Äh, in a good way. Weil es schmerzhaft klarmacht, wo Menschen mal hinwollten, und was daraus geworden ist. Ich kann mir solche Zeitkollagen mit Leben vorstellen, mit Beziehungen, mit Karrieren ....

... und ich weiss nicht recht, was ich davon halten soll, dass die Essenz unserer Leben vielleicht tatsächlich auf 5, 6 Seiten erzählt werden kann. Ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht?

Split Screen Page: zwei Spalten, zwei Perspektiven: Gesehen in "The Old Flame", Alex Robinson

Neben Ralf König empfinde ich die Bücher von Alex Robinson als den verwandtesten Ton. Für Alex Robinson war Dave Sims "Cerebus" das, was für mich Ralf König war, und so war das extrem innovative Mammutwerk von Sim auch prägend für Stil und Form speziell in BOX OFFICE POISON, einem der zerfleddertsten Bücher meines Haushaltes. Ausser von Ralf König haben ich wohl von keinem anderen Autor soviel geklaut Inspiration gezogen.

In einem Band mit Kurzgeschichten aus dem Box Office Poison- Universum befindet sich THE OLD FLAME, das ich für Panik Elektro: Love Stories verdeutschen durfte. Ein wunderbarer dreiseitiger Comic mit zwei Perspektiven: Ein Mann und eine Frau erzählen ihren Kumpeln / Lovern von einer Begegnung mit ihrem Ex. Der Typ hat das Gefühl, die alte Flamme sei noch am Glühen, die Frau fragt sich, was sie jemals in dem Typ sah. Wir erleben eine Situation, in zwei Sichtweisen, also zwei Geschichten.

Der Indie-Film "Conversations with other women" zeigt seine komplette Geschichte, ebenfalls die Geschichte einer Begegnung und eines Wiedersehens, in einem Split Screen (fast) immer aus den zwei Perspektiven des Mannes und der Frau. Das Storytelling der letzten Jahrzehnte, sichtbar in "Acht Blickwinkel" bis hin zu "Scalped" vermittelt immer mehr eine gleichzeitig sehr profane und sehr wichtige Einsicht, nämlich dass es nicht die "eine" Wahrheit gibt. Jeder Blickwinkel ist eine Facette von ihr. Es wäre interessant, mal eine längere Geschichte zu sehen, in der die zwei Spalten einer Seite verschiedene Geschichten und / oder Perspektiven einer Situation beleuchten.

Die Stimme aus dem Off: Captions und Voice-over

"Captions", die im Film "Voice-over" heissen, sind ebenfalls gang und gäbe im Comic, als Widergabe von Gedanken oder einer Erzählstimme. Ich denke, Noir erfreut sich deshalb so großer Beliebtheit im Comic, weil es den Ich-Monolog des Erzählers im Noir-Krimi sehr gut wiedergeben und mit Bildern ergänzen kann. Manche Seiten aus SIN CITY sind erzählt wie ein Roman, garniert mit Standbildern.

Beispiele für Caption:

Eine kommentierte Kriegsszene.

Ein Erzähler in SIN CITY

und in der grandiosen Geschichte Hawaiian Getaway von Adrian Tomine.

Und auch bei den Captions, gab und gibt es unendlich viele Möglichkeiten, und einige interessante, wenn auch seltener beschrittene Wege.

Point-of-View (POV): wie bei Daniel Clowes.

Natürlich erzählen viele Comics aus der "Sicht" einer erzählenden Hauptfigur, aber In den Neunzigern machte Daniel Clowes einige Comics, die die introspektive Sicht noch einen Schritt weiterführten und komplett "Point-of-View" erzählten, so daß man wirklich nur sah, was auch der Erzähler sah, und dabei seine Gedanken las. "Strolling" begleitet eine Person (alles immer sehr nah an der Person von Daniel Clowes selber) bei einem Spaziergang durch sein Viertel, in einem anderer Comic ist der Betrachter Gast auf einer Party, auf der er niemanden kennt. Der Eindruck dieser Erzählweise ist sehr intim - wir stecken direkt im Kopf des Erzählers - aber auf die Dauer sicher auch etwas klaustrophobisch, weil immer nur einen kleinen Ausschnitt des Geschehens sehen, als würden wir durch ein (zugegebenermaßen recht großes) Schlüsselloch blicken. Ich kann mir eine solche Erzählweise gut vorstellen, um für ein paar Seiten wirklich die Wahrnehmung einer anderen Person zu erleben. Als längere Geschichte kann ich mir vorstellen, dass diese Erzähllweise eine extrem bedrückende und gruselige Atmosphäre schaffen, kann, in der die eigene beschränkte Wahrnehmung zu einem Käfig wird, aus dem man nicht ausbrechen kann.

Der unzuverlässige Erzähler: wie in BOX OFFICE POISON von Alex Robinson

Der unzuverlässige Erzähler war im neunzehnten Jahrhundert geradezu eine Modeerscheinung in den Romanen. Der Erzähler der Geschichte ist mit involviert in die Geschehnisse, und erzählt uns nur seine Sicht der Dinge, vielleicht erfindet er Ereignisse oder lässt welche weg, um vor unseren Augen besser dazustehen. Der Spass dieser Angelegenheit war es, herauszufinden, wieweit der Erzähler uns manipuliert und belügt, was wirklich passiert ist und wie die Ereignisse wirklich zu beurteilen sind.

Es ist eigentlich erstaunlich, dass der unzuverlässige Erzähler im Comic sowenig präsent ist, denn es ist das perfekte Medium dafür: in der Caption steht der Erfahrungsbericht des Erzählers, in den Bildern sehen wir, was wirklich passiert ist. Zum ersten Mal begegnet bin ich dieser Technik in einer Szene aus BOX OFFICE POISON, in der ein alternder Comiczeichner berichtet, wie er sich voller Mut und Integrität gegen die Politik seiner Herausgeber stellt und kündigt, während die Bilder eine ganz andere Geschichte erzählen. In TARA gibt es eine Szene, in der Arne seinem Freund Steffen erzählt, wie er von einer Supermarktbekanntschaft quasi ins Bett gezerrt wurde, während die Bilder zeigen, dass nichts von alledem passiert ist.

Caption aus einer anderen Zeit

Ebenfalls aus dem nimmermüden Box Office Poison stammt eine Seite, auf der ein Mörder die Spuren seiner Tat beseitigt. Die Captions über den Bildern geben das Gespräch zwischen dem Mann und einer Prostituierten vom Betreten des Raumes bis zum Moment des Mordes wieder. Ein gespenstischer Effekt. Ein ähnlicher Effekt findet sich in Sean McKeefers wunderbarem Dreiteiler THE WAITING PLACE, und am Anfang meines DAS KURZE HALLO, das sehr stark von BOP beeinflusst wurde.

Bilder einer Szene zu den Captions einer anderen Szene

Die eindringlichste Moment dieser Technik, an den ich mich erinnere, stammt nicht aus einem Comic, sondern aus der 10. Folge der Staffel 3 ("Losing the light") von THE L WORD, allerdings kann man sich die Szene sehr leicht als Comic vorstellen.

Ich tippe mal, fast jeder, der diese Serie verfolgt hat, war sehr tief berührt von dieser Folge, die in Echtzeit abwechselnd die parallelen Geschehnisse in den Leben der Protagonisten erzählen. Jenny und Max unternehmen eine Autofahrt; Bette kehrt von einer Reise zurück; Alice kauft ein Geschenk für die schwerkranke Dana; Kit spicht mit ihrem untreuen Freund Angus; Shane und Carmen sind im Bett. Die Folge wechselt zwischen diesen Szenen hin und her, und das tut sie bis zum Schluss. Aber Danas Herz setzt aus, und während die Szenen weiter wechseln, hören wir als Ton nur die panischen Versuche der Ärzte, Dana zu reanimieren, bis sie schliesslich aufgeben.

Die letzten sechs Minuten von Losing the light bei youtube.

Ich glaube nicht, dass jemand in Worte fassen kann, warum dieser Moment so insszeniert wurde. "Scribe Grrrl" hat auf der Community-Seite AfterEllen diese Szene so interpretiert:

[...] Dana has just flatlined. The nurses are panicking and there's a crash cart and all of that stuff that goes on, but the point is that nobody's with Dana: not Alice, not Dana's parents, not the family of friends she loves and needs. And as she dies, we hear the nurses and the doctor and the beeps of the machines, but we see what everyone else is doing: Shane and Carmen are fucking; Tina is holding Angelica close at the restaurant; Peggy is holding Helena's hand; Kit and Mange are making out; Jenny is resting a hand on Max's shoulder. And Bette is on the bus, feeling and knowing that something's wrong somewhere, and closing her eyes against the loss. And Alice is going back into the hospital, at just the wrong time, just in time for them to tell her that Dana is gone. She crumbles to the floor, and wails, and says no. No.

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In other news: Im kommenden Comic-Jahrbuch des ICOM erscheint ein Interview mit mir zu den Hintergründen und Perspektiven von DER COMIC IM KOPF. Ausserdem liefert das Interview einige Zeichnungen von Markus zum Buch. Im November werden wir uns nochmal intensiver zusammensetzen, die Struktur des Buches festzurren und einen schicken SNEAK PEAK zusammenstellen, mit dem wir dann an die Verlage herantreten. Drückt uns die Daumen.

Montag, 10. Oktober 2011

Zwei dicke Comics: HABIBI und SEVEN SOLDIERS OF VICTORY



Ich fühle mich in letzter Zeit wie der Bassist einer Punkband, der heimlich Supertramp hört. Auf der einen Seite ein kulturell und künstlerisch wertvolles erzählerisches Meisterwerk von einem Autorencomic, auf der anderen Seite ein vierbändiger Superheldenmammut mit so idiotischen Gestalten wie Frankenstein und einem Ritter der Tafelrunde als Protagonisten. Und am Ende des Tages war es das Superheldenbuch, das ich unter mein Kissen legte.


Ich werde noch nicht mal VERSUCHEN, zwischen den beiden Büchern irgendeine Beziehung herzustellen. Es sind zwei Comics, die ich in den letzten Wochen gelesen habe, SEVEN SOLDIERS zum zweiten Mal, und ich möchte gerne etwas darüber schreiben. Es ist ja immer SEHR dünnes Eis, wenn Comiczeichner über Comiczeichner schreiben. Ich erinnere mich an einen Podcast, wo sich drei Comiczeichner darüber ergingen, wie scheisse doch BLANKETS war. Und die Wahrheit ist, weder einer dieser drei, noch ich, for that matter, werden wohl jemals ein Buch machen, das BLANKETS an Bedeutung gleichkommt. Ich werde auch versuchen, nicht in die alte Kritikerfalle zu gehen, meine Meinung so darzustellen, als sei sie ein Faktum. Ich mochte die Kritikbücher von Nick Hornby, in denen Hornby für seine Rezensionen sehr persönliche, bescheidene Worte findet. Ich hoffe, dass es mir gelingt.

HABIBI

Zunächst also HABIBI, dessen Werdegang ich immer wieder mit aufgerissenenen Augen im Doot-Doot Garden verfolgt habe. Man kann viele Einwände haben gegen den Vorgänger BLANKETS, wie den teilweise schon arg sentimentösen Ton - "ach, wie kann ich denn Zeichnen, wenn meine Muse direkt neben mir sitzt?". Teilweise erinnerte mich Craig Thompsons fragil-verletzlich-sensibler Ton an den Prinzen aus RITTER DER KOKOSNUSS, der sehnsuchtsvoll im Fenster sitzt und "einfach nur ... singen" will. Aber abgesehen davon war BLANKETS ein sehr intimes, aufrichtiges und mutiges Buch, dass zeigte, wie wenige andere Bücher zuvor, wozu eine Grafik Novel, speziell ein Autorencomic, fähig ist. Die Person Craig Thompsons war in jedem Strich fühlbar, und es war der Stil, zusammen mit der Story, die die Kraft des Buches für mich ausmachte. Allerdings war ich auch amtierender MISTER SENTIMENTAL 2002-2006 einschliesslich, daher hatte ich, im Gegensatz zu einigen meiner Kollegen, kein großes Problem mit dem pathetischen Gutmenschenton dieses Buches.

Und jetzt HABIBI, ein unglaublich komplexes, vielschichtiges Werk, dessen Thema schwer zu fassen ist. Aber am Ende des Tages würde ich sagen, Thema ist die arabische, orientalische Kultur in all seinen Facetten, ebenso wie, tatsächlich, das gemeinsame Erbe von Christentum und Islam. Es geht um Religion und die feinen Verwebungen der arabischen Kultur mit den Prinzipien des Lebens und des Universums. Es nutzt alle Möglichkeiten des Mediums in einer vollendeten Form, und die Form ist perfekt für den Inhalt. Es ist ein meisterhaftes, unendlich vielschichtiges tiefgründiges Werk.

Wo ist also mein Problem?

Als Basis seines Buches wählt Craig Thompson die Geschichte der beiden Sklavenkinder Dodola und Sam, die sich als Kinder bereits früh durchschlagen müssen und danach echt. was. durchmachen. Heftiges, verstörendes Zeug. Kauzigerweise erinnerte mich der Plot des Buches selbst an die Cover der Angelique-Romane, die meine Mutter früher immer las: Angelique in Ketten im Kerker, als Konkubine des Königes, Sklavin, Herrscherin, das ganze Programm. Der eigentliche Plot von HABIBI ist da gar nicht so unuähnlich, ein mitreissender, aber letztendlich nicht allzu tiefgründiger Historiengroschenroman um arme, enführte Kinder, die ein bitteres Schicksal erleiden. Und die Düsterkeit dieser Geschichte war für mich teilweise schwer zu verknusen. Mir fehlt das "ist nur ne Geschichte"-Gen. Ich sehe oder lese eine Geschichte und nehme die Ereignisse als sehr real wahr. Ich liebe meine Lieblingsautoren (auch) dafür, dass ihr Ton und ihre Sicht der Welt der meinen verwandt sind. Ich liebe sie dafür, dass sie mir nicht allzuviel Gewalt und Verstörung zumuten. Eine Vergewaltigungsszene in HABIBI dauert sieben quälende Seiten. Ich bin sicher, Thompson hatte viele Gründe, die Szene so zu schreiben. Charakter und Ton der Geschichte ist sehr tief eingebettet in die orientalische, arabische Erzählkultur. Aber ich brauche diese Szene nicht sieben scheiss Seiten lang. Und dann gibt es Versklavung, Kerker, Verstümmelung und alles was sonst noch wehtut im Morgenland. Erzählt auf eine Weise, die gleichzeitig sehr reel ist, die Ereignisse aber mit dem Gleichmut eines Märchens aneinanderreiht, als hätte das alles nichts mit ihm zu tun.Und ich hatte bei Craig Thompson nicht zum ersten Mal das Gefühl, dass er Sex und menschliche Körperlichkeit generell auf eine bizarre, distanzierte, verzerrte Weise sieht, wie ein Kind, das ein Insekt auseinanderrupft. Bei aller Emotionalität bleibt die Erzählung immer noch sehr distanziert. Es gibt Szenen in HABIBI, die ich so gar nicht zusammenkriege mit dem filigranen Gutmensch aus BLANKETS.

Also, ein Meisterwerk, wenn auch ein sehr problematisches. Die beste Nachricht ist, dass dieses Buch, einmal mehr, zeigt, wozu das Medium fähig ist, und dass ein gebundener Comicroman von hunderten von Seiten ein Bestseller werden kann. Und es hagelt sehr euphorische Rezensionen, wie diese von der wunderbaren Rezensionsseite www.goodokbad.com , die, was sehr selten vorkommt, Comics neben Mangas rezensiert.

SEVEN SOLDIERS OF VICTORY. Grant Morisson


Wenn mir jemand vor ein paar Jahren gesagt hätte, dass ich mal von einer Comicgeschichte begeistert sein würde, in der Frankenstein in der Zukunft gegen Monster kämpft, die die Welt bedrohen, hätte ich ihm meinen Chai Latte über den Kopf gegossen. Aber, ach, genauso kam es. SEVEN SOLDIERS. Eine Ausgangsstory, dass sich einem die Haare kurbeln. Protagonisten wie Kraut und Rüben. Grant Morisson nahm sich seinerzeit eine Handvoll C-Promis aus dem DC-Universum, also quasi die dämlichsten, lächerlichsten "Superhelden", die keiner mehr sehen wollte, und erweckte sie in einer sehr ambitionierten Serie von dreissig Einzelheften zu neuem Leben. Und das auf fulminanteste Weise. Er schafft komplexe, fühlbare Figuren, und um sie herum jeweils eine eigene Ästhetik und einen Erzählrhythmus. Sieben komplette Geschichten, eigenständig und doch verwoben. Und die Selbsthilfegruppe für Superhelden mit geringem Selbstwertgefühl ist nur eine von hunderten großartigen Ideen in diesem Comic.

Die Prämisse im Groben: Immer wenn eine Kultur ihren Höhepunkt erreicht hat, fällt ein arges grünes Volk, die SHEEDA, wie ein Schwarm Hornissen über die Kultur her und plüdert sie, bis nur noch Staub und Asche bleibt. Das war, wie wir erfahren, bei vergangenen Königreichen der Fall, und jetzt wäre gerade unsere Epoche fällig. Die Näher der Zeit bestimmen sieben "Helden", die zusammen die Sheeda besiegen sollen, aber die Sache hat einen Haken: Die sieben Helden dürfen nicht voneinander wissen. Long story. Also gibt es eine höhere Macht, die dafür sorgt, dass diese sieben Helden die Welt retten, ohne voneinander zu erfahren. Das Ende dieser Geschichte ist ambivalent und fulminant zugleich.

Grant Morisson spielt generell mit dem Medium und den Genres wie die Katze mit der Maus. die Erzählung selbst wird zum Thema. Was man also kriegt bei SEVEN SOLDIERS OF VICTORY, sind sieben Geschichten mit sieben Helden erzählt in sieben Genres, mit jeweils einem eigenen Ton, Rhythmus und Stil. Die Geschichte sind gleichzeitig immer auch eine Studie der Stilmittel der jeweiligen Genres. Die Geschichten funktionieren als eigenständige Stories und sind doch auf genialste Weise verstrickt. Und während bei Autor / Zeichner-Kollaborationen die Seitenlayouts für mein Empfinden oft steif und unkreativ werden - das ist häufig mein Empfinden bei Y - THE LAST MAN und SANDMAN, bei aller Großartigkeit dieser Bücher - , explodieren hier die Layouts, dass es einem in den Ohren surrt. Der Einfluss des genialen Zeichners J.H. Williams III bei vielen der Seitenlayouts ist mehr als deutlich. Der schiere Einfallsreichtum und die grenzenlose Phantasie, in der Gestaltung wie auch vor allem in den Stories, haben mir die Backen auf vierzig Grad getrieben vor Begeisterung.

Im Moment lese ich die INVISIBLES, und während ich da noch nicht ganz weiss, was ich daraus machen soll, ist es schon merkbar, dass Grant Morisson ein Autor ist, der das komplette Spektrum der Ausdrucksmöglichkeiten beherrscht und ein unglaublich intelligenter, meisterhafter Erzähler ist. SEVEN SOLDIERS OF VICTORY ist das Dream Theater unter den Comics. Invisibles ist Siebziger-Jahre-Prog-Rock. Die Soli sind manchmal zu lange. Aber es gibt genügend großartigen, bewegende Moment, und einen weiteren Einblick in die grenzenlose Phantasie von Grant Morisson. A book shouldn't be a mirror, sagte mal Fran Lebowitz, it should be a door. I want to be taken. Und wahrscheinlich rührt meine Begeisterung daher, dass mich SEVEN SOLDIERS mitgerissen hat, wie lange kein Comic mehr.

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Fallen by the wayside: Best of Holzwege


In eigener Sache: Im Rahmen meiner Vorbereitung für den Storytelling-Tag der Comicademy habe ich ein bisschen nach Comicskripts gestöbert, und hatte bei http://www.comicbookscriptarchive.com die Gelegenheit, die Scripte zwei genialer Autoren zu vergleichen, nämlich Grant Morrisons "Invisibles" (hier das as PDF der ersten Ausgabe:) sowie die ersten zwölf Seiten zu Alan Moores "Killing Joke". Beide Scripte geben sehr schöne Einblicke in die Arbeitsweisen dieser zwei Ausnahmeautoren. Besonders charmant finde ich Alan Moores Art, seine Panelbeschreibung wie einen Brief an einen Freund zu formulieren - "wo ich doch weiss, wie sehr du schwarze Flächen magst". Für die Leute, die sich noch erinnern können, wie sehr ich von "Scalped" schwärmte, liegt das Script des kompletten Heftes Nummer 35 hier als Word-Dokument.

Die Nummer 35, btw, ist sehr speziell und exemplarisch für den Mut und die Vielseitigkeit dieser Serie und seines Autors, Jason Aaron, denn die Story handelt, in fast meditativem Ton, von einem alten Indianer in einem verlassenen Reservat, der gezwungen ist, in die Stadt zur Armenspeisung zu fahren, um für sich und seine Frau den Hunger abzuwenden. Und dieser Schritt ist für den stolzen alten Mann der schwerste seines Lebens. Ich fand die Episode auch deshalb so bewegend, weil ich persönlich jemanden kenne, der auf die "Tafel" angewiesen ist. Ich bin immer wieder erstaunt, wieviel Wahrheit heutzutage im "Mainstream" unterwegs sein kann.

Zu WAYSIDE:
Vor einigen Tagen hatte ich nochmal die Gelegenheit, die unzähligen Fotos zu sortieren, die ich mit meinen lieben Kollegen von PXP über all die Jahre auf Comicmessen gemacht habe. Und bei der Gelegenheit sind mir immer wieder auch Gesichter begegnet, die irgendwann kamen und irgendwann wieder weg waren. Fallen by the wayside. Bei manchen habe ich keine Ahnung, was aus ihnen wurde, bei vielen weiss ich es.

Da wir ja nun dank Alan Moore schon wissen, wie man Erfolg hat (tu das, was du liebst, und versuch darin besser zu werden), wäre es doch mal interessant, zu sehen, welche Zeichner und Autoren es irgendwann aufgegeben haben. Und warum. Warum warum konnte sich ihr Traum nicht verwirklichen? Ich schreibe das hier ohne jede Häme und ohne jeden Zeigefinger, denn ich habe selbst in den letzten zehn Jahren kaum einen Holzweg ausgelassen. Wie generell im Leben sind es kleine, unwillkürliche Entscheidungen, die unser Leben prägen. Ein, zweimal falsch abgebogen, und der Traum ist hinterm Horizont verschwunden. Bei mir fließt stilistisch wie inhaltlich langsam alles zusammen, aber wer weiss, was gewesen wäre, wenn ich Ralf König nicht begegnet wäre? Oder Wittek, Mille, Sarah?

Best of Scheitern:

Ich schreibe / zeichne Comics, lese aber selbst keine
Kaum zu glauben, wie verbreitet diese Haltung ist, und wie spezifisch für das Medium Comic. In jedem anderen Medium ist sowas undenkbar. Alle Buchautoren, die ich kenne und / oder lese, sind selbst fanatische Leser. Nick Hornby kauft jeden Monat Dutzende von Büchern. Musiker sind immer auch Fans. TV-Autoren kennen natürlich, sehr genau, die Serien anderer Sender und anderer Autoren. Nur bei Comics bleiben viele Zeichner und Autoren in den Achtzigern stecken und denken, es hätte sich stilistisch wie inhaltlich seit den STURMTRUPPEN nicht viel getan. Comics sind in ihren Augen immer noch das Medium, in dem Frauen mit Nudelhölzern hinter der Tür lauern und Männer von Leitern fallen. In keinem anderen Medium findet man Kreative, die ihrem eigenen Medium derart borniert und ignorant gegenüberstehen.

Auch gerne genommen: Ich zeichne Manga, lese aber keine Comics. Und umgekehrt.

Ich Künstler, du Jane
Hier die TOP 3 der Themen, wenn man sich einen Abend mit Freunden so
richtig versauen will:

- Politik
- Religion
- Kunst

Eine Freundin von mir arbeitet für eine Agentur, die mit Kunstmalern zusammenarbeitet. Sie berichtet, dass es schon längst nicht mehr um die Bilder geht, sondern um die Personen der Künstler. Das Handwerk der Kunst ist zu einem Kult der Personen geworden. Es geht nicht mehr darum, was wir machen. Es geht darum, wer wir sind. Es passt in eine Zeit, die die
Individualität feiert wie nie zuvor.

Und sich als Künstler zu betiteln und zu fühlen, heisst für viele, dass sie vom Konzept des Handwerks und des Lernens komplett losgelöst sind. Denn sie sind ja Künstler und daher sozusagen von Werk ab toll. Und so tummeln sich um jeden Comiczeichnertisch die Menschen, die einem von den Wehen und Leiden ihrer Kunst erzählen, von dem Ringen mit ihrer Kreativität. Ohne jemals etwas zu machen. Wir alle tragen den Virus des Narzismus in uns. Eitelkeit und Ego sind wie zwei rötzgörige jüngere Brüder, die uns die ganze Zeit unsere Dates versauen, und je eher wir sie zuhause lassen, desto besser.

Denn am Ende des Tages bleibt eben doch nichts von uns, als unsere Taten.

Kritik ist was für Bettnässer
Ein langjähriger Tischnachbar war ein Zeichner, dessen Geschichten eigentlich nicht sooo schlecht waren. Aber er war nicht besonders in Anatomie und Mimik. Seine Figuren waren hölzern, steif und leblos. Seine Männer sahen aus wie schlecht abgezeichnete Ken-Puppen, und seine Frauen sahen aus wie schlecht abgezeichnete Ken-Puppen mit Brüsten. Aber er. gab. alles. Er rannte von Pontius nach Pilatus und hielt jedem, der sich greifen ließ, seine Zeichnungen unter die Nase. Und alle sagten immer dasselbe: deine Figuren sind hölzern, steif und leblos. Aber das war nicht das, was er hören wollte, und er machte immer weiter wie bisher, verkaufte nicht, und schließlich gab er auf.


Für uns alle ist Kritik schwer zu verdauen. Wir alle wollen, dass man uns toll findet. Die Hälfte der Bücher in den Top Ten tragen Titel wie "Weshalb es egal ist, wieviel du wiegst" "Ich bin toll: weshalb wir mit uns zufrieden sein sollten". Aber was wir machen, ist nicht das, was wir sind. Wir fassen Kritik an unsere Arbeit auf als Kritik an uns. Aber so ist sie nicht gemeint, und so sollten wir sie nicht verstehen. Tatsächlich ist es beeindruckend, wieviel Untestützung Zeichner und Autoren im Comic bereit sind zu geben. Die routiniertesten Zeichner waren sich nicht zu schade, sich für eine halbe Stunde mit mir hinzusetzen um mit mir meinen Stil zu besprechen. (Fast) alle in der Szene sind bereit, viel zu geben. Wir sollte es annehmen.

Der schmorende Zeichner im eigenen Saft
Man kann Kritik ignorieren; man kann auch einen Schritt weitergehen, und sich der Kritik gar nicht erst stellen. Wir zeigen unsere Sachen nur im Freundeskreis rum, kriegen unsere erwartete Bestärkung und machen munter weiter. Und riskieren dann Jahre später, wenn wir uns der grausamen Welt präsentieren, einen heftigen Schlag in die Hoden unserer Egos.

Wir alle wollen gerne der erste Hund sein, der an den Baum pinkelt. Speziell die Zeichner unter uns stellen sich vor, wie sie mit ihrem neuen, innovativen Stil, der WEGE GEHT DIE NIE ZUVOR GEGANGEN WURDEN. Wir kombinieren Superheldenkörper mit Mangagesichtern. Und weil wir uns vor Kritik so scheuen, murxen wir erstmal jahrelang im stillen Kämmerlein vor uns hin, bis wir schliesslich der Welt unseren Stil präsentieren und fest damit rechen, dass die Erde vor lauter Hochachtung erstmal aufhört, sich zu drehen.

Ich habe vieler solcher zusammengenähter Stile erlebt, und Leute, die das Rad neu erfinden wollten. Ich war selbst erster Vorsitzender dieses Vereins. Ich wollte mir von niemandem reinreden lassen, bis mein Idol höchstselbst kam und mir reinredete. Und das war und tausendfacher Hinsicht das beste, was mir passieren konnte, und zeichnerisch geradezu meine Rettung. Gerade beginnende Zeichner mit ungeübtem Auge haben die verzerrteste Selbstwahrnehmung, die größte Arroganz und den blassesten Schimmer. Sich an einem bestehenden Stil zu orientieren hat vor allem den einen großen Vorteil, dass dieser Stil konsistent in seiner Abstraktion ist. Er kombiniert nicht realistisch gedachte Körper mit Pünktchen-Komma-Strich-Gesichtern. Je eher man sich Feedback holt und / oder sich in der Stilentwicklung begleiten lässt (Unterricht!!Unterricht!!Unterricht!!), umso besser. Ich weiss von mir, dass mein Stil erst dann anfingt, zusammenzulaufen, als ich Unterricht bekam.

Ich zeichne nicht das, was mir gefällt, sondern dass, was das "Publikum " lesen will
"Nachdem mein Epos über großbusige Vampiramazonen abgelehnt wurde, mache ich jetzt Cartoons. Cartoons gehen immer."

Pfui, sage ich, pfui.

Wenn wir unsere Geschichten gut erzählen, können wir in anderen Menschen Gefühle hervorzurufen. Es ist wie eine Zauberkraft, und man sollte sie bewusst, und mit Bedacht anwenden. Wir haben schon genug Werbung, die offen und ausdrücklich unsere innersten Wünsche anspricht, um uns zu manipulieren. Wir brauchen nicht auch noch Geschichten, die uns belügen.

Abgesehen davon: es funktioniert meistens nicht. Seth Rogen hat in einem Interview darüber gesprochen, speziell im Kino produzieren viele Autoren Filme, die sie selbst nicht komisch finden, von denen sie aber denken, dass ANDERE sie komisch finden. So entsteht so etwas wie DIETER - DER FILM. Wir sind im Alltag schon oft genug gezwungen, Rollen zu spielen. Wir sollten wenigstens im Erzählen so authentisch wie möglich sein.

Es wird immer viel zuviele Bücher, Comics, Filme, Texte geben.

Aber nie genug Wahrheit.

Sonntag, 25. September 2011

Wenn mir einer quer kommt - Action im Comic

Ich hatte es bereits an anderer Stelle geschrieben – wenn man davon augeht, dass es drei Kategorien gibt, die in einer Geschichte wiedergegeben werden können, nämlich




  • Gedanken und Gefühle


  • Dialog


  • Bewegung / Action
dann glaube ich, dass der Comic für Gedanken, Gefühle und Dialog das bessere Medium ist als für Action. Deswegen denke ich auch, dass Actionlastige Superheldenstories letztendlich am besten im Kino funktionieren. Und auch ein „Action“-Genre wie Crime Noir funktioniert im Comic so großartig, weil die Handlung ständig von den Gedanken der Hauptfigur kommentiert und bewertet wird.

Aber nichtsdestotrotz gibt es viele effektive Möglichkeiten, Bewegung im Comic fühlbar wiederzugegeben, und darum gehts heute mal.


Kreuz und Quer!


Das für mich wichtigste Prinzip für die Darstellung von Bewegung in Bild und Grafik kennen wir, aktiv oder passiv, aus dem Grafikdesign. Grafikdesign setzt horizontale und vertikale Linien für und Flächen ein, um Ordnung, Stabilität, Beständigkeit und Seriösität darzustellen. Also so ziemlich das Gegenteil von Bewegung und Unruhe.
Denn dafür wird die DIAGONALE verwendet. Alles diagonale steht für Bewegung und Dynamik.
Und so sind diagonale auch im comic die Grundlage für die Darstellung von schneller, dynamischer Bewegung, wie in dieser Actionszene aus THE LONG HALLOWEEN.



Bewegung in Panels und Seitenlayout


Es ist schon einiges in Bewegung im obigen Beispiel, aber die Panels sind weiterhin orthodox rechteckig, und das Seitenlayout sehr aufgeräumt. Der nächste Schritt wäre, sich die Panels zu schnappen, und auch die Panels diagonal zu setzen, wie in diesem Beispiel aus Ed Brubakers BÖSE KLEINE STADT, in der das "Rumkurven", des Autos auf die Panelform und das Seitenlayout übersetzt wird.




Die folgende Doppelseite aus SEVEN SOLDIERS OF VICTORY geht noch einen Schritt weiter in seinem Einsatz von diagonalen, asymetrischen Panels, die ein starkes Gefühl von Unruhe und Bewegung in die Seite holen. Auch die aus den Panelrahmen herausbrechenden Formen sind ein Werkzeug für Bewegung im Comic.



Gesplitterte Wahrnehmung: kleine, schnelle Panels


Ein Panel ist im Comic eine Zeiteinheit. Viele kleine Panels beschleunigen die gefühlte Zeit, und auch das kann man in Actionszenen gut brauchen. Die Wahrnehmung wird aufgesplittert in viele kleine Einheiten, als ob man schnell den Kopf hin- und herbewegt, um eine unruhige Situation zu erfassen.
Die "Kamera" in Actionszenen


Ein weiteres schickes Werkzeug für Action ist die "Kamera", mit der man die gezeigten Momente darstellt. Typisch für eine Actionkamera ist zB der Wechsel von und in extreme Perspektiven, wie in der Rumkurv-Seite aus BÖSE KLEINE STADT: Die Kamera wechselt von extremen Close-Ups und Weitwinkel-"Aufnahmen", und macht starken Gebrauch von extrem hohen und extrem niedrigen Perspektiven (Frosch- und Vogelperspektive), was die Dramatik der Situation spürbarer macht.


Ausserdem gibt es extreme Wechsel zwischen nah und weit: der Zoom der Kamera dreht vollkommen durch und wechselt von Bild zu Bild zwischen extremen Close-Ups und Weitwinkelaufnahmen. Eine weitere Möglichkeit, um unsere Wahrnehmung durcheinanderzubringen und den Takt einer Szene zu erhöhen.



Ein radikales Mittel, um Action für Leser spürbar zu machen, ist, Sachen (oder Personen) in Richtung des Lesers zu schleudern. Die Action passiert rechts und links am Ohr des Lesers vorbei ....



... oder kommt direkt auf ihn zu. Dieses Spiel mit der räumlichen Achse erzeugt fast einen 3D-Effekt.
Dieser Figur-springt-Leser-an-Effekt war mal sehr in Mode; er verbraucht sich schnell, und seine Wirkung entfaltet sich am besten in homöopathischen Dosen.


In eigener Sache: Es wurde der Wunsch nach mehr Ordnung und Organisation laut, daher wird irgendwann in den nächsten Wochen eine Homepage für DCIK starten, auf der alle Beiträge strukturiert thematisch geordnet sind. Besonders die Trommel rühren möchte ich auch für ein mehrseitiges Interview, das Burkhard Ihme mit mir für das neue ICOM-Jahrbuch geführt hat, und indem hoffentlich etwas mehr Artwork von Markus bzw. Probeseiten aus dem Buch zu sehen sind. Happy Trails!













































































Sonntag, 11. September 2011

Wieso, weshalb, warum: Fragen und Antworten am Anfang einer Geschichte.




In der alten Schule des journalistischen und publizistischen Schreibens galt das Prinzip, zunächst einmal einen Haufen „W“s zu klären,: Wer, wo, wann, was, wie, weshalb. Es geht darum, dem Leser möglichst schnell eine Orientierung zu verschaffen. Wenn die Grundlagen geschaffen sind, kann man mit seiner Argumentation loslegen.

Zumindest ein paar dieser Ws sollte auch die Anfangsszene einer Geschichte liefern: Das Wo, das Wann, und vor allem das Wer. Am Anfang einer Geschichte sind wir Leser wie das Küken, das seine Mutter verloren hat, und jetzt dringend jemand sucht, dem es hinterherlaufen kann – den Protagonisten. Wenn eine Geschichte den Schwerpunkt auf Atmosphäre setzt, beginnt sie vielleicht mit einer Einstimmung auf das Umfeld des Geschehens, bevor die Figuren in Erscheinung treten; Handlungsorientiertere Plots präsentieren sehr schnell den Konflikt, und führen danach schrittweise Umfeld und Figuren ein.



Was ist eigentlich ein Anfang?


Meine liebste Definition eines Anfangs stammt – mal wieder – von Aristoteles: ein Anfang ist etwas , worauf etwas anderes folgen muss. Diese Aussage klingt erstmal ziemlich „Ach was?“. Gemeint ist, dass ein Ereignis eintritt, das ein anderes Ereignis nach sich zieht. Beispiel Hänsel und Gretel: Es waren mal zwei Eltern, und die hatten zwei Kinder. Sie waren sehr arm.

So weit, so gut. Noch kein Ereignis.

Sie waren so arm, dass sie kaum genug zu essen hatten.
Ihre Klamotten waren auch ganz schön runter.
Das Geschirr war alt und häßlich. Die Möbel auch.


Und so könnte es noch seitenlang weitergehen, aber die Eltern beschliessen, ihre Kinder in den Wald zu schicken. Und damit beginnt die Geschichte. In Kinofilmen und Romanen kommt dieses Ereignis oft erst nach zwanzig Minuten, nachdem zunächst die Figuren und ihr Umfeld eingeführt worden sind.


Kurzgeschichten und Erzählungen springen oft direkt ins Ereignis, oder kurz davor oder danach, und liefern im Verlauf der Erzählung stückweise weitere Infos über die Figuren und ihre Lebensumstände.


Anatomie des Anfangs: Vom Ganzen ins Detail


Der klassische Anfang einer Geschichte oder einer neuen Szene klärt erstmal den Ort. Wir sehen ein Gebäude, ein Feld, eine Raumstation. Dann die Situation, die wir vorfinden. Ein Raum, und Personen, die auf eine bestimmte Weise zueinander stehen. Wenn die Informationen des Wann/wo/wie geklärt sind, komzentrieren sich die folgenden Panels häufig auf Mimik und Körpersprache de Figuren. Die gute Nachricht für alle Zeichner: Wie müssen nicht unbedingt in jedem Panel wieder den Raum zeichnen. Wir wisssen schon, wo wir sind.



Hier ein sehr klassischer Anfang aus "Catwoman: Böse kleine Stadt". 1,Ort, 2.Situation. 3ff - Gesichter und Gesten.



Am Beispiel von David Boring: 1. Ein Ort, 2.eine Situation, 4ffGesichter, Mimik, Gestik.





In dem Zusammenhang kann ich nur empfehlen, sich mal mit einer Folge seiner Lieblingsserie hinzusetzen, und die Anatomie einer Szene Bild für Bild aufzuschreiben und zu analysieren. Da das Medium TV ganz besonders darauf angewiesen ist, seine Zuschauer bei der Stange zu halten, findet sich hier das effizienteste visuelle Storytelling. Wie in dieser Szene aus HEROES:



Die Kamera klärt die Basics, das Wo und Wer, und wechselt dann zwischen Close-ups und Halbtotalen, je nachdem, ob der Gesichtsausdruck und/oder Gestik und Stellung des Körpers wichtig sind.


Andersrum: Vom Detail ins Ganze


Andererseits, warum SOLLTEN wir alle Fragen des Lesers so schnell beantworten? Populäre Romane fangen gerne mal mitten im Gespräch an, und erzeugen so im Leser den Wunsch, weiterzulesen, um die Situation durchblicken zu können. Diese Erzählweise schafft einen stärkeren Sog beim Leser. Ein weiteres Beispiel aus HEROES, weil es grade so praktisch ist.




Azarello und Risso sind Genies dieser Technik und setzen sie in ihrem 100 BULLETS kräftig ein. Die ganze Serie ist ein Lehrwerk in Seitenlayout. Man sieht nur ein kleines Detail, eine Fliege an der Decke, ein leeres Glas auf einer Theke, und Schritt für Schritt wird die Szene aufgelöst. So kann man mit der Information und den Erwartungen des Lesers spielen, aber gerade beim Einführen der Personen oder ihrer Konflikte sollte man sich nicht zuviel Zeit lassen. Die Aufmerksamkeitsspanne der Post-MTV-Generation ist inzwischen auf drei Sekunden gesunken. Und wichtiger als die ganzen Wers, Wanns und Wos ist die erste Frage, die sich ein Leser unbewusst stellt, die nach dem Weshalb - Weshalb sollte mich das hier interessieren?


Erstmal Stimmung, dann der Rest: Visuelle Einstimmungen


Viele Autoren entscheiden sich dafür, erst einmal eine Stimmung zu erzeugen, bevor Personen oder die Handlung eingeführt werden, und hier kommt die Stärke des Erzählens in Bildern zum Tragen. Ein Bild sagt tausend Worte, heißt es. Das ist nach meiner Erfahrung bei weitem nicht immer so. Viele Bilder sagen mir nur ein Wort: Haus. Baum. Straße.


Aber mit Licht, Blickwinkel und Komposition können wir jedem Bild, mit dem wir eine Geschichte einleiten, eine Stimmung verleihen. Ein Haus kann mehr sein als ein Haus. Es kann für eine Idee stehen, für ein Gefühl. Ich erwähnte bereits David Mamets Prinzip des visuellen Erzählens. Er geht von einer Idee aus, einer abstrakten Kategorie wie Ungeduld, Ungewissheit, Bedrohung, Harmonie - und sucht dann nach Bildern, die diese Idee wiedergeben. Möglichst, ohne in Klischees zu versinken.Bilddatenbanken haben die Kategorie des „Konzeptes“, die der „Idee“ bei Mamet sehr nahekommt.

So sehen wir mehr als ein Haus. Wir sehen, und fühlen vor allem, die Idee des Bildes: Harmonie, Macht, Autorität. Unser Verstand nimmt das Motiv wahr, aber unser Bauch fühlt die Idee des Bildes. Die Situation hat tiefere, emotionale Ebene. Deswegen lohnt es sich, am Anfang einer Geschichte oder einer Szene zu überlegen, mit welcher Stimmung wir in die Geschichte treten möchten, und wie wir diese Stimmung visuell wiedergeben können. Manchmal ist eine Haus wirklich nur ein Haus. Manchmal ist es mehr.


[Dasselbe und doch anders: Motiv Haus.]




Einige Archetypischen Anfänge:


Klassisch: Wer, wo, wann, was.
Man sieht ein Haus, dann ein Zimmer, eine Familie am Tisch. Gespräch, das die Figuren einführt.


„Hier entlang, bitte“
Wir werden gemeinsam mit der Figur in die Umgebung eingeführt. Der Wagen einer Familie fährt in ein Dorf ein; ein Ehepaar besichtigt zum ersten Mal sein zukünftiges Haus. Ein neuer Schüler wird der Klasse vorgestellt. Ein Anwalt wird zur Zelle seines Mandanten geführt.


Erstmal die Leiche. Den Rest klären wir später.
Der Whodunnit, die Krimistory, in es darumgeht, "wer es getan hat", redet, speziell im Comic nicht groß drumrum: Im ersten Bild von David Laphams MURDER ME DEAD hängt direkt mal eine Frau von der Decke. Ähnliche Anfänge liefern zum Beispiel BLACKSAD oder der Edel-Whodunnit WATCHMEN.


Die drohende Gefahr
Eine Frau betritt eine dunkle Gasse. Erste Schatten. Dann Bedrohung und Rettung durch den Helden. Der archetypische Beginn einer (Super)Heldengeschichte, in einer Variation zu finden in V FOR VENDETTA und mit einem ironischen Schlenker in THE MAXX.


(wird fortgesetzt)

Sonntag, 4. September 2011

Gute Struktur, böse Struktur: Wieviel Planung ist gut für den Plot?


Die Malerin Jeanne Carbonetti berichtet von zwei Arten von Schülern: Die einen schäumen über vor Ideen und Enthusiasmus, fangen voller Elan dutzende von Bildern an, die dann halbfertig in der Ecke stehenbleiben, weil eine neue Idee um die Ecke kam, die *dringend* umgesetzt werden musste.

Die zweite Art Schüler geht sehr planvoll und zielgerichtet vor: Sie formulieren das Motiv stufenweise aus, schaffen ein solides Fundament in der Komposition und der Wahl der Farben und nähern sich dann Schritt für Schritt dem fertigen Bild.

Soweit, so gut.

Der Haken: es macht überhaupt keinen Spass.

Meet the two sisters of creation: Chaotina and Orderella
Chaotina ist die spaßige, originelle, die vor Ideen sprudelt, witzige und neue Zusammenhänge erkennt und eine grenzenlose Phantasie an den Tag legt. Sie ist voller Enthusiasmus und findet alles toll. Ihr Leben ist in jeder Beziehung eine Baustelle.

Orderella ist die aufgeräumte, zielstrebige, die alle Aufgaben sofort erledigt. Verheiratet, zwei Kinder. Sie ist nicht unbedingt die Partykanone, aber sie ist sehr verlässlich und findet für alles eine Lösung. Sie hat den Wunsch, und die Gabe, Dinge zu betrachten und zu beurteilen.
Es ist nicht so ganz einfach mit den beiden. Sie lieben sich und beneiden einander insgeheim höllisch, aber man sollte sie nie gemeinsam zum Tee einladen. Sie keifen sich nur an.

Und das ist das, was viele Autoren tun. Sie schreiben einen Satz, und und lassen ihn durch ihre innere Beurteilungsbehörde laufen, bewerten, kritisieren und verbessern. Und dann den nächsten, und den nächsten. Ein quälendes Hin und Her, jeder Satz und jede Idee wird infrage gestellt und diskutiert, bis alle frustriert mit aufgeriebenen Nerven am Boden liegen.
Also, warum nicht tatsächlich beide nacheinander herbeiholen, damit jeder ungestört das machen kann, was er kann.

Man beginnt seine Geschichte mit dem Festlegen einer einfachen Struktur. Und improvisiert später wild darüber wie ein Jazzer über eine Akkordfolge.

Oder man beginnt mit einer Idee, und lässt sie einfach eine Weile wachsen. Und schaut dann später, ob man Strukturen oder Muster erkennen kann, auf die man dann hinarbeiten kann.




Der erste Entwurf ist immer Kacke ist eine oft postulierte Tatsache, vielleicht nicht immer in diesem Wortlaut. YOU WILL MAKE A MESS, schreibt Jerry Cleaver in seinem genialen Buch Immediate Fiction. Stephen King empfiehlt in seinem grandiosen VOM LEBEN UND VOM SCHREIBEN, einfach draufloszuschreiben, ohne inneren Kritiker, alles hinzuwerfen, was einen zu einer Idee oder einem Thema einfällt. Einfach eine Idee fertigzuspinnen.

Dann lässt man sie ein paar Wochen liegen, und kehrt mit einem frischen, analytischen Blick zurück.

Egal, ob man mit Chaos oder mit Ordnung beginnt. Ich denke, man kommt am besten voran, wenn man jede der Schwestern in Ruhe ihren Job machen lässt, anstatt sich auf einen inneren Zickenkrieg einzulassen.

Kreativität kommt aus der Freiheit, in jede Richtung abschwirren zu können, die abwegigsten Dinge zu kombinieren und die wildesten Wege zu beschreiben. Oft kommt uns das zusammenphantasieren von Stories vor wie Rumträumen, eine surreale Erfahrung, die uns von der Realität löst und in einen komischen Zustand von *Bliss* ohne Raum und Zeit versetzt. Ein unglaublich glücklicher Zustand. Die Kunstbewegung der Fluxisten hatte das erklärte Ziel, diesen beseelten Zustand möglichst lange im Leben zu erhalten.

Aber wir müssen irgendwo anfangen, und irgendwo aufhören. Früher oder später, und ganz sicher bei Geschichten mit 100+ Seiten, brauchen wir Form, Ordnung und Struktur. Aristoteles lobt bei Homer dessen Fähigkeit, in einem Ereignis wie dem Krieg von Troja nicht einfach die komplette Schlacht zu erzählen, sondern die Geschichten zu erkennen, und zu extrahieren, die in diesem Krieg verborgen liegen. Was sich wie von selbst liest, und leicht und fließend wirkt, ist das Ergebnis von viel Struktur und Organisation.

Viele, viele Autoren bleiben beim ersten Entwurf hängen. Sie stürzen sich mit dem Kopf nach vorn in die Bilderflut ihrer Phantasie und schreiben.

Und schreiben. Und schreiben.

Und wenn es dann an der Zeit wäre, der Geschichte Struktur zu verleihen, die Inhalte zu ordnen und zu verdichten, legen sie sie weg, und fangen die nächste an. Oder machen einfach weiter. Gott allein weiss, wieviele 700seitigen, nie vollendete Epen in den Schubladen dieser Welt herumliegen.

Es wäre mal interessant, zu erfahren, wie oft Adrian Tomine HAWAIAN GETAWAY umgearbeitet hat. Oder Daniel Clowes KARIKATUR.

Gute Struktur, böse Struktur



Aber wie bei Alkohol, Drogen und Schuhen gibt es so etwas wie ein Zuviel an Struktur und Planung.

Und das ist besonders der Haken, wenn man Storytelling-Strukturen aus dem Drehbuchbereich übernimmt. Manche Drehbuchschulen gehen soweit, die Minute vorzugeben, in der sich in der Geschichte ein Wendepunkt vollzieht.

Ganz abgesehen davon, dass eine solche Herangehensweise für jedes Medium absurd ist, sind Comics sehr viel freier als das Kino. Im Kino sitzen die Zuschauer 90 Minuten dem Geschehen ausgeliefert, und seit Jahrzehnten doktert Hollywood an der perfekten Dramaturgie, die für 90 Minuten die Aufmerksamkeit des Publikums am besten bindet. Als Leser eines Comics ist man sehr viel freier. Auch wenn man mit Panelschlagzahl und dem Takt einer Szene viel Einfluss nehmen kann: der Leswer kann den Leserhythmus selbst bestimmen. Er nimmt eine viel aktivere Rolle ein.

Im Storytelling gibt es offenere und geschlossenere Strukturen und Prizipien. Aristoteles spricht davon, dass eine Geschichte Anfang, Mitte und Schluss braucht. Hollywood spricht davon, dass eine Geschichte drei Akte braucht, mit sonundsovielen Plot Points.

Und ich fühle mich weitaus wohler mit den offenen Strukturen.

Nur mal als Beispiel: Welche Vorgaben sind die konstruktivsten?

-keine Vorgaben



-Thema "Neid", Länge 10-20 Seiten
-Thema "Neid", 28 Seiten. Geschichte muss drei Akte haben, mit Wendepunkten auf Seite 3, 18 und 23. Alle sieben Seiten eine Actionszene von ca. zwei Seiten.

Ich glaube, die große Kunst für uns alle, in der Organisation unserer Leben ebenso wie unserer Geschichten, ist herauszufinden, wie wir am besten kreatives Chaos und formgebende Ordnung jonglieren. Ich kenen viele unglaublich kreative Menschen, die rechts und links Baustellen anhäufen und ihre Kraft verpuffen lassen. Und ich kenne einige sehr ordnungsliebende kreative Menschen, deren Ordnungssinn ihrer Kreativität im Weg steht. Aber sie machen ihre Bücher, und gehen ihren Weg. Im Zweifelsfall ist mehr Struktur und Organisation also vielleicht nicht so doof.

Ich weiss, dass wir uns alle für toll und besonders halten, weil wir den göttlichen Segen der Kreativität erhalten haben. Ich weiss aber auch, dass nur Ordnung und Struktur mich dazu bringen können, angefangene Dinge zu beenden.